Sie sind zu teuer, zu lichtschwach und zu störanfällig - die Zeit für Berlins altehrwürdige Gaslaternen scheint endgültig abgelaufen. Bis Ende 2007 soll der größte Teil der 43 822 mit Erdgas befeuerten Leuchten in der Stadt auf den Betrieb mit elektrischem Strom umgestellt werden. Vertreter der Stadtlicht GmbH und des Bezirks Mitte, der im Auftrag des Landes seit 2001 die gesamte öffentliche Beleuchtung in Berlin betreut, stellten gestern Einzelheiten des Konzepts vor.
Notwendig für die Umsetzung der mit etwa 80 Millionen Euro veranschlagten Umrüstaktion ist jedoch noch die Zustimmung des Berliner Senats und des Abgeordnetenhauses, das sich voraussichtlich erst im Oktober mit dem Konzept des Bezirks befassen wird.
"Berlin hat keine andere Wahl", ist sich Mittes Baustadträtin Dorothee Dubrau (für Grüne) einer eine Zustimmung des Abgeordnetenhauses gewiß. Die Grünen-Politikerin setzt dabei auf die Überzeugungskraft der Zahlen. So sei der Energieverbrauch einer Gaslaterne fast 20mal so hoch wie der ihres strombetriebenen Pendants. Hinzu kämen gravierende Umweltbelastungen: Allein 43 000 Tonnen Kohlendioxid entstehen durch die Gasverbrennung, zudem entweichen - etwa durch Defekte - jährlich 700 000 Kubikmeter Methangas in die Luft. Das Hauptproblem ist jedoch der technische Zustand der Gaslaternen - meist zwischen 40 und 50 Jahre alt. Masten aus Stahl seien inzwischen oft durchgerostet, bei den Leuchten häuften sich Havarien. Hinzu kommt ein zweites gravierendes Problem: Wichtige Ersatzteile, die sogenannten Glühstrümpfe, werden seit 2004 nur noch in Indien hergestellt. Da radioaktives Thoriumoxid eingesetzt wird, sind spezielle Einfuhrgenehmigungen erforderlich, die es bislang nicht gibt. Noch können sich die Monteure mit Ersatzteilen aus dem Lager behelfen. Doch damit ist bald Schluß.
Aufgrund des desolaten Zustands der Mehrzahl der Gaslaternen geht das Bezirksamt Mitte von einem Ersatzbedarf in Höhe von mindestens 52 Millionen Euro aus. Dieses Geld sollte besser in zukunftsträchtige und preiswertere Technik investiert werden, sagt Heinz Biedermann, Bereichsleiter für öffentliche Beleuchtung. Der Bezirk berechnet den Ersatz der defekten Leuchten sowie die Umrüstung aller anderen Gaslaternen mit 80 Millionen Euro. Allerdings hofft Stadträtin Dubrau noch auf ein kostengünstigeres Ergebnis, denn das Projekt soll im Herbst ausgeschrieben werden.
Die Finanzierung des gesamten Umrüstprogramms soll über öffentlich-private Partnerschaft erfolgen und damit für den Berliner Haushalt kostenneutral sein. Die Rechnung: Das Land stellt weiterhin etwa 11,5 Millionen Euro pro Jahr für die Gaslaternen bereit. Mit neuer Elektrotechnik könnten aber jährlich 8 Millionen Euro eingespart werden - diese Summe würde dann für die Umrüstung zur Verfügung stehen. Nach zehn, spätestens aber 15 Jahren könnten so die Investitionen refinanziert sein.
In der Vergangenheit hatte es wiederholt Versuche gegeben, die teure Gasbeleuchtung abzuschaffen. Doch die Berliner hängen an den Laternen mit ihrem charakteristischen warm-gelben Licht. Auf den gewohnten Anblick sollen sie daher auch künftig nicht verzichten müssen. Unter den fünf Prototypen für das neue Elektro-Licht, die von der Stadtlicht GmbH seit gut einem Jahr an der Spandauer Daberkowstraße getestet werden, ist auch einer, der der Gaslaterne bis ins Detail gleicht. Die Leuchte zum Stückpreis von mindestens 2000 Euro soll vor allem in denkmalgeschützten Bereichen wie der Spandauer oder der Köpenicker Altstadt zum Einsatz kommen. Doch auch diese Ankündigung kann die Verteidiger der Gaslaterne nicht besänftigen. Aus Geldgründen werde ein einzigartiges industrietechnisches Denkmal zerstört, warnt eine in Gründung befindliche Initiative "Für den Erhalt der Gaslaterne". Mit der Begründung könne man ja auch den Funkturm abreißen, so eine Aktivistin.
Für die sonst sehr auf Erhalt des historischen Stadtbildes bedachte Stadträtin Dubrau überwiegen eindeutig die Vorteile der Umrüstung: "Alle, die die neuen Leuchten gesehen haben, waren begeistert."

