Tags drauf, diesmal beim Frühstück, wurde die Idee etwas konkreter: Warum nicht den Job an den Nagel hängen...und eine Kneipe kaufen? „Du spinnst doch“, sagte seine Frau Michaela damals knapp. Jetzt, elf Jahre später, serviert sie auf kunsthölzernem Tablett ein blaues Fläschchen Selters und liefert anschließend von der Theke her lautstarke Kommentare, während ihr Mann aus der Geschichte seines Lokals erzählt, das ab heute den 110. Gründungstag feiert.
Bauherr der kaum sieben Schritte breiten Kneipe unter den Yorckbrücken war ein gewisser Jean-Louis Grandjean. Sens hat den Bauplan ausgebreitet. Auf seinem Tablet-Computer zeigt er Fotografien in schwarz-weiß: „Bierquelle“ steht über dem Lokal. Eine Pferdebahn zieht vorbei. Auf dem nächsten Bild ist neben dem Lokal ein Konfitürengeschäft zu sehen.
Sens sammelt jede Art Memorabilia seiner Kneipe. Neulich rief ein Antiquitätenhändler an. Er hatte im Nachlass eines Kunstsammlers alte Zeichnungen gefunden, Bilder aus dem Nachtleben des Lokals. „Wir haben uns auf einen guten Preis geeinigt“, sagt Sens.
Gegen seine zierliche Frau wirkt er wie eine Naturgewalt. Sens ist von mächtiger Statur, spricht lebhaft und steuert stets geradewegs auf die nächste Pointe zu. Michaela Sens kann man als Gast jedes Geheimnis erzählen. Sie war einst Sekretärin bei Messerschmitt-Bölkow-Blohm. Komme dagegen ein Gast zu ihm, sagt Sens, und beginne seine Erzählung mit: „Ich muss dir etwas anvertrauen“, winke er sofort ab. Diskret sei er nämlich nicht, sagt Sens. „Der ist ein Tratschmaul“, ruft seine Frau vom Tresen hinüber.
Abgesehen von einem kurzen Intermezzo als Bordell in den 20er-Jahren, war „Zum Umsteiger“ immer eine Oase der Bahnreisenden. Die Hälfte der Gäste sind heute Stammpublikum, die andere Hälfte Passanten.
Sens trank dort schon als Halbstarker. Geboren und aufgewachsen in Schöneberg, fiel er, langhaarig und vom Kommunismus beseelt, zur Zeit der 68er gern nächtens in der Kiezkneipe ein und versuchte, die dort zechenden Arbeiter zu bekehren. „Meist bekam ich aber von den Proletariern nur zu hören: ‚Dann geh’ doch nach drüben’.“
Mittlerweile hat er ein Buch geschrieben. In „Zum Umsteiger“ erzählt Sens, wie er Wirt wurde. Und über seine Gäste, etwa Rentnerin Uschi: „Sie ist sehr kommunikativ. Sie unterhält sich mit allen und jedem. Außer mit ihrem Mann. Da sie schwer hört, ist ein Gespräch mit ihr immer sehr interessant.“
Um die Zukunft des Lokals macht sich der 64-Jährige keine Sorgen. Das Paar lebt in Zehlendorf, Nachkommen, die versorgt werden müssten, gibt es nicht, und das zweistöckige Haus, in dem sich „Zum Umsteiger“ befindet, steht seit 2013 unter Denkmalschutz. Den Wandel vom Versicherungsmann zum Kneipenwirt habe er nie bereut, sagt Sens. Heute und morgen wird das an der Yorckstraße 56 von 12 bis 18 Uhr gefeiert. Nach Alt-Berliner Art: Es gibt Freibier.

