Ein Hauch von Lavendel, der die Menschen bei den Sinnen packt. Der Sprayer wirft die Dose weg, mit der er gerade einen Zug bemalen wollte. Die Gesichtszüge der gestressten Mutter entspannen sich, obwohl die Anzeige eine Verspätung verkündet. Und die frustrierten Jugendlichen am Bahnsteig erkennen, dass Gewalt keine Lösung ist.

So ungefähr stellt sich Ulrich Siegmund das vor. Er ist nicht unbedingt wie Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“, der über den perfekten Duft an die Macht will. Siegmund ist Geschäftsmann, und er will den Berliner Verkehrsunternehmen etwas verkaufen: den Duft für einen besseren Bahnhof. „Die BVG kämpft mit Vandalismus, auch körperliche Übergriffe mehren sich“, ist er überzeugt. Um das zu ändern, sollten die Bahnhöfe gezielt „beduftet“ werden.

Vanille mit Tee und Schokokeksen

Die Idee liegt im Trend: Seit einigen Jahren setzen Unternehmen vermehrt auf Gerüche, um das Verhalten ihrer Kunden zu beeinflussen. Laut einer Studie der Universität Paderborn erhöht der richtige Duft die Kaufbereitschaft um fast 15 Prozent. Supermärkte versprühen künstliche Orangendüfte am Obststand, in manchen Fast-Food-Restaurants ist es der Geruch nach Holzkohlegrill, der Appetit macht. Der US-Autohersteller Lexus schwört auf Vanille, gemischt mit Grapefruit, grünem Tee und Schokokeksen. Neuromarketing heißt das, wenn der Konsument auf die vielleicht subtilste Art und Weise beeinflusst werden soll.

Denn kaum etwas ist so prägend wie ein Geruch. Er kann dieselben Gehirnregionen aktivieren wie der Anblick einer Ware oder eines Produktlogos. Dieser Fakt beeindruckte Siegmund schon während seines Studiums der Wirtschaftspsychologie. „Wenn es gut riecht, fühlen wir uns einfach wohl“, sagt er. Der Jungunternehmer gründete „Berlin Duftet“, nach eigenen Angaben die einzige Firma für professionelles Duftmarketing in der Region. Im Angebot stehen „Smooth Harmony“, „Fresh Office“ oder „Pizza Salami“. Die Kunden, so Siegmund, kämen aus allen Branchen. Fitnessstudios stünden auf vitalisierende Minze, während Hotels das Odeur von Nordsee oder Waschpulver bevorzugen würden.

Jetzt also die Bahnhöfe. Für S-Bahn und Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hat Siegmund einen „entspannenden“ Duft im Sinn, vielleicht eine eigene Kreation, vielleicht auch Lavendel. Wie das Wissenschaftsmagazin „Journal of Agricultural and Food Chemistry“ berichtete, setzten japanische Forscher Ratten unter Stress und ließen sie den Aromastoff Linalool inhalieren, der in Lavendelöl, Koriander oder Ingwer enthalten ist. Danach waren die Tiere messbar beruhigter. Oder Vanille, nach der auch Muttermilch schmeckt und deren Duft deshalb von sehr vielen Menschen als positiv empfunden wird. „In New York werden besonders die stark frequentierten Bahnstationen dezent mit Vanille beduftet“, sagt Siegmund. „Das senkt Aggressionen und schränkt die Auswirkungen von Vandalismus ein. Auch bei Verspätungen reagieren die Menschen messbar gelassener.“ Viele nehmen dabei kaum wahr, dass sie manipuliert werden. Die Geräte, die den Duft zerstäuben, werden in der Regel in der Lüftung installiert.

BVG hat bereits experimentiert

Ist es die Lösung für BVG und S-Bahn, die im vergangenen Jahr zehn Millionen Euro für die Beseitigung von Vandalismusschäden ausgeben mussten? „Ich kann mir das nicht vorstellen. Nicht alle Fahrgäste mögen dieselben Düfte“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. Einen U-Bahnhof von „Berlin Duftet“ ausstatten zu lassen, würde neben den einmaligen Anschaffungskosten des Geräts eine dreistellige Summe pro Quartal bedeuten, je nach Bahnhofsgröße. Kosten, die sich laut Unternehmer Ulrich Siegmund durch Einsparungen beim Vandalismus und beim Schutz von Menschenleben schnell amortisieren würden. Die BVG sieht das etwas anders. „Es würde sich nicht lohnen, unsere Fahrgäste halten sich ja meist nicht sehr lange auf den Bahnhöfen auf“, sagt Reetz.

Das Landesunternehmen hat in der Vergangenheit bereits mit Gerüchen experimentiert. Mit wenig Erfolg. In den Straßenbahnen mischte es dem Reinigungsmittel den Duft „Madeleine“ bei, ein französisches Gebäck, in dessen Teig Zitronenblätter gehören. Vorbild war die Pariser Metro. Der Duft von „Madeleine“ hielt sich im doppelten Sinne nicht lange. „Wir hatten viele Beschwerden und der Geruch war schnell verflogen“, sagt Reetz. Die BVG würde ihre Fahrgäste lieber mit klassischer Musik besänftigen – wie etwa die Verkehrsbetriebe in München, die dies seit 14 Jahren mit Erfolg an zehn Bahnhöfen praktizieren. Doch ein Berliner Versuch am Bahnhof Adenauer Platz scheiterte. Hier fühlten sich die Ladenbesitzer gestört und die Technische Aufsichtsbehörde des Senats intervenierte.

Kritiker des Geruchsmarketings bemängeln die möglichen Schäden für die Konsumenten und fordern ein Verbot. Laut Deutschem Allergie- und Asthmabund können bei Allergikern Beschwerden wie Unwohlsein auftreten, bei Asthmatikern starke Atemprobleme. Kritisiert wird auch, dass mangels Langzeitstudien nur sehr wenig über den Duftstoffeinsatz bekannt ist. Siegmund nennt einen Fall, bei dem ein Angestellter eines Kunden allergisch auf einen Ananasduft reagierte. Doch solche Situationen lägen im Promillebereich. Das dubiose Image wischt er beiseite. „Düfte sind nur ein Marketinginstrument von vielen.“

Die S-Bahn zeigt mehr Interesse am Geruchsbahnhof, zu vernehmen ist aber auch, dass die Bahn-Tochter derzeit wichtigere Punkte auf ihrer To-do-Liste abhaken will. Zudem sind die meisten S-Bahnhöfe oberirdisch, an der freien Luft macht die Beduftung keinen Sinn. Auch die S-Bahn hat sich auf dem Feld bereits ausprobiert: Vor sechs Jahren bekamen 100 Viertelzüge eine eigene Duftnote. „Der Kosten-Nutzen-Aufwand hat sich aber nicht gelohnt“, sagt ein Sprecher. Der Betriebsrat der S-Bahn verurteilte die Aktion übrigens als überflüssigen Marketing-Gag.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es an Berlins Bahnhöfen also weiter so riechen wie bisher. Nach Döner, Zigaretten, Urin. Und vielleicht ist das auch besser so. Wie böse das Spiel mit den Düften enden kann, ist ja spätestens seit „Das Parfum“ bekannt.