Als die Mauer endlich offen war, ging der Blick zunächst in eine Richtung: zurück. „Ich hatte eigentlich mehr Angst, dass ich zu weit weg gehe vom Grenzübergang und nicht wieder zurückkomme“, erzählt André Hofschneider. Es war der Freitagmorgen nach dem 9. November 1989. Nach jenem Abend, an dem ein 19 Jahre junger Fußballspieler des 1. FC Union vor dem Fernseher saß und die Pressekonferenz verfolgte, in der Günter Schabowski die magischen Worte sprach. Hofschneider spricht heute von „Schabowskis Sprachfehler“.
Er muss lächeln, als er an den Tag danach denkt. „Ich habe mir dann auch schulfrei genommen, um zu schauen, ob das auch stimmt“, sagt Hofschneider. Mit einem Freund machte er sich auf zur Sonnenallee, „alles war so voll, wie früher, wenn man sich in der Schlange angestellt hat und nicht wusste, was es vorne gibt“. Vorne gab es nicht weniger als die Freiheit, nach der sich ein ganzes Land so sehr gesehnt hatte, für die sich Abertausende so sehr eingesetzt hatten. „Ich weiß noch einen Satz, der aus der Schulzeit hängen geblieben ist“, sagt Hofschneider. „Wir haben irgendwann mal die Chinesische Mauer im Unterricht durchgenommen. Da hieß es: Die besteht schon seit tausend Jahren. Wir sind untereinander davon ausgegangen: Die andere wird älter.“ Die andere hielt gerade einmal 28 Jahre.
Lebensmittelpunkt in Treptow
Welch ein Glück für einen jungen, aufstrebenden Fußballspieler. Der von vielen so überhöht angepriesene Goldene Westen lockte mit seiner glamourösen Bundesliga und seinen D-Mark-schweren Verträgen. Und Hofschneider – blieb. „Für mich spielte nicht mal im Ansatz der Gedanke eine Rolle, ob ich jetzt bleibe oder gehe. Ich habe mich ja wohlgefühlt“, begründet Hofschneider seine Entscheidung. Nicht dass ihn die andere Seite nicht interessiert hätte. „Aber ich wäre auch immer wieder zurückgekommen“, sagt Hofschneider, „für mich stand ja fest, dass ich Ossi bin, ein Ost-Berliner. Dass ich nun eine Straße weiter gehen konnte, änderte daran ja nichts.“
Im Bezirk Treptow hatte Hofschneider seinen Lebensmittelpunkt, hier lebten seine Familie und seine Freunde. „Und mir ging es ja nicht schlecht. Ich war Spieler in der Olympia-Auswahl und hatte das Glück, im Ausland spielen zu dürfen“, sagt Hofschneider. Die Mauer mal von der anderen Seite zu sehen, „war mit Sicherheit interessant. Aber weiter weg wollte ich nicht.“ Warum auch. Mit seinen 19 Jahren hatte sich der Abwehrspieler, die Haare schwarz und hinten lang, gerade bei Union durchgesetzt. „Was sollte für mich woanders grundlegend besser sein? Es war ja auch nicht einfach, sich als Jüngster durchzusetzen.“ Diesen Erfolg wollte sich Hofschneider nicht einfach so durch einen Wechsel in den Westen zunichte machen.
Wenn er heute, 25 Jahre danach, auf dem Sofa im Schlosserei genannten VIP-Bereich der Alten Försterei sitzt, ist es vor allem jene Zeit, die ihn geformt hat. Die Zeit, als Mauer und Stacheldraht das Land und die Stadt Berlin geteilt haben. „Natürlich hat mich am meisten die Zeit in der DDR geprägt“, erklärt Hofschneider. Die DDR und dessen System, mit dem er natürlich auch Bekanntschaft machte. „Ich hatte Möglichkeiten, meine Armeezeit zu verkürzen, wenn ich zum BFC gegangen wäre oder zu Vorwärts Frankfurt. Das habe ich aber dankend abgelehnt, gegen so manche Schwierigkeiten im Musterungsgespräch.“ Auf keinen Fall wollte er seine fußballerischen Qualitäten den SED-Klubs zur Verfügung stellen. Hofschneider blieb Union treu. Gegen das Anraten der Staatsoberen. Und trotz des Mauerfalls. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat.
Erst als es nicht mehr ging, als es 1994 auch für ihn um die Existenz ging, wie vielen anderen Ostdeutschen in den Jahren zuvor, trennten sich die Wege – für 13 Jahre. „Ich wäre ja von Union nie weggegangen. Doch wir hatten fünf Monate lang kein Gehalt bekommen, weil der Verein seine Aufgaben nicht erledigt hatte“, erzählt Hofschneider. Hinzu kam die erneute Lizenzverweigerung für die Zweite Liga, Union hatte keine Zukunft mehr. „Da habe ich mir gesagt: Jetzt muss ich auch an meine Familie und mich selber denken.“ Den Osten verließ er jedoch nicht. Hofschneider heuerte bei Hansa Rostock an.
Dass er bis zu seinem 24. Lebensjahr für Union gespielt hat, anstatt sich wie viele seiner Kollegen mit dem Mauerfall gleich gen Westen aufzumachen, „hat mir die Stärke gegeben, mich hinterher bei anderen Vereinen durchzusetzen“, gibt Hofschneider unumwunden zu. „Wenn ich gleich am Anfang den Schritt gemacht hätte, wäre ich nicht drauf vorbereitet gewesen. Und es sind ja auch viele relativ schnell wieder zurückgekommen.“ So erlebte er an der Ostsee, gekrönt mit dem Aufstieg in die Bundesliga 1995, „als Aktiver die schönste Zeit, weil die Dinge mannschaftlich wie sportlich gut liefen. Dasselbe hätten wir auch mit Union geschafft, wenn man uns nicht den Aufstieg geklaut hätte.“
München, Bielefeld und Augsburg
Er hat eine einfache Erklärung dafür, warum es in Rostock so gut lief: „Die Mannschaft bestand in dem Jahr fast nur aus Ossis. Alle waren hungrig, wollten etwas erreichen. Keiner war auf der Warum-Schiene: Warum muss ich dies und jenes tun? Sie haben es einfach gemacht. Dieser Zusammenhalt war nur mit Ossis möglich.“ Dass dieser Kollektivgedanke im Profifußball jedoch nicht die Normalität ist, musste er bei seinen nächsten Stationen erfahren. Es überrascht nicht wirklich, dass es sich dabei mit 1860 München, Arminia Bielefeld und dem FC Augsburg ausschließlich um Klubs aus dem Westen des Landes handelt. „Ich wollte wissen, wo meine Grenzen liegen. München hat damals im Uefa-Pokal gespielt, man dachte sofort an das Derby gegen die Bayern, dazu die Stadt München – da hatte ich Appetit drauf“, erzählt Hofschneider. Wirklich geschmeckt hat ihm diese Zeit jedoch nicht.
Inzwischen ist Hofschneider, 44, Co-Trainer bei Union. Seit über sieben Jahren schon. Dort, wo für ihn alles begann. Die Haare sind nicht mehr lang wie noch 1989, auch hat das Schwarz längst einem Grau Platz gemacht. „Manchmal“, sinniert er mit Blick auf das 25-jährige Jubiläum, „wird es einem bewusst, wenn man mit jüngeren Spielern durch die Stadt fährt und die dann fragen, wo Osten und Westen angefangen haben. Die können es ja wegen ihres Alters gar nicht wissen.“
Dann erzählt er von jenem verachtenswerten Bauwerk, das die Stadt einst teilte. „Für mich ist das nach wie vor eine unsichtbare Grenze, die wird auch im Kopf drin bleiben. Ich bin direkt an der Mauer groß geworden, die kann ich ja nicht wegdiskutieren. Ich habe gegen die Mauer Fußball gespielt. Das ändert sich ja nicht, nur weil sich ein paar Straßenzüge und -namen geändert haben.“
Ihn in die Ecke der ewig Gestrigen zu stellen, ist jedoch ebenso abwegig, wie ihn als Wendehals zu bezeichnen. Die Verbundenheit zu seiner Herkunft ist aber unstrittig. „Eine gewisse Geduld, gewisse Hierarchien, eine gewisse Konstanz, ohne den Ehrgeiz zu vernachlässigen – das sind Dinge, die so ein bisschen verloren gegangen sind“, blickt André Hofschneider noch einmal zurück. Ein Fußballer, der in den Westen auszog, um sein Glück zu machen. Und es im Osten wiederfand.

