„Immer zuerst aufs Brett“, ruft Joachim Scholz, routiniert holt der 67-Jährige mit einer motorisierten Nussschale seine Gäste am Gemeinschaftssteg der Inselgemeinschaft Rahnsdorf an der Hechtstraße ab. So machen es alle Bewohner des Entenwalls und der kleinen Nachbarinseln Kelchsecke und Dreibock. Hinter ihm naht eine ältere Dame in einem bunten Sommerkleid in ihrem Boot. Sie stakt lieber zum Anleger, sonst bekommt sie das mit der Landung nicht mehr so gut hin. Es wird eine wackelige Angelegenheit. Umständlich vertäut Uda Warnke ihr Boot. „Im Alter wird das nicht einfacher“, ruft sie gut gelaunt hinüber. Auch sie holt Besucher vom Festland ab.
Zugang nur mit dem eigenen Boot
Wer kein Boot hat, kommt sonst nicht auf die drei Inseln im Mündungsdelta der Spree in den Müggelsee. Eine Brücke gibt es nicht, und die Fähre von Rahnsdorf nach Müggelheim fährt knapp an Kelchsecke vorbei. Das verschafft den Inselnutzern das, was sie am ehesten suchen, wenn sie ihre Wochenenddomizile ansteuern: Ruhe und Erholung. Joachim Scholz und seine Frau Inge haben 1998 durch einen Zufall ein Grundstück mit einem kleinen Wochenendhäuschen von 1927 auf dem Entenwall gefunden. Besonders Inge Scholz liebt die Freiheit hier und, dass es auf dieser Insel eher Individualisten und keine Vereinsmeierei gibt.
Die Mehrzahl ihrer Nachbarn ist schon seit Jahrzehnten dort, aber wie viele der älteren „Alteingesessenen“, sind Joachim und Inge Scholz lieber an Wochentagen auf dem Eiland. Am Wochenende werde es inzwischen so laut, dass man die Flugzeuge nicht mehr höre, die über die Inseln ziehen. Die vielen Motorboote, Ausflugsschiffe und die Knallerei übertönten alles. „Heute kommt wohl kaum eine Feier mehr ohne Böller aus“, sagt Scholz, kürzlich hätte er zwölf Feuerwerke in einer Nacht gezählt.
Bevor er auf seiner Insel anlegt, tuckert er erst einmal um sein kleines Paradies zwischen den Bänken bei Rahnsdorf und der Müggelspree herum, einmal den Entenwall entlang, um Kelchsecke, vorbei an Müggelhort mit dem Traditions-Ausflugslokal Neu-Helgoland, umrundet einmal die kleinste Insel Dreibock vor Rahnsdorf, um dann an einem flachen Steg anzulegen, den er sich mit anderen Anrainern, die wie er kein Ufergrundstück haben, an der Südseite des Entenwalls teilt. Die Rundfahrt dauert etwa eine halbe Stunde. Entlang der Seerosenteppiche an den Bänken und auf den Wasserwegen jenseits der Fahrrinne darf er nicht schneller als acht bis zwölf Stundenkilometer fahren. Auf Müggelsee und -spree sind maximal 25 km/h erlaubt. An den Bänken brüten Trauerseeschwalben und Lachmöwen, auch deswegen steht dieses Gebiet bis zum Ufer des Entenwalls unter strengem Naturschutz. Am Röhricht rasten Fischreiher, Möwen kreischen. Daneben wirken die Inseln mit ihren gepflegten, oft großzügig bemessenen Wassergrundstücken, sattgrünen Rasenflächen, Stegen, Booten und Häuschen, den malerischen Trauerweiden und mächtigen Laub- und Nadelbäumen geradezu aufgeräumt. Einige der Datschen sind zu festen Häusern, andere zu veritablen Anwesen gewachsen.
Auf den schmalen Wasserwegen zwischen den Inseln hat die Natur die Oberhand. Auf der kurzen Strecke zwischen Dreibock und Entenwall hängen Bäume und Sträucher wie im Urwald tief über dem Wasser, Bruchholz ragt aus dem Schlamm, es riecht tropisch-modrig, selbst die Wochenendhäuser scheinen sich von den Ufern zurückgezogen zu haben, an denen man jederzeit einen Alligator erwartet. Joachim Scholz lacht: „Ja, meine Enkelin fragt auch immer, ob es hier Krokodile gibt.“ Krokodile sieht man hier nicht und auch an Kinder muss man sich auf dem Entenwall erst wieder gewöhnen. Wer hier sein Wochenendhäuschen hat, ist meist in gesetzterem Alter. Inge und Joachim Scholz gehören mit ihren 67 Jahren eher zu den Jüngeren. Das ändert sich jetzt langsam, sagt Scholz, für 80-Jährige wird das hier zu mühsam, trotz des Luxus von fließendem Wasser aus den Trinkwasserbrunnen und Stromversorgung. Einzig um letztere zu sichern, wurde der Inselverein gegründet, darüber hinaus wird kein Vereinsleben gepflegt.
Auch Dagmar und Günter Witte haben erst im Alter hier hergefunden. Für den nun 73 Jahre alten Hermsdorfer war es jedoch eine Heimkehr. Sein Großvater war einer der ersten Käufer auf der Insel und hat schon 1921 sein Holzhaus hier gebaut. „Er kam als junger Mann hier immer zelten und griff sofort zu, als die Fischer verkaufen wollten.“ Als Kind hat Günter Witte auf dem Entenwall viele Sommer verbracht und erinnert sich an den Urwald auf der Insel, von dem heute nur noch ein wildes, naturbelassenes Wäldchen übrig ist. Durch den Mauerbau fiel das Grundstück der Wittes, wie die aller West-Berliner, an die kommunale Wohnungsverwaltung der DDR, die die Parzellen vergab. Als sie es nach der Wende zurückbekamen und der Pächter im Jahr 2000 vorzeitig kündigte, waren sie froh, dass das Häuschen mit den Holzschnitzereien an den Giebeln noch zu retten war. Rein rechtlich dürfen Pächter von rückübertragenen Grundstücken diese bis 2018 weiternutzen. Das Rentnerpaar restaurierte das Haus detailgetreu nach alter Art, strich es in leuchtendem Blau und Weiß und nutzt nun in den Sommermonaten ein Bilderbuchanwesen am Wasser mit Wimbledon-Rasen, üppig blühenden Hortensien und weißen Gartenmöbeln.
Alte Stege in Seerosenteppichen
Ganz einfach ist ein Besitzerwechsel nicht. Wer auf der Insel ein Domizil hat, benötigt ein Boot, einen Anleger und einen Parkplatz an Land sowie einen Steg an der Insel und muss darauf achten, dass er sein Abwasser korrekt entsorgt. Immer strengere Auflagen und Vorschriften der Naturschutzbehörden sorgen auf der Insel für Unruhe. Vor etwa zehn Jahren wurden die Gewässer und Teile der Ufer von Müggelsee und Müggelspree zum FFH-Wasserschutzgebiet (Flora-Fauna-Habitat) erklärt. In so einem streng geschützten Gebiet darf nichts gebaut werden, und selbst ein Rückbau vorhandener Anlagen kann geprüft werden. So werden zum Beispiel die Stege an den Bänken zum Problem, da sie das ökologische Gleichgewicht dort stören könnten. Ohne ihre kleinen Privatstege kommen einige der Anrainer jedoch nicht auf ihre Grundstücke, und die meisten könnten auch ihre Abwässer nicht vernünftig entsorgen. Dafür haben sie nämlich zwei kleinere Flachwasserklärboote angeschafft, die bis auf 100 Meter an die Abwassergruben heranmüssen, um diese abpumpen zu können.
Anfang 2013 wurde zudem der größte Teil der Insel als Überschwemmungsgebiet eingestuft. Bauliche Veränderungen sind damit so gut wie unmöglich geworden. Eine junge Familie, die gerade ein Ufergrundstück mit einem winzigen Häuschen gekauft hatte, das sie erweitern wollte, gibt nun deswegen wieder auf, erzählt Scholz. Die Inselbewohner zweifeln das Gutachten an, die offiziellen Vermessungspunkte stimmten nicht mit den ihren überein. Scholz hofft, dass das noch einmal überarbeitet wird.
Das naturnahe Leben, das schon vor rund 100 Jahren die Städter auf ihrer Flucht ins Grüne hier suchten, ist für viele eine schwierige Aufgabe geworden. Statt einfach den Blick aufs Wasser zu genießen und sich an den Seerosen, den Fischreihern und anderen Wasservögeln zu erfreuen oder umherzuschippern, empfinden sie zunehmend ausgerechnet das als Problem, was sie einst hierher geführt hat. Der Zeitgeist hat gedreht und will die Menschen am liebsten ganz aus den geschützten Gebieten entfernen, die viele Familien mit viel Herzblut über die wechselvollen Zeitläufte des 20. Jahrhunderts gerettet haben, fürchten einige. „Bis 2010 war nur das Wasser- und Schifffahrtsamt für uns zuständig, die haben unsere Genehmigungen verlängert, solange wir nichts veränderten“, sagt Scholz, der seit 2007 Vorsitzender des Inselvereins ist. Nun hätte man mit den Behörden der Senatsumweltverwaltung zu tun, und deren Arbeit sei nicht immer sehr transparent. Helmut Engel, der ehemalige Berliner Landeskonservator, der auch ein Grundstück auf dem Entenwall hat, erinnert an die kulturhistorische Bedeutung der Inseln, die man nun zu etwas machen wolle, was sie vorher nie waren, wie er sagt.
Der Chef des Köpenicker Umweltamts, Martin Kleinlosen, kennt die Sorgen der Inselbewohner. Wenn es nach ihm ginge, würde er die vorhandenen Stege einfach so lassen, sagt er. Alles andere ginge an der Realität vorbei. Der Bezirk, sonst für kleine Privatstege zuständig, hätte damit kein Problem. In einem FFH-Schutzgebiet könne er allerdings ohne das Plazet der Senatsumweltverwaltung keine Genehmigung erteilen. Weil einige der meist auf zehn Jahre erteilten Genehmigungen abgelaufen sind oder ablaufen, gibt es jetzt Probleme, so Kleinlosen. Die Senatsverwaltung für Umwelt wollte diesbezüglich ein Gutachten erstellen, tue sich aber seit zwei bis drei Jahren schwer damit, sagt der Amtsleiter. „Hier wäre es sinnvoll, wenn die Inselbewohner sich als Interessengemeinschaft zusammentäten und ein vernünftiges Konzept für künftige Stege erarbeiteten, das auch eine bessere Durchwegung der Insel beinhaltet“, regt Kleinlosen an. Dann hätten es auch die Menschen im Inselinneren leichter. Auf dem Eiland herrsche nun mal Privatrecht. Solange die Sache nicht entschieden sei, will sein Amt jedoch alle vorhandenen Stege dulden, so Kleinlosen.
Zwei Schreiben hat Joachim Scholz im Namen der Betroffenen inzwischen an den Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses geschickt. So viel Zusammenhalt muss möglich sein. „Eine Antwort können wir allerdings erst nach der Sommerpause erwarten“, sagt er.

