"Wenigstens trampelt mir niemand auf dem Kopf herum", sagt Lutz Brandt. Aber eigentlich trauert der Zeit hinterher, in der das Haus noch voller Menschen war. Etwa vier Jahre ist es her, dass das letzte Pärchen ausgezogen ist. "Still ist es seitdem", sagt Lutz Brandt.

Ruhe zum Arbeiten

Zum Arbeiten findet er das gar nicht so schlecht. Brandt ist Künstler, etliche Häuserwände hat er in Berlin bemalt, Fotos, Bilder und Skulpturen gemacht. In einem Raum seiner Zweizimmerwohnung ist sein Atelier. Dort stehen seine Bilder, Farben, Modelle. An die Wände hat er Zettel gepinnt, darauf stehen die Dinge, die er nicht vergessen will. Wer von seinen Auftraggebern bezahlt hat, wer noch nicht. Regale und Schränke versuchen das Chaos einigermaßen zu bändigen. "Hat sich einiges angehäuft bei mir in all den Jahren", sagt er. "Allein der Gedanke, das hier alles einpacken zu müssen, lässt mich erschauern." Lutz Brandt soll ausziehen. Möglichst bald.

Seit 23 Jahren wohnt er in dieser Wohnung. Als er in dieses Haus einzog, hatte er gar nichts. Anfang der 80er-Jahre kam er aus dem Ostteil der Stadt. "Als Künstler durfte ich reisen", sagt er, "und von einer dieser Reisen bin ich nicht in den Osten zurückgekehrt." Er hat alles dagelassen. Die Freundin, die zwei erwachsenen Kinder, seine Möbel. In Berlin hat er dann ganz neu angefangen. Zuerst hat er bei Freunden gewohnt. Und dann ist er in die Wohnung am Wittenbergplatz gezogen. Und da ist er bis heute geblieben. "Hier habe ich mich gleich wohl gefühlt", sagt er.

Es ist Zeit für seinen täglichen Kaffee bei Butter Lindner, direkt gegenüber vom KaDeWe. Lutz Brandt zieht die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Zuerst geht er einmal ganz nach oben. Das macht er oft, um oben im Haus nach dem Rechten zu schauen. "Oft fliegen Tauben unten ins Treppenhaus", sagt er, "die finden dann nicht mehr hinaus und hocken am obersten Fenster." Er fühlt sich verantwortlich für dieses Haus.

Vor einer Weile ist Lutz Brandt nachts aufgewacht. Er hat etwas gehört im Haus. "Erst dachte ich, wieder eine Taube." Er ging leise die Treppe nach oben. Vor der Tür zum Dachboden schliefen Obdachlose. Eine Weile ließ er ihnen ihre Unterkunft, doch dann mussten sie gehen. "Das spricht sich sonst rum, und irgendwann ist hier alles voll", sagt Brandt. Diesmal ist auf dem Dachboden alles in Ordnung. Brandt steigt die Treppen wieder hinab.

Zweimal im Monat wird gewischt

Im Erdgeschoss hängt der Reinigungsplan. "Zweimal im Monat wird das Haus gewischt. Nur für mich", sagt Lutz Brandt. Er tritt aus dem stillen Treppenhaus auf den belebten Wittenbergplatz. Vor dem Haus stehen die Tische des Cafés "Mola". "Früher soll hier der Halbbruder von Adolf Hitler sein Cafe gehabt haben." Ganz sicher ist Brandt sich nicht. "Aber zumindest erzählt man sich das in der Nachbarschaft", sagt er. Kurz vor dem Kriegsausbruch sei das gewesen. Im "Café Alois" auf dem Wittenbergplatz trafen sich SA-Männer, Parteigenossen, Journalisten und Schauspieler.

Heute sitzen auf dem Wittenbergplatz vor allem Touristen. An den Markttagen kommen auch viele Anwohner. Lutz Brandt winkt den Kellnern fröhlich zu. Die meisten kennen den Künstler, der ganz allein in dem großen Haus wohnt.

Nach dem Kaffee bei Butter Lindner will er zurück in seine Wohnung. Er hat noch zu tun. Zügig läuft er auf sein Haus zu. Lutz Brandt steckt den Schlüssel ins Schloss. Dabei fällt sein Blick auf die Klingeln. Fast alle haben Namensschilder. Der Summer erklingt aber nur, wenn man auf die Klingel von Lutz Brandt drückt.

Was aus dem Geisterhaus werden soll, will die dafür zuständige Samuel-Braun-Immobiliengruppe noch nicht sagen. Brandt hörte, dass sie ein Hotel daraus machen wollen. "Irgendwas Luxuriöses", sagt er. Die Gruppe hat bereits mehrere Hotels in Berlin. Doch noch wohnt Lutz Brandt in dem Haus. Alle Umzugsangebote der Firma lehnte er bislang ab. "Ich will mich ja nicht verschlechtern", sagt er. Und ihm geht es gut im Geisterhaus. Die Heizung funktioniert, es gibt Warmwasser, und die Miete ist sehr günstig. "Dazu kommt die tolle Lage", sagt er. "Das wird gar nicht leicht, etwas anderes zu finden. Und ich kenne meine Rechte."

Lutz Brandt weiß, dass es der letzte Sommer auf seinem Balkon ist. Er liebt diesen Blick über den Wittenbergplatz. Und er will ein Stück davon mitnehmen. Er malt mit Kohle den Blick von seinem Balkon. Die Neubauten, die grünen Bäume, die bunten Sonnenschirme der Cafés. Es ist Lutz Brandts Abschied vom Wittenbergplatz.

"Zweimal im Monat wird das Haus gewischt. Nur für mich."