Bei der Fahrt der „Nachtwölfe“ mit Startpunkt Moskau war Berlin stets das Ziel. Viele halten dies für einen Ausdruck der russisch-nationalistischen Gesinnung des Rockerklubs. Der Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst, Jörg Morré, dagegen erklärt, dass Berlin traditionell der herausragende Ort des Gedenkens für die Länder der ehemaligen Sowjetunion sei. „Der Soldat am Ehrenmal in Treptow ist das ganz zentrale Symbol für den Sieg über den Faschismus“, erklärt der Historiker. „Die Figur dort kennt man schon aus Schulbüchern. Sie wurde millionenfach reproduziert, von der Briefmarke bis zur Gedenkmünze.“

Das Sowjetische Ehrenmal in Treptow erstreckt sich zwischen der Puschkinallee und der Straße Am Treptower Park über neun Hektar. Zwei weitere Ehrenmale befinden sich in Tiergarten und Pankow. Neben seiner Funktion als Gedenkstätte ist das Areal ein Soldatenfriedhof. Dort wurden mehr als 7000 Rotarmisten beigesetzt.

Auf dem Arm ein Kind

Im Zentrum steht auf einem Sockel die zwölf Meter hohe Statue eines Soldaten. Unter seinem Schwert liegt das zerschlagene Hakenkreuz: Symbol für den Sieg über Hitlerdeutschland. Auf dem Arm trägt er ein Kind. Laut Morré ist dies als die Rettung folgender Generationen zu verstehen.

Die Figur wird oft gleichgesetzt mit Rotarmist Nikolai Massalow. Bei der Eroberung Berlins hatte er am 30. April am Landwehrkanal ein dreijähriges Mädchen vor Schüssen gerettet. „Auf den Spuren des Sergeanten Massalow nach Treptow“ hatten so auch Besucher aus Russland an ihren Jeep geschrieben, als sie vor drei Jahren am Museum vorfuhren, sagt Jörg Morré. Ihr Gastgeschenk: ein Sack voller Gedenkmünzen.

Im Museum zeigt Morré diese Erinnerungsstücke, auf denen der Rotarmist von Treptow zu sehen ist. Wie das Schwarz-Weiß-Foto von zwei Soldaten, die auf dem Reichstag am 2. Mai eine rote Fahne hissen, sei die Bronze-Statue in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion eine Ikone für das siegreiche Kriegsende. „Beide Symbole sind also fest an Berlin gebunden“, sagt der Museumsleiter. Wer von dort komme, um die deutsche Hauptstadt kennenzulernen, besuche immer auch das Ehrenmal. Private Sternfahrten nach Berlin seien für russische Bürger nicht unüblich.

Auch offiziell wird das Ehrenmal genutzt. Der 9. Mai gilt in Russland als Tag des Sieges über Hitlerdeutschland. Aus diesem Anlass wird am Sonnabend der russische Botschafter Wladimir Grinin an einer Gedenkveranstaltung teilnehmen. Um 10 Uhr legt er dort einen Kranz nieder, um 11.15 Uhr am Ehrenmal in Tiergarten. Am Freitag stand eine Kranzniederlegung am Sowjetischen Ehrenmal in Pankow durch Botschaftsvertreter auf dem Programm.

Für den Erhalt der sowjetischen Mahnmale hat der Bund seit 1991 einen zweistelligen Millionenbetrag bereitgestellt. Denn im deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsvertrag von 1990 verpflichtete sich die Bundesrepublik, sowjetische Denkmäler und Kriegsgräber in Deutschland zu erhalten und zu pflegen.

„Das ist auch als ein Akt der Versöhnung zu verstehen“, sagt Anke Wünnecke, zuständige Gruppenleiterin bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. „Wohl wissend, dass die Sowjetarmee in Berlin Grausamkeiten begangen hat, bleibt doch unbestritten, dass sie Hitlerdeutschland besiegt hat.“ Die Pflege der sowjetischen Ehrenmale ist nach den Worten von Wünnecke „ein Stück Verständigung über die Gräber hinweg“.