Die Berlinale muss sich jetzt ein bisschen schämen. Bei den Filmfestspielen im Februar hat der sensationelle Berlin-Film „Victoria“ nur einen Nebenbären bekommen, für die Kameraarbeit. Und, immerhin, den Leserpreis der Berliner Morgenpost. Ansonsten ging Sebastian Schippers gewagtes Experiment, zweieinhalb Stunden durch die Stadt ohne einen einzigen Schnitt zu drehen, leer aus. Nun aber ist der Film für den Deutschen Filmpreis, der am 19. Juni im Palais am Funkturm vergeben wird, gleich sieben Mal nominiert. Und damit der große Favorit des Lola-Abends. Nur ein zweiter Film kommt auf dieselbe Anzahl an Nennungen: das Historiendrama „Elser“ von Oliver Hirschbiegel um den gescheiterten Hitler-Attentäter. Das aber schaffte es, anders als „Victoria“, nicht in die Königskategorie „Bester Film“.

Für die beste Hauptdarstellerin sind Nina Hoss für „Phoenix“, Laia Costa für „Victoria“ und Katharina Marie Schubert für „Ein Geschenk der Götter“ nominiert, für den besten Hauptdarsteller Christian Friedel für „Elser“, Hanno Koffler für „Härte“ und Frederick Lau für „Victoria“. Um die Goldene Lola für den besten Film buhlen neben „Victoria“ und „Im Labyrinth des Schweigens“ das Drama über den Auschwitz-Prozess, Burhan Qurbanis radikales Stück „Wir sind jung. Wir sind stark“ über die Ausschreitungen in Rostock 1992, der Hacker-Thriller „Who Am I“, „Zeit der Kannibalen“ sowie, dies ist eine Überraschung, der Berlin-Film „Jack“ über die Odyssee eines Heimkindes in der Großstadt. Die meisten Nennungen nach den beiden Favoriten erhalten Dominik Grafs Schiller-Drama „Die geliebten Schwestern“ und „Who am I“ (mit je fünf Nominierungen) sowie „Im Labyrinth des Schweigens“ (vier Nominierungen).

Die Deutsche Filmakademie, die seit 2005 die Lolas vergibt, hat damit einmal mehr bewiesen, dass sie durchaus genauso differenziert zu wählen weiß wie zuvor die unabhängigen Jurys. Große Produktionen sind genauso vertreten wie Arthouse-Produktionen oder eben Filmexperimente. Dass „Die geliebten Schwestern“ nicht mehr Nominierungen bekommen hat, schmerzt ein wenig, hat aber wohl auch mit der Oscar-Niederlage zu tun. Dass dagegen Filme wie „Jack“ oder „Die Zeit der Kannibalen“, die im Kino eher übersehen wurden, gleich auf drei Nominierungen kommen, widerlegt alle früheren Ängste, die Akademie würde nur den Mainstream beachten.

Einmal mehr darf man allerdings wieder diskutieren, was ein deutscher Film ist. Die mit deutschen Geldern produzierte Snowden-Doku „Citizenfour“ der Amerikanerin Laura Poitras etwa ist als bester Dokumentarfilm gelistet, Wim Wenders’ grandioses Fotografenporträt „Das Salz der Erde“, in Paris produziert, fehlt dagegen.

Bekannt gegeben wurden die Nominierungen am Donnerstag in der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz von Iris Berben, der Präsidentin der Filmakademie, von Christiane Paul vom Akademie-Vorstand und von Monika Grütters. Die Kulturstaatsministerin schwärmte vom deutschen Film, von seinen 25 Prozent Marktanteil in deutschen Kinos, von den gleich vier deutschen Filmen im Berlinale-Wettbewerb und 292 internationalen Auszeichnungen für hiesige Produktionen. „Es gibt keinen Grund, irgendetwas herunterzureden, sondern nur, sich zu freuen“, sagte sie. „Und das mit der Frauenquote“, setzte sie hinzu, „schaffen wir auch noch.“

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings doch. Die Lola, mit 2,955 Millionen Euro der höchstdotierte deutsche Kulturpreis, wird an die Wirtschaft verkauft. Die Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre hat sich schon bei zahlreichen Filmfestivals eingeklinkt und darf nun auch zwei Hommage-Sonderpreise für besondere künstlerische Einzelleistungen verleihen – natürlich in Form einer Uhr. Der Schweizer Vertreter Laurent Vinay prahlte am Donnerstag damit, wie sehr man sich für den deutschen Film interessiere, konnte das aber nur auf Englisch sagen. Dann wurde auch noch gewitzelt, dass der Notar, der die verschlossenen Briefe mit den Nominierungen übergab, selbst so eine Jaeger-Uhr trägt. Das alles hat ein Geschmäckle. Das passt nicht zu einem Preis, der auch Teil der deutschen Filmförderung ist und sich aus Steuergeldern speist.