Jeden Abend brennt es. Überall im Land wabert der schwarze Rauch durch die Dörfer. Geregelte Müllentsorgung ist den Reichen vorbehalten – und von denen gibt es nicht viele in Uganda. Der Großteil der Bevölkerung verbrennt seinen Abfall vor der eigenen Haustür. Darunter auch Millionen Plastikflaschen.

Es ist ein Schauspiel, an das Etienne Salborn sich fast schon gewöhnt hat. Der Berliner steht auf einem Hügel in Mpigi, 40 Kilometer von der Hauptstadt Kampala entfernt. Wie immer geht ein leichter Wind, das Thermometer zeigt 30 Grad. „Wir befinden uns nur 27 Kilometer vom Äquator entfernt“, erklärt Salborn. Die perfekte Lage. Am Dienstag wird er den Kaufvertrag unterschreiben: 17.000 Euro für zwei Hektar. Wo derzeit nur karges Gras wächst, will der gebürtige Mariendorfer dann Häuser bauen. Häuser aus Plastikflaschen.

„Man muss sie nur aufsammeln“

Die Bevölkerung Ugandas wächst rasant. Pro Jahr werden 150.000 neue Häuser benötigt. Baumaterial ist teuer, die Ressourcen in dem ostafrikanischen Land knapp. Plastikflaschen aber sind fast unendlich vorhanden. „Die, die nicht verbrannt werden, liegen überall herum. Man muss sie nur aufsammeln“, sagt Salborn. Für den Bau der Häuser werden sie mit Lehm gefüllt. Ist der getrocknet, sind die Flaschen hart wie Ziegelsteine. Aufgeschichtet und mit Schnüren fixiert ergeben sie die Seitenwände. In die Zwischenräume kommt Zement, Wellblech oder Stroh dienen als Dach. „Ein Haus, das fast nichts kostet“, sagt Salborn.

Das Konzept stammt von Andreas Froese, einem Zimmermann aus Westfalen. Nach einer großen Feier in Honduras fielen ihm die Zehntausende PET-Flaschen auf, die den Boden bedeckten. Flaschen, wie sie eigentlich in allen Dritte-Welt-Ländern im Überfluss vorhanden sind und die Umwelt verschmutzen. 500 Billionen werden weltweit jedes Jahr produziert. 2003 baute Froese in Honduras das erste Haus: umweltfreundlich, billig, und gegen Erdbeben bis zu einer Stärke von 7,3 gewappnet. In Uganda, wo der Boden öfter mal wackelt, errichtete er 2011 ein Toilettenhäuschen. Es steht bis heute.

„Upcycling“ nennt sich das Prinzip, aus Abfall neue, hochwertige Produkte herzustellen. In einem Zeitungsartikel las Salborn von der Idee. Salborn ist kein Zimmermann, kein Ingenieur, sondern Student. Vor acht Jahren entschied er, seinen Zivilersatzdienst im Ausland zu leisten. „Die Wahl fiel auf Uganda, weil Englisch dort Amtssprache ist“, erzählt der 27-Jährige mit den blonden Rastalocken. Ein Weltverbesserer wie aus dem Bilderbuch. Seine Geschichte erinnert an den jungen Arzt aus „Der letzte König von Schottland“, der blind auf die Weltkarte tippt und in Uganda landet. Doch während der Held im Film das Land zu Zeiten des Diktators Idi Amin erlebt und fliehen muss, ist Salborn inzwischen zum siebten Mal dort. Nach Jahrzehnten blutiger Auseinandersetzungen hat Uganda sich unter dem seit 1986 regierenden Präsidenten Yoweri Museveni stabilisiert. Es gilt als aufstrebende Nation, die der Reiseführer „Lonely Planet“ sogar zum Geheimtipp in Afrika auserkoren hat. Außer guter Schokolade vermisse er eigentlich nichts, sagt Salborn.

Trotzdem liegt der Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, bei 38 Prozent. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur 59 Jahre in einer Bevölkerung, in der die Hälfte der Menschen jünger als 15 Jahre alt ist. Salborn arbeitete zunächst in einem Waisenhaus. Seine erschreckende Erkenntnis: Nach der Grundschule kümmert sich niemand mehr um die Kinder. Salborn gründete den gemeinnützigen „Jangu e. V.“, der Patenschaften zwischen den Waisenkindern und deutschen Familien vermittelt. „Für 37,50 Euro im Monat ist der gesamte monatliche Lebensunterhalt eines Kindes abgedeckt“, sagt er. Auch der Gang auf die Oberschule.

Selbstständig und kreativ arbeiten

Doch nachdem die ersten Patenkinder ihren Schulabschluss in der Tasche hatten, musste Salborn feststellen, dass selbst dieser kein gutes Leben garantiert. Ein Studium an der Universität kostet pro Semester 1000 Euro – bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 30 Euro für die meisten unbezahlbar. Und selbst viele Uni-Absolventen finden keine Arbeit. Ihr theoretisches Wissen ist in Uganda wertlos. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 83 Prozent.

Salborn will einen anderen Weg gehen. „Die Jugendlichen müssen sich in der Praxis entwickeln“, sagt er. „Social Innovation Academy“ hat er seine Form von Praxis-Universität genannt, die auf dem Hügel in Mpigi entstehen soll. Das erste Projekt sind die Häuser aus Plastikflaschen. Zusammen mit einem ugandischen Ingenieur, der die Bauweise beherrscht, will Salborn Mentoren anlernen, die die Bauweise später selbstständig weiterführen können. Die Jugendlichen, die oft nur in Hütten aus Kuhdung wohnen, sollen lernen, sich neue, bessere Unterkünfte zu bauen. Und vor allem, selbstständig und kreativ zu arbeiten. „Das ugandische Schulsystem erzieht die Menschen nur zu Gehorsam“, sagt Salborn, der hofft, dass aus den Plastikflaschenhäusern weitere Projekte entstehen, die Jugendlichen zu Unternehmern werden, Arbeitsplätze schaffen. Ein Kreislauf, der die Arbeit seines Vereins irgendwann überflüssig machen soll.

Etwa die Hälfte der benötigten 150.000 Euro für das Projekt muss Salborn noch sammeln. „Unser Motto ist: Wir wollen der Boden sein, auf dem die Menschen in Uganda wachsen können. Egal in welche Richtung“, sagt er, und es klingt nicht mal pathetisch. Den Boden hat er bereits. Und eine andere Projektidee: Schuhe aus alten Autoreifen.

Weitere Informationen unter: www.jangu.org