Die Hälfte der Marktstände steht leer

In der Müllerhalle in Wedding gehen nach und nach die Lichter aus. Zwischen den grellbunten Ständen der fast 60 Jahre alten Markthalle an der Müllerstraße 123-125 klaffen immer neue dunkle Löcher.

Wedding In der Müllerhalle in Wedding gehen nach und nach die Lichter aus. Zwischen den grellbunten Ständen der fast 60 Jahre alten Markthalle an der Müllerstraße 123-125 klaffen immer neue dunkle Löcher. Gerade haben Tchibo und Butter Lindner den Markt verlassen. Bis Jahresende werden mindestens vier weitere Händler schließen. Von den 35 Ständen der Markthändler ist nur noch gut die Hälfte vermietet.

Die noch verbliebenen Händler blicken angstvoll in die Zukunft. "Wir haben das Gefühl, dass die Halle umstrukturiert und für andere Zwecke genutzt werden soll", sagt Fischhändler Hans-Joachim du Bois. Seit Jahren seien die Umsätze rückläufig. Vor mehr als 15 Jahren habe er freitags 300 Kunden an seinem Stand bedient, heute nur noch 80. Kein Wunder, sagt er, die Angebotsvielfalt sei nicht mehr gegeben und die Kundschaft bleibe daher aus. "Wenn es so dramatisch weiter geht, sind wir zum Jahresende alle pleite", befürchtet der 64-Jährige.

Bevor das passiert, verlassen einige noch schnell das sinkende Schiff. Gerade ein halbes Jahr hat es Manuela Lüdke mit ihrem "Geflügelparadies" in der Müllerhalle ausgehalten. "Alle Zugpferde sind weg", sagt die junge Frau. Neue Mieter seien immer wieder versprochen worden. Nichts habe sich getan. Auch der Schuh- und Schlüsseldienst zieht zum 1. August um. Seit 30 Jahren ist das Geschäft in der Müllerhalle. "Jetzt haben wir etwas besseres und billigeres gleich hier in der Nähe gefunden", sagt der Sohn des Inhabers, Florian Kaplanek. Die Miete sei zu hoch gewesen.

Die Händler haben mittlerweile eine Interessengemeinschaft gegründet und sich an die Verwaltung, die Ariel Properties, gewandt. Diese bestätigt zwar einen aktuellen Leerstand von 40 Prozent, wehrt sich aber vehement gegen Behauptungen, die Halle solle ausgeblutet werden. "Die Müllerhalle soll weiter am Leben erhalten und vermietet werden", sagt ein Mitarbeiter der Verwaltung. Man habe sogar extra einen Makler beauftragt. Generell sei es aber schwierig, jemanden in alte Berliner Markthallen zu bekommen, so der Mitarbeiter. Alle wollten nur direkt an der Straße einen Stand.

Dass es die Markthallen heute immer schwerer haben, bestätigt auch Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Einzelhandelsverbandes. Das liege zum einen an der schwindenden Kaufkraft im Umfeld der Markthallen. Aber auch daran, dass oft jahrzehntelang nicht mehr investiert wurde. Bei der Müllerhalle habe er allerdings auch den Eindruck, dass es offenbar kein Interesse gebe, die leeren Stände neu zu vermieten, so Stephan Tromp.

Dabei war die Markthalle einst ein belebter Treffpunkt in der Müllerstraße. Wolfgang Mittag kann sich noch an die Zeiten erinnern, als die Damen ihre Seidenstrümpfe zum Laufmaschen aufnehmen in die Müllerhalle brachten. Der 65-Jährige ist in Wedding groß geworden. Die Müllerhalle gehörte dazu. Auch heute kommt er fast jeden Tag zum Café Mazzola. "Hier kann man nette Leute kennenlernen und sich über Fußball unterhalten", sagt der ehemalige Fernfahrer. Natürlich kann sich auch Wolfgang Mittag an bessere Zeiten erinnern. "In Dreierreihe haben wir früher hier am Tresen gestanden", erzählt der Weddinger. Heute ist nicht einmal die erste Reihe gefüllt.

Der Café-Inhaber Natale Mandala spricht von 40 Prozent weniger Kunden im Vergleich zu den Anfangsjahren. Seit 26 Jahre betreibt die Familie das Café. Er hat es von seinen Schwiegereltern übernommen und will auf jeden Fall bleiben. Natale Mandala hat einen anderen Weg zum Durchhalten gewählt - er expandiert. Der Barmann hat den leeren Stand gegenüber noch dazugemietet und wird dort Tische und Stühle für seine Kunden hinstellen. Er hoffe, so sagt er, dass damit auch den Kollegen an den anderen Ständen geholfen sei und wieder Leben einziehe. Die Müllerhalle müsse schließlich gerettet werden.