Deutschlands einziger Berufs-Männerchor ist pleite. Das selbstständige Berliner Vokalensemble «Carl Maria von Weber» gibt heute, 16 Uhr, im Theater Karlshorst an der Treskowallee 111 sein letztes Konzert. Ob überhaupt noch alle zehn verbliebenen Sänger des einst 38 Mann starken Klangkörpers auftreten, ist ungewiss. Leiter und Tenorsolist Heiko Jerke: «Wir mussten jetzt Insolvenz anmelden, unsere Probenräume in Kaulsdorf aufgeben und verstreuen uns nun in alle Winde.»
Nach dem Wegfall der Förderinstrumente wie SAM-Stellen (Strukturanpassungsmaßnahmen) hätten auch Lohnkostenzuschüsse durch das Arbeitsamt Ost die Löcher nicht mehr stopfen können. Denn auch die Auftritte seien immer mehr zurückgegangen. Und der Senat versagte jegliche Unterstützung. «Damit war unsere Existenzgrundlage futsch», so Jerke.
Der Chor hat eine lange Tradition. Von 1950 bis 1990 war er das Herzstück des Erich-Weinert-Ensembles der DDR-Armee. Die Bundeswehr übernahm ihn nur bis Mitte 1991. Auf Beschluss des Bundestages wurde der mittlerweile mit Sängern aus ganz Deutschland aufgefüllte Carl-Maria-von-Weber-Chor bis 1995 weiter aus dem Verteidigungshaushalt mit jährlich drei Millionen Mark finanziert. Höhepunkte unter den hundert Konzerten pro Jahr waren das Flandern-Musikfestival und eine Israel-Tournee. Beim Frankfurter Gastspiel der Metropolitan Opera New York mit einer konzertanten Aufführung des «Fliegenden Holländer» unter James Levine übernahmen die «Webers» 1994 den Chorpart.
Jerke und seine Mannen stemmten sich ihrem Schicksal entgegen und wagten 1995 als stark reduziertes Vokalensemble den Neuanfang. Vom Senat wurde es bis 1999 als «Arbeitsförderbetrieb» betrieben. Der Klangkörper begeisterte weiter im In- und Ausland, auch bei Revuen im Friedrichstadpalast. Ob Volks- oder Kunstlied, geistliche Musik, Folklore, Oper, Operette oder Musical - nichts war den «Webers» fremd. Zahlreiche CDs künden davon. Zu einer Heimstatt wurde das Theater Karlshorst.
Dessen Intendantin Karin Müller intervenierte im Juli bei Kultursenator Thomas Flierl (PDS), das Ensemble doch noch zu retten: «Sollten Sie keine Abhilfe schaffen, können Sie es am 25. August mit zu Grabe tragen.» Der makabre Titel des Abschiedskonzerts lautet: «So viel Schwung». Eintritt: 12 Euro. rg

