Doch Stilkolumnistin Zarah Crawford führte nicht nur Werbeplakate von properen Hausfrauen oder Bilder von Alice im Wunderland ins Feld, sie erwähnte auch die kalifornische Künstlerin Andrea Zittel. Also musste an der Sache etwas dran sein. Ein kleiner logischer Fehler unterlief Crawford: Sie verwies auf Zittels Projekt "Smockshop". "Smock" ist ein englisches Wort und heißt nicht "Kittelschürze", sondern nur "Kittel".

Gleichgültig, welches Haushaltskleidungsstück der Begriff nun ursprünglich bezeichnet - Zittels Smocks kann man jetzt auch in Berlin kaufen: Für die kurze Zeit einer Ausstellung hängen sie in der Galerie Sprüth Magers an der Stange. Keine Kittel, sondern exquisite leichte Sommerkleider. Einzelstücke ausnahmslos. Der Smock riecht längst nicht mehr nach Reinigungsmitteln oder Laborluft, sondern hat den evolutionären Schritt zum locker herabfallenden Kleid vollzogen. Als solches versetzt er seit einigen Jahren die Modewelt in Aufregung. Es gibt Feinde und Fans. Während die einen behaupten, der Smock verleihe wirklich jeder Frau den Anschein, sie könnte schwanger sein, preisen die anderen ihn für Lässigkeit und Eleganz, die erlaubten, das Kleid sowohl zu Sandalen als auch zu High Heels zu tragen. "Ich mag einfach die Idee des Smocks", sagt die Künstlerin. "Das gesamte Gewand ist aus einem einzigen Stück geschnitten."

Der simple Smock ruft nun bei der Begegnung im Ausstellungsraum komplexe und durchaus diverse Reaktionen hervor: Ein Pensionär hält verschämten Sicherheitsabstand zu den Kleiderständern, so als sei er versehentlich in der Damenunterwäscheabteilung der örtlichen Kaufhalle gelandet. Zwei Frauen mittleren Alters gehen dagegen sofort auf Tuchfühlung. Zudem konnte man bei der Vernissage der "Smockshop"-Schau beobachten, wie die über jeden Stilzweifel erhabene Margit J. Mayer, Chefredakteurin des deutschen "Architectural Digest", bei den Smocks zuschlug. Auch Cindy Sherman, die ebenfalls gerade bei Sprüth Magers ausstellt, soll bei der Gelegenheit ein Kleid erworben haben. Am vergangenen Wochenende waren bereits 13 der 50 angebotenen Smocks verkauft. Schwer zu sagen, was für den Erfolg entscheidend war: dass man hier für den vergleichsweise niedrigen Preis von 350 bis maximal 1000 Euro Kunstwerke erstehen konnte, die man praktischerweise auch noch anziehen kann. Oder dass die Kleider im grauen Berliner Winter schon Lust auf laue Sommernächte machten.

Zittel hat zum Smock-Projekt die Idee und die Grundform beigesteuert, ein Kollektiv von 18 befreundeten Künstlern, die sogenannten Smocker, gestaltet die Kleider dann individuell. Ein Drittel des Verkaufspreises geht an die Schöpfer, ein Drittel ans Projekt, ein Drittel an den jeweiligen Verkaufsraum. "Die Idee des Projekts war, eine Einnahmequelle für Künstler zu schaffen, die noch nicht von ihrer eigenen Kunst leben können", sagt Zittel. "Das Projekt ist sehr flexibel. Die Smocker können immer dann arbeiten, wenn sie Geld benötigen."

Mit einer klassischen Kunstausstellung hat ihr Berliner Auftritt wenig gemein: Kleiderständer, orange und beige gestrichene Wände, ein durch lange, weiße Vorhänge abgegrenztes Umkleideseparee - Zittels "Smockshop" verwandelt den neutralen und erhabenen Bedeutungsrahmen des White Cubes in den zweckmäßigen Verkaufsraum einer Boutique, so wie sie vielfach in der Nachbarschaft der Galerie zu finden ist.

Der Flirt der Kunst mit der Modewelt ist dabei kein neues Phänomen: Bereits Ende der 30er-Jahre entwarf Salvador Dalí für Elsa Schiaparelli Hüte und Kleider. In neuerer Zeit konnte man eine Allianz des Künstlers Damien Hirst mit Levi's beobachten. Das Ergebnis war eine Jeansreihe mit aufgestickten Totenköpfen aus Strass. Der japanische Künstler Takashi Murakami schließlich wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch die Tatsache bekannt, dass er bei seinen großen Werkschauen in Los Angeles und Frankfurt einen Laden direkt in die Ausstellung integrierte. Dort verkaufte er nicht nur eigene Merchandising-Produkte, sondern auch Taschen, die er exklusiv für Louis Vuitton entworfen hatte.

Im Unterschied zu ihrem berühmten Kollegen Hirst dient Zittels Abstecher in die Modewelt jedoch nicht zur Verlängerung der eigenen Marke ins Populärkulturelle hinein. Auch ist ihr "Smockshop" nicht wie bei Murakami Teil der Ausstellung. Der Shop ist die Ausstellung - es gibt keinen weiteren Referenzrahmen, über den man hier nachdenken müsste. Zittel kann so viel grundsätzlichere Fragen stellen. Was Kunst ist. Was Mode ist. Und was die beiden jeweils sein wollen.

* Andrea Zittels "Smockshop" ist noch bis zum 10. April in den Räumen der Galerie Sprüth Magers in Berlin-Mitte geöffnet: www.spruethmagers.com