Ein ungewohntes Gefühl scheint es für Bertrand Freiesleben zu sein, als der Fotograf ihn auffordert, auf dem Modellstuhl im eigenen Atelier Platz zu nehmen, und ihn dabei von allen Seiten mustert. Schließlich ist es normalerweise umgekehrt. Da ist es Freiesleben, der um seine Gäste herumspringt. Er darf so etwas, denn er ist Bildhauer. Ihm haben schon die Bundespräsidenten seit Walter Scheel Modell gesessen, Hans-Jochen Vogel und Kurt Biedenkopf hatte er auch vor sich, Krupp-Manager Berthold Beitz, Schachweltmeister Wladimir Kramnik, den Dirigenten Kurt Masur, den Schriftsteller Walter Kempowski, den Komiker Dieter Hallervorden. Von ihnen allen hat er Köpfe modelliert. Von fast allen. Bei Hallervorden ist er über den Ton nicht hinausgekommen, aber dazu später.

Über seine Arbeit hat Bertrand Freiesleben jetzt ein Buch herausgebracht. Zu sehen sind vor allem Köpfe, zu lesen Texte über die Porträtierten und zur Komposition der Werke. Freiesleben will bei einem breitem Publikum Interesse für seine Arbeit, für die Kunst überhaupt, wecken. Das Modellieren von Köpfen spielt in der Kunstwelt heute kaum eine Rolle. Schade findet er das, denn für ihn ist das ein spannendes Feld. Nicht nur künstlerisch, auch, weil er hier Menschen auf eine besondere Art kennenlernen kann.

Scheel war wie ein Mentor

Vor zehn Jahren hat noch meist Freiesleben angefragt, wenn er den Kopf eines prominenten Politikers modellieren wollte. Heute kommen sie oft auf ihn zu. „Das habe ich besonders Walter Scheel zu verdanken.“ Der FDP-Politiker und Alt-Bundespräsident war so etwas wie ein Mentor für ihn, hat ihn weitergereicht, und er war auch das erste bekannte Gesicht, das für Freiesleben Modell saß. 2005 trafen sie sich zum ersten Mal. Scheel kam in sein Atelier in Prenzlauer Berg. „Natürlich war ich aufgeregt“, sagt der Künstler, aber dann sei alles ganz unkompliziert gewesen. Er sei leicht mit Scheel ins Gespräch gekommen, über die Politik, übers Rauchen und darüber, wer im Zweiten Weltkrieg bei der Wehrmacht Weißbrot und wer Schwarzbrot bekommen hat.

Wenn ein Politiker im Atelier sitzt, hat das ein bisschen etwas von einem Friseurbesuch, wo ja auch über alles und nichts gesprochen wird. Nichts kommt allerdings selten vor. Als besonders spannend hat Freiesleben die Gespräche mit Horst Köhler empfunden, der viel über den Internationalen Währungsfonds und die Entwicklungspolitik gesprochen hat. Manchmal sei er dabei so engagiert gewesen, dass es ihm schwerfiel, sitzen zu bleiben. Überhaupt sei das für so manchen gar nicht leicht, die Geduld fürs Modellsitzen aufzubringen. Wer besonders ungeduldig war? „Ach, das sage ich lieber nicht“, Freiesleben will ja nicht künftige Kundschaft vergraulen. Erstaunt hat Freiesleben immer wieder, wie privat die großen Entscheider doch auf einmal sein können. „Da ganz oben sitzt keiner mit Ellenbogen“, hat er gelernt. Nur manchmal ist da eine Aura, die er als Künstler nicht durchdringt. Bei Richard von Weizsäcker sei das so gewesen. Den habe er in dessen Büro getroffen. „Da war alles so fein, wie sollte ich da mit Ton herum mantschen?“

Zu Beginn des Schaffensprozesses gibt es zunächst zwei Sitzungen, in denen Freiesleben einen Tonkopf anfertigt. Wenn der Ton getrocknet ist, macht er ein Negativ aus Silikon in einer Gipsform. Darin entsteht ein Wachskopf, von dem wiederum eine Negativform aus Schamotte und Gips gebrannt wird. Die befüllt er mit Bronze. Am Ende gibt es einen Kopf, dessen Gesichtszüge so lebensecht wirken, dass es kaum wundern würde, käme da plötzlich Bewegung hinein. Vom ersten Modellieren mit Ton bis zur fertigen Bronze dauert es oft Monate. Sein Minimum waren zwei Wochen: Am 29. Februar 2012 traf sich der Künstler zum ersten Mal mit Berthold Beitz, zwei Wochen später sollte Königin Silvia zu Besuch bei dem Manager sein. Klar, dass Freiesleben den Bronze-Beitz rechtzeitig fertig haben wollte. „Hat geklappt“, sagt er stolz. Schnell musste es auch einmal gehen bei dem Kopf von Christian Höppel, einem Freund, dessen Terminkalender so voll war, dass es nur eine Lücke beim Umsteigen am Flughafen Tegel gab. Zwei Stunden Zeit hatten sie. Die beiden platzierten sich in der Vorhalle des Flughafens. Für die Passagiere muss es ein interessantes Schauspiel gewesen sein, wie Freiesleben zwischen seinem Freund und dem Tonkopf hin- und herhüpfte und neue Tonschichten auf das Gerüst warf. Eine Weile ging das so, bis die Flughafenpolizei das Treiben bemerkte. Da es in der Hausordnung aber keinen Passus zum Umgang mit aktiven Bildhauern gibt, ließen sie ihn schließlich gewähren.

Manche Köpfe werden auch nie fertig. Weil etwas kaputtgeht, weil die Zeit einer Sitzung nicht reicht oder – im Falle von Dieter Hallervorden – weil der Kopf verschwindet. Nach der ersten Sitzung bei dem Komiker hat Freiesleben den noch feuchten Tonkopf über Nacht im Auto gelassen. Dumm nur, dass ausgerechnet in dieser Nacht sein Auto mitsamt dem unfertigen Hallervorden gestohlen wurde.

Manchmal geht Freiesleben auch aus einer Begegnung heraus und ist noch nicht zufrieden mit dem Tonkopf. Dann arbeitet er weiter mit Fotos. Das muss er auch dann tun, wenn er den Kopf eines Toten anfertigt, wie den des Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi, der im April 1945 im KZ Sachsenhausen umgebracht worden war. Heute steht seine Bronze in der Humboldt-Universität. Freiesleben hatte zwar Fotos von Dohnanyi, aber auf keinem fand er, was er suchte. Sein Sohn Klaus von Dohnanyi kramte daraufhin in seinem Portemonnaie und holte zwei etwas ramponierte Passbilder von seinem Vater hervor. Mit ihnen gelang Freiesleben dann die Arbeit.

Zur Bildhauerei kam Bertrand Freiesleben im zweiten Anlauf. Schon als Siebenjähriger begann der gebürtige Lübecker mit dem Zeichenunterricht, nach dem Abitur fing er in Kiel an, Bildhauerei zu studieren, zwei Semester. Er ging dann in die USA, war eine Zeitlang Konzeptkünstler. „The sublime is inside“ hieß eine Ausstellung, die er damals in Pittsburgh hatte. Das Erhabene im Inneren zu suchen, das erschien ihm aber schon bald zu verschlüsselt. „Ich will nicht, dass der Betrachter erst einen Schlüssel zum Dekodieren braucht“, sagt er heute. So widmete er sich wieder der Bildhauerei und begann mit seinen Köpfen. Er ging nach Berlin, um parallel an der FU Kunstgeschichte und Philosophie zu studieren. Seit zwölf Jahren lebt er mit seiner Frau und drei Kindern in Prenzlauer Berg, direkt über seinem Atelier. In dem stehen viele Köpfe im Regal: Horst Köhler neben Richard von Weizsäcker, Johannes Heesters neben Kurt Masur. Walter Scheel hat mal gesagt: „Bei Freiesleben stehen sie alle, die Großen.“ Der Künstler ist ihm dankbar für diesen Satz, er war für ihn wie ein Türöffner und hat ihn zu einer Art Chronisten der Bundesrepublik gemacht. Und doch träumt Freiesleben noch von vielen Köpfen. Bob Dylan würde er gern machen und Kanzlerin Angela Merkel auch. Sie wäre die erste Frau im Politikerregal. Aber jetzt steht erst einmal Christian Wulff an. Ein erstes Treffen gab es schon. Dann fehlt ihm vorläufig nur noch der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck. Der Künstler ist zuversichtlich: „Die Gelegenheit wird noch kommen.“

Bertrand Freiesleben, „Köpfe“, 360 Seiten, Nicolai Verlag, 39,95 Euro