Dirk Greiser erinnert sich an einen Hund. Auch, wenn ein Hund in einem Fußballstadion eigentlich nichts zu suchen hat. Um aber die Stimmung jener Tage im Herbst 1989 zu beschreiben, erzählt Greiser, Kapitän der damaligen Zweitliga-Mannschaft von Hertha BSC: „Manchmal waren im Olympiastadion so wenig Zuschauer, dass wir auf dem Platz das Bellen des Hundes vom Wachpersonal gehört haben.“ Fußball war keine große Nummer in Berlin. Oder anders gesagt: Es gab ein Fußballspiel im Jahr – das im Mai stets ausverkaufte Finale um den DFB-Pokal. Der Rest war Berlin. Hertha rangelte mit Blau-Weiß 90, Tennis Borussia und Türkiyemspor um die Vorherrschaft. Doch Fortuna meinte es gut mit Hertha. 1989/90 spielte die Mannschaft von Trainer Werner Fuchs just, während im November 1989 die Mauer fiel, die beste Zweitliga-Saison seit Jahren.
51.270 Fans feiern „Eisern Berlin“
Hatte Hertha Ende Oktober 1989 vor gerade 5300 Fans gegen Rot-Weiss Essen gekickt, strömten zwei Wochen später 44.200 Zuschauer in Olympiastadion. Dass die Partie Hertha–Wattenscheid ein Topspiel war, war ein Aspekt. Die Werbeaktion eines Möbel-Händlers, der im Vorfeld viele Tickets gekauft hatte, ein weiterer. Vor allem aber durften am 11. November, zwei Tage nach Mauerfall, DDR-Bürger gegen Vorlage ihres Personalausweises kostenlos ins Stadion. Greiser sagt: „Es war ein historischer Moment. Nur wussten beide Mannschaften nicht, was sie davon halten sollten. Es war eine fröhliche, ausgelassene Stimmung, aber überhaupt nicht wie bei einem Spitzenspiel.“
Was damals möglich gewesen wäre, zeigte das Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Union. An jenem 27. Januar 1990 pilgerten 51.270 Besucher ins Olympiastadion. Die Partie endete 2:1. Dort wurde der für beide Mannschaften gedachte Sprechchor„Eisern Berlin“ gefeiert. Was dann, nach vollbrachtem Bundesliga-Aufstieg, im Sommer 1990 passierte, ist aus heutiger Sicht nicht zu verstehen. Durch den Mauerfall gab es Stars aus der DDR-Oberliga zu so günstigen Konditionen, wie es das nie vorher und auch seither nie gegeben hat.
Greiser, heute 51 Jahre alt, Rechtsanwalt, und sportlicher Berater des Hertha-Präsidiums, schaut zurück: „Es hätte die große Gelegenheit gegeben, Hertha als Aufsteiger mit Spielern zu bestücken, die echte Verstärkungen gewesen wären. Und der Verein hat es verpasst, Hertha durch mehrere Spieler aus dem Osten eine Identität als Gesamtberliner Klub zu geben.“ Frank Rohde, damals Kapitän beim DDR-Serienmeister BFC Dynamo, erinnert sich: „Mit Hertha in die erste Liga: Das wäre damals das Größte gewesen, auch für mich und andere vom BFC.“
Die ganze Bundesliga jagte die gut ausgebildeten Spieler aus dem Osten. Bayer Leverkusen angelte sich Andreas Thom und Ulf Kirsten. Der VfB Stuttgart verpflichtete Matthias Sammer, der 1. FC Kaiserslautern holte Rainer Ernst. Nur Hertha, der Klub, bei dem alles vor der Haustür lag, wurde nicht aktiv. Greiser: „Ich habe mich damals gewundert. Weil ich keine Berührungsängste gehabt hätte mit Spielern aus dem Osten.“
Doch die Teilung mitten in der Stadt hatte dazu geführt, dass die Mauer bei dem einen oder anderen Hertha-Verantwortlichen wie ein Brett vor dem Kopf wirkte. 40 Jahre lang war das, was aus dem Osten kam, feindlich gewesen. Allen voran der Stasi-Klub BFC Dynamo. Rohde erzählt, dass Horst Wolter, der damalige Hertha-Manager, ihn und Thomas Doll ins Olympiastadion eingeladen hatte. Auch Wolfgang Holst war vorstellig geworden. „Aber der konnte sich bei der damaligen Hertha-Führung nicht durchsetzen.“ Mit der Erfahrung als „Frontstadt“ hatten die Hertha-Verantwortlichen Befürchtungen, dass die Stasi Einfluss im Klub nehmen könnte. Ein Manager wie Reiner Calmund dagegen, von keinen ideologischen Bedenken geplagt, hatte mit seiner Geldkoffer-Politik leichtes Spiel bei den umworbenen Ost-Spielern.
Dazu saß der Publikums- und Medien-Liebling jener Tage, einer Fehleinschätzung auf. Werner Fuchs, der Auf-stiegstrainer von Hertha, war der Meinung, dass die DDR-Oberliga sportlich minderwertig sei. Schließlich würden die Ost-Klubs im Europacup vorzeitig rausfliegen. „Wenn die 100 Bundesliga-Spiele gemacht haben, können die mal wieder vorsprechen“ erinnern sich Zeitgenossen an Fuchs’ Meinung.
Doch es kam anders. Hertha-Präsident Heinz Roloff stellte die finanzielle Unterstützung ein. Er habe Hertha in die Bundesliga geführt, jetzt solle der Verein allein klarkommen. Manager Wolter war nun damit beschäftigt, Geld heranzuschaffen. Folge: Hertha, von vielen Verletzungen geplagt, spielte eine rabenschwarze Saison, verschliss vier Trainer und stieg prompt wieder ab. Pal Csernai, der zuvor mit den Bayern Deutscher Meister und Pokalsieger geworden war, sagte über seine vier Monate in Berlin: „Nichts, was ich im Fußball erfahren habe, konnte mich auf das vorbereiten, was ich bei Hertha erlebt habe.“
Es fehlte an Strategie und an Struktur. Nach dem Abstieg taumelte Hertha Jahre durch die Zweite Liga. In jedem Frühjahr drohte der Lizenzentzug durch den Deutschen Fußball-Bund. Frank Rohde, der schließlich 1993 bei Hertha angekommen war, sagte nach einer der vielen Trainer-Entlassungen: „Es geht nicht darum, wer neuer Hertha-Trainer wird. Es geht darum: Wer rettet Hertha vor sich selbst?“
Ähnlich war das Bild noch 1996. Jürgen Röber sagt: „Ich hatte in der Bundesliga den VfB Stuttgart trainiert. Freunde haben mich gewarnt, die Zweite Liga und insbesondere Hertha seien ein entscheidender Karriereknick.“ Röber entschied sich trotzdem für Berlin. Und erlebte die erfolgreichste Zeit seiner Trainer-Karriere. Durch die millionenschwere Anschubfinanzierung von Rechtevermarkter Ufa (heute Sportfive), die Installierung einer professionellen Geschäftsführung mit Dieter Hoeneß und Ingo Schiller gab es eine rasante Entwicklung: Hertha stieg 1997 auf, spielte zwischen 1999 und 2010 neun Mal international (Champions League, Uefa-Cup, Europa League). Die zuvor über die Stadt verteilten Jugendteams und die Profis wurden im Standort Olympiapark zusammengefasst. Die Nachwuchsakademie wurde errichtet, von 2000 bis 2004 im laufenden Betrieb das Olympiastadion komplett saniert – endlich war der Modernisierungsstau aufgelöst. Wenn auch auf Kosten eines existenzgefährdenden Schuldenberges.
Zwei sehr lebendige Vereine
Die Mitglieder-Statistik belegt: Sowohl Hertha als auch der 1. FC Union leben. Aber selbst 25 Jahre nach dem Mauerfall ist zu sehen, dass im Westteil die Hertha-Mitglieder die Mehrheit haben. Und der Osten überwiegend in Union-Hand ist. Kurios, aber wahr: Dass Hertha sich mehr und mehr in allen Teilen der Stadt verwurzelt, hat mit den Ab- und Aufstiegen zwischen 2010 und 2013 zu tun. So hatte Hertha im Jahr 2007 rund 15.600 Mitglieder. Aktuell sind es mehr als 32.000.
„Die Bande zu den Fans ist durch die vergangenen Jahre eng geknüpft worden. In schwierigen Zeiten sind die Berliner sehr solidarisch“, sagt Michael Preetz. Herthas Rekord-Torjäger ist seit 2009 als Geschäftsführer im Amt. Gleichzeitig verweist er darauf, dass „die Mitgliederzahl über vier Jahrzehnte nicht organisch gewachsen ist“. Hertha unternimmt diverse Anstrengungen, in Berlin und im Umland. Preetz: „Wir machen sehr gute Erfahrungen. Aber das muss wachsen und braucht noch ein bis zwei weitere Generationen.“

