Mitte - «Die Brecht-Pappeln stehen wieder. In dritter Generation.» Diese frohe Botschaft wird heute mit der feierlichen Enthüllung einer Info-Tafel hinter dem Virchow-Denkmal auf dem Karlplatz verkündet. Der Trescher Verlag, die «NaturFreunde Deutschlands» und das Grünflächenamt lassen die Geschichte und die Geschichten, die sich um Brechts berühmte Gedichtzeilen aus dem Jahre 1950 ranken und die zur Pflichtlektüre eines jeden DDR-Grundschülers zählten, wieder lebendig werden.
Brecht hatte «Die Pappel vom Karlsplatz» als Dankeschön an die Anwohner des Platzes geschrieben. Der Karlplatz (ohne s im Gegensatz zu Brechts Zeilen) wurde 1827 nach Prinz Karl, dem dritten Sohn von Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, benannt. Trotz des Kältewinters 1946/47, bei dem die meisten Bäume verheizt wurden, hatten die Berliner die Pappel verschont. Brecht, so hat es der Trescher Verlag rekonstruiert, und so berichtet es auch Brecht-Meisterschüler Heinz Kahlau in seinem neuen Gedicht, hatte das sprießende Grün 1950 vom Fenster seiner Geliebten am Karlplatz aus entdeckt.
Sachbuchautor und «NaturFreund» Erich Hobusch, treibende Kraft bei der Rekonstruktion der Pappel-Geschichte von 1906 bis heute, berichtet: «Es ist nicht klar, ob alle Pappeln gefällt wurden oder ob eine stehen blieb. Meine Variante: Die abgeholzten Bäume haben wieder ausgeschlagen und hatten neues Grün.» Fest stehe: Die erste Generation der Brecht-Pappeln habe von 1906 bis zum Hunger-Winter 1946/47 den Platz verschönt.
Zweiter Akt: Meisterschüler Heinz Kahlau schreibt in einem Gedicht 1954 über neue Bäume am Karlplatz. Doch auch sie wurden kurze Zeit später entfernt. Angeblich nahmen sie Mietern das Licht.
Dritter Akt: Eine fünfte Klasse der ehemaligen Ernst-Knaack-Oberschule an der Kastanienallee besucht Ende der 70er-Jahre mit Lehrer Bernhard Wendt das Berliner Ensemble, auch den Karlplatz an der Reinhardt- Ecke Luisenstraße. Doch großes Erstaunen: Keine Pappel da. Einer der Schüler protestierte: «Da muss wieder eine Pappel hin.» Gesagt, getan. Im November 1979 wurde gepflanzt.
Anfang 1998 endete der dritte Akt: Kurz vor Brechts 100. Geburtstag war wieder Fällaktion: Die letzten Pappeln mussten Neubauten weichen. Doch Hobusch und das Straßen- und Grünflächenamt Mitte hatten 1995 vorgesorgt: Anlässlich der Aktion «100 000 Bäume für Europa» hatten Berliner Naturfreunde 1995 Setzlinge der Pappel vom Karlplatz mit nach Wien genommen und sie im Wald des Kongressparks gepflanzt. Klaus Model, Gruppenleiter im Grünflächenamt Mitte, ließ außerdem noch sieben Triebe zu Bäumen heranwachsen. Zwei von ihnen schmücken jetzt wieder den Karlplatz. Gärtner und Naturfreunde sind überzeugt, dass die robuste Sorte der kanadischen Holzpappel die originale ist. Es wird sich zeigen, was aus den Pyramiden-Pappeln wird, die Eberhard Diepgen anlässlich der Aktion «652 Bäume für Berlin» 1998 auf den Karlplatz pflanzte . . .
Heute, 17 Uhr, Karlplatz: Enthüllung der Tafel, die der Trescher Verlag anlässlich seines zehnjährigen Bestehens stiftete und auf der Brechts Zeilen prangen. Kahlaus neues Pappel-Gedicht hat Premiere.

