Kehraus bei Langenscheidt

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Isabell Jürgens

Einen Tag vor Heiligabend ist in einem der renommiertesten und traditionsreichsten Betriebe Berlins endgültig Schluß: Nach 100 Jahren verläßt der weltberühmte Wörterbuchverlag Langenscheidt sein Stammhaus an der Crellestraße in Schöneberg und damit nach knapp 150 Jahren Berlin. Das Firmenjubiläum im kommenden Jahr wird nur noch in München gefeiert, wo seit 1961 der zweite Verlagssitz ist. Für die 56 zum Großteil langjährigen Mitarbeiter ist das "ein ganz schwarzer Tag", so Betriebsleiter Karl-Franz Bothe. Seit 44 Jahren ist sein Platz an den Druckmaschinen.

Nun sieht der Buchdruckermeister dabei zu, wie die Maschinen von Spezialfirmen abgebaut werden. "Die ,Roland Favorit' ist nach Israel verkauft, die ,Planeta' geht in die Türkei", sagt Bothe. Nur die ,Roland 700' bleibt in Berlin: "Die kommt zu Mercedes-Druck nach Treptow." Es wird noch einige Tage dauern, bis alle Maschinen abgebaut und zum Teil mit großen Kränen aus den Fabriketagen gehoben worden sind. "Wenn die letzten weg sind, werde auch ich gehen - in den Ruhestand", sagt der 61jährige Betriebsleiter.

Traurige Mienen auch in der Buchbinderei in den obersten beiden Stockwerken. Ein paar Frauen stapeln noch unbedrucktes Papier zu handlichen Paketen, die an die umliegenden Kitas und Schulen verschenkt werden, die Maschinen sind zum Teil ebenfalls schon verkauft - an Unternehmen in Osteuropa, sagt eine Mitarbeiterin.

An die lange Verlagstradition am Standort Berlin werden vom kommenden Jahr an nur noch die Langenscheidtstraße sowie die Langenscheidtbrücke über die Bahngleise erinnern. Und die neonblauen Leuchtbuchstaben auf dem gelben Verlagshaus, die von der S-Bahn aus so gut zu sehen sind.

"Die Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen", sagt Rolf Müller, Verlagsleiter in München. Aber die technische Produktion über fünf Etagen sei nicht mehr konkurrenzfähig gewesen. "Die Kosten sind uns davongelaufen", sagt er. Eine Million Euro hätte das Festhalten am Schöneberger Standort das mittelständische Unternehmen jährlich gekostet. "Auf Dauer ist das für ein mittelständisches Unternehmen nicht tragbar." In guten Zeiten wurden in der Crellestraße pro Tag 40 000 Bücher fertiggestellt, meist seien es aber deutlich weniger gewesen. Der Verlag verfügt außerdem über eine zweite Druckerei in Berchtesgaden. In Berlin wurden überwiegend Teile aus dem Langenscheidt- und Polyglott-Programm gedruckt. "Diese Druckaufträge werden im Berliner Raum bleiben", verspricht Müller.

Altersbedingt gingen sowieso 13 Mitarbeiter in den Ruhestand. Durch feste Druckaufträge sei es gelungen, noch einmal so vielen eine neue Stelle zu vermitteln. Einer der Glücklichen ist Buchbindermeister Marcus Tissler (35). "Ab kommendem Jahr habe ich eine neue Stelle bei einer Firma in Wittenau", erzählt er. Aber viele seiner Kollegen wüßten noch nicht, was aus ihnen künftig werden soll.

Als das Unternehmen 1905 samt den technischen Betrieben in die Crellestraße zog, galten Buchbinderei und Druckerei als hochmodern. 1944 traf eine Bombe das Vorderhaus, der größte Teil der Redaktionsunterlagen und Druckplatten ging verloren.

In den 50er Jahren wurde das Vorderhaus zweigeschossig wieder aufgebaut, Seniorverleger Karl-Ernst Tielebier-Langenscheidt, der vor 84 Jahren an der damaligen Bahnstraße geboren wurde, erweiterte das Verlagssortiment um Reiseführer und elektronische Medien.

Was nun aus dem Stammhaus wird, ist noch unklar. Das Gebäudeensemble gehört der Familie. "Wir haben einen Käufer für den Betrieb gesucht. Es gab aber nur einen ernsthaften Interessenten", sagt Müller. Der habe aber einen Rückzieher gemacht, vermutlich wegen der hohen Folgeinvestitionen. "Wir wollen nun in einer Form vermieten, die unserer Tradition gerecht wird", sagt Rolf Müller.

Es gebe auch Überlegungen, bestimmte operative Funktionen doch noch von Berlin aus zu regeln. "Das sind bisher allerdings nur interne Überlegungen", schränkt der Verlagsleiter gleich wieder ein. Nur so viel ist bislang sicher: Der blaue Schriftzug wird auf jeden Fall weiter an der Crellestraße leuchten - wenn auch nur noch aus Werbegründen.