Stadtgeschichte

Auf Spurensuche in Schmargendorf

Warum wird im Wilmersdorfer Stadion Wein angebaut? Woher hat der „Wilde Eber“ seinen Namen? Eine Entdeckungsreise

Wo genau liegt eigentlich dieses Salzbrunn, nach dem die Straße in Schmargendorf benannt ist? Woher hat das Roseneck seinen Namen? Und wer gab der Pücklerstraße ihren Namen? Solche Fragen stellen sich andere Berliner vielleicht auch. Aber Andreas Jüttemann belässt es nicht dabei: Er sucht in Archiven nach alten Stadt- und Bebauungsplänen, nach historischen Fotos und Reiseführern. Und wenn er dort nicht alles Wissenswerte findet, dann fährt er auch mal in die Orte, nach denen die Straßen benannt sind. Stadtgeschichte interessiert ihn eben, sagt Andreas Jüttemann. Vor einigen Jahren hat er sich mit Nikolassee beschäftigt. Danach war das Ostpreußenviertel in Westend an der Reihe – und jetzt Schmargendorf. Aus den Informationen, die er zusammengetragen hat, ist nach einem Nikolassee- und einem Westendführer jetzt ein weiteres Buch entstanden: „Berlin Schmargendorf. Spaziergänge und Entdeckungen im Kurbäderviertel“.

Salzbrunn ist nach dem schlesischen Badeort Bad Salzbrunn benannt, der aus den drei Dörfern Neu-Salzbrunn, Ober-Salzbrunn und Niedersalzbrunn bestand. Das Roseneck nach dem Rosenbeet, das im Jahr 1900 in der Mitte des dortigen Straßenbahn-Wendedreiecks lag. Warum im Stadion Wilmersdorf Wein angebaut wird, wieso die Kranzer Straße einen fehlerhaften Namen trägt und welches der straßennamensgebenden Heilbäder sich als Ziel für Anschluss suchende Alleinreisende bewarb: Die Berliner Morgenpost stellt acht überraschende Erkenntnisse aus Andreas Jüttemanns Buch vor, die auch viele Alteingesessene noch nicht wussten.

Wer auf dem Gelände des Stadions Wilmersdorfs trainiert, ist auf olympischem Boden unterwegs: Schon seit 1934 gab es hier einige Sportplätze, die bei den Olympischen Spielen 1936 für die Disziplin Feldhandball genutzt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie als Anbauflächen genutzt, bevor auf Trümmerschutt das neue Stadion gebaut wurde. Weil die Zuschauerränge nie voll waren, entschied sich der Bezirk Wilmersdorf, 1984 auf der Nordkurve einen Weinberg anzulegen. Jährlich werden hier 400 Kilogramm Trauben geerntet, aus denen 120 Liter Wein entstehen.

Noch vor dem Bau der ersten Sportanlagen fand auf dem Gelände ein sportliches Großereignis statt: 1908 starteten hier, mitten in der Stadt, 23 Ballonwettfahrer. „Das hatte den einfachen Grund, dass diese Ballons früher mit Stadtgas befüllt wurden und man hier gleich am Ort der Quelle abheben konnte“, schreibt Andreas Jüttemann. Zwei Tage lang seien die Ballons mit Gas gefüllt worden, bevor sie nacheinander in den Schmargendorfer Himmel stiegen. „Ein Ballonkorb landete etwas unsanft in einem Hinterhof, nachdem der Ballon über Friedenau platzte, ansonsten war das Wettfliegen ein voller Erfolg.“

Die Kranzer Straße trägt einen Fehler im Namen: Eigentlich müsste sie Cranzer Straße heißen, denn das namensgebende Seebad schreibt sich mit einem C. In Cranz wurde 1816 eine Kaltbadeanstalt eröffnet, Warm- und Moorbäder folgten, und weil Ostpreußens Provinzhauptstadt Königsberg nur 38 Minuten Bahnfahrt entfernt lag, wuchs das Seebad schnell. Vielleicht lag es auch den Werbeprospekten, die Andreas Jüttemann in Archiven entdeckt hat. Sie versprachen Wunderheilungen: „Eine große Zahl von Gelähmten“ zöge im Frühjahr ein, in den Bädern würden die „steifen Glieder“ wieder „geschmeidig“ und schon bald könnten die Patienten „am Stock und zuletzt ohne Stütze“ gehen. Warum das C im Straßennamen durch ein K ersetzt wurde, ist unklar. Der gleiche Fehler findet sich auf den Schildern der Kranzallee in Westend.

Atemwegserkrankungen und Blutarmut sollte das Wasser aus der sauren Quelle in dem Dörfchen behandeln, nach dem die Charlottenbrunner Straße benannt ist. Von 1929 an kamen eine weitere Quelle und neue Zielgruppe dazu: Der Kurort versprach jetzt auch Heilung bei Nieren- und Harnwegserkrankungen. Der Ort, der heute Jedlina-Zdroj heißt, verstand sich als Volksbad, lockte Kurgäste mit der Aussicht auf Schießstände und Tennisplätze und mit dem Motto: „Es ist nicht schwer, Anschluss zu finden in Bad Charlottenbrunn.“

1929 ließ der Karstadt-Konzern für sein Vorstandsmitglied Hermann Schöndorff am Flinsberger Platz eine Villa bauen. Heute residiert der israelische Botschafter in den Räumen, die nach den Plänen des Architekten Philipp Schaefers gebaut wurden. Kommerzienrat Schöndorff hatte wenige hundert Meter entfernt noch einen weiteren Wohnsitz in Berlin: Seine „Zweitvilla“ lag an der Reinerzstraße, in das Haus zog später die Evangelische Fachhochschule für Sozialarbeit und im Jahr 2000 die lettische Botschaft ein.

Der Platz am Roseneck am Ende der Teplitzer Straße gehört schon zu Grunewald – die Ladenzeile aber zu Schmargendorf. Das Haus Hanael mit der Ladenzeile erbaute Hans Altmann, der auch der Architekt des Rathauses Friedenau und der Rheingau- und Paul-Natorp-Oberschule war. Das denkmalgeschützte Mietshaus am Hohenzollerndamm 111/112 steht ebenfalls noch auf Schmargendorfer Boden, die Botschaft des Emirats Katar hingegen gehört zu Grunewald.

„Berühmtester Bewohner der Misdroyer Straße in Schmargendorf war zweifelsohne der Dichter Rainer Maria Rilke“, so Jüttemann. Rilke habe an seinem Wohnort geschätzt, dass er hier Ruhe zum Schreiben finden konnte und die „Annehmlichkeiten der Großstadt“ trotzdem nicht weit entfernt lagen. An den Wochenenden dürfte es mit der Ruhe wohl vorbei gewesen sein, fürchtet Jüttemann: Schon um die Jahrhundertwende gab es am Schmargendorfer Waldrand 20 Ausflugslokale, darunter der „Wilde Eber“ an dem Platz, der bis heute nach dem Gasthaus benannt ist.

Die Breite Straße, heute mehrspurig und viel befahren, war bis 1869 ein „unbefestigter Sandweg, um den sich einstöckige Bauernhäuser gruppieren“, schreibt Andreas Jüttemann. Der Weg wurde gepflastert, die Zahl der Bewohner wuchs, aber beschaulich blieb es noch lange rund um die ehemalige Dorfaue. Bis sich Berlin für die „autogerechte Stadt“ begeisterte und die kleinen Bauernhäuser an der Südseite für eine Straßenverbreiterung abriss.

Andreas Jüttemann: Berlin-Schmargendorf. Spaziergänge und Entdeckungen im Kurbäderviertel, Verlag Pharus-Plan, 9,80 Euro. Am 1. November, um 18 Uhr stellt Andreas Jüttemann das Buch im Hardys, Heiligendammer Straße 18 in Schmargendorf, vor, Reservierung: 0172/8057508