Ungeklärt

„Das war wie Malen nach Zahlen“

Die Kriminalpolizei schließt den Fall um den Kunstfälscher Detlef G. ab. Weil der Selbstmord beging, werden die Taten wohl nie aufgeklärt

Irgendwann muss Detlef G. auf die Idee gekommen sein, mit den Bleistiftzeichnungen der deutsch-französischen Malerin Lou Albert-Lasard Geld zu machen. Um sie teurer verkaufen zu können, malte der pensionierte Kunstlehrer sie einfach bunt aus. Dann kolorierte er auch Schwarz-Weiß-Lithografien der Künstlerin. „Das war ein bisschen wie Malen nach Zahlen“, sagt Kriminalhauptkommissar René Allonge. Der Aufwand habe sich in Grenzen gehalten. Erst als Detlef G. die Originalwerke ausgingen, entschied er sich, Bilder im Stil der Künstlerin anzufertigen, wobei er sich an ihren Ölgemälden orientierte. Auf diese Weise malte er diverse Gouachen mit Motiven aus dem Berlin der 20er-Jahre und fügte sie zur sogenannten „Berliner Mappe“ zusammen – ein Werk, das Lou Albert-Lasard nie geschaffen hatte. Jetzt ist sie Teil der Akte Detlef G.

Drei Monate nach Bekanntwerden einer der größten Kunstfälscherskandale der vergangenen Jahre wird die Polizei diese Akte schließen. Zwar haben die Ermittlungen ergeben, dass der mutmaßliche Täter Detlef G. – eine in der Berliner Kunstszene recht bekannte Persönlichkeit – mehr Bilder gefälscht hat, als zunächst angenommen. Doch vermutlich werden nie alle Taten aufgeklärt werden. Da sich Detlef G. das Leben genommen hat, gibt es keinen Beschuldigten mehr, gegen den ermittelt werden könnte. Die Staatsanwaltschaft wird das Verfahren einstellen. Eine Anklage wird es nicht geben.

Aufgeflogen war der 73 Jahre alte Detlef G., ein pensionierter Kunstlehrer und Galerist, im Herbst vergangenen Jahres. Das Auktionshaus Villa Grisebach schöpfte Verdacht, nachdem zwei Gemälde von Lou Albert-Lasard (1885-1969) hohe Preise erzielt hatten und in der Folge immer mehr Bilder der Malerin eingeliefert worden waren. Die Spur führte in allen Fällen zu Detlef G., der sich als Nachlassverwalter der Malerin ausgab und deshalb zunächst als seriöse Quelle gegolten hatte. Doch bei einer Farbpigmentanalyse des Landeskriminalamts stellte sich heraus, dass Farben verwendet worden waren, die in den 20er-Jahren – der angeblichen Entstehungszeit – noch nicht existiert hatten. Am 12. November durchsuchte die Polizei G.’s Galerie in Schöneberg und entdeckte weitere Fälschungen sowie Unterlagen über illegale Bilderverkäufe. Zwei Tage später erschien Detlef G. im Fachkommissariat für Kunstkriminalität und legte ein Geständnis ab. Drei Tage darauf wurde er tot in seinem Auto in einem Wald südlich von Berlin gefunden.

Noch mehr Fälschungen?

Zu diesem Zeitpunkt ging die Polizei von rund 100 Fälschungen aus, die Detlef G. in Umlauf gebracht hatte. Er selbst hatte diese Zahl genannt, der Schaden wurde auf mindestens 100.000 Euro geschätzt. Im Laufe der weiteren Ermittlungen stieß die Polizei jedoch auf Ungereimtheiten. Hatte Detlef G. wirklich alles gestanden? Oder war er möglicherweise gewarnt worden und hatte Beweismaterial verschwinden lassen? Die Polizei hatte bereits vor den Durchsuchungen im Umfeld des 73-Jährigen ermittelt und Bekannte befragt, sodass G. genug Zeit gehabt hätte, belastendes Material beiseite zu schaffen. „Wir gehen davon aus, dass es noch mehr Fälschungen gibt, die von Detlef G. in Umlauf sind“, sagt Kriminalhauptkommissar Allonge. Wie viele, sei unklar.

Nach Angaben von Allonge steht jedoch fest, dass Detlef G. bereits in den 80er-Jahren mit gefälschten Kunstwerken zu tun hatte, und nicht erst ab 2003, wie er in seiner Vernehmung behauptet hatte. Doch die damaligen Taten wurden der Polizei nicht mitgeteilt. Detlef G. habe die Geprellten gebeten, keine Anzeige zu erstatten. Dies würden Schriftstücke belegen, die den Ermittlungsbehörden vorliegen. Er habe Angst um seinen Job am Gymnasium, soll er gesagt haben. Die Geschäfte wurden rückabgewickelt, G. zahlte Entschädigungen. Er kam noch einmal davon, doch war ihm das offenbar nicht Lehre genug.

Ob Detlef G. fortan weiter fälschte oder aber bis 2003 eine Pause einlegte, ist nicht bekannt. Auch wie lange er die Fälschungen der Bilder von Lou Albert-Lasard plante, bleibt ungewiss. G. hatte den Ermittlungen zufolge in der Tat Zugriff auf den Nachlass der verstobenen Künstlerin. Er kannte ihre Tochter Ingo de Croux, besuchte sie in den 80er-Jahren mehrfach in Paris und half ihr, Bilder der verstorbenen Mutter zu vermarkten. Später entschied sich Ingo de Croux, den verbliebenen Bestand von mehr als 2000 Arbeiten der Stadt Straßburg im Gegenzug für eine Monatsrente zu überlassen. Detlef G. erbte laut Polizei neben einem Geldbetrag allenfalls einen kleinen Teil des Werkes. Gut möglich, dass er gehofft hatte, noch mehr Gewinn abgreifen zu können. Vorstellbar auch, dass er einige Werke mitgehen ließ, ohne dass es jemand bemerkte. Dann ging das mit dem Ausmalen und Nachmalen los.

Bis zu 3000 Euro

Ob er sich nicht mehr zutraute oder nicht mehr wollte – Detlef G. blieb mit seinen Fälschungen immer im niedrigpreisigen Bereich. Mehr als 3000 Euro erzielte er selten für ein Werk. „Dabei wäre malerisch mehr möglich gewesen“, sagt Allonge. „An hochpreisige Werke anderer Künstler hat er sich aber offenbar nicht gewagt.“ Vielleicht hatte Detlef G. auch ein schlechtes Gewissen. Einige Fälschungen spendete er für kirchliche Versteigerungen, bei denen er als Auktionator tätig war. Den Großteil der Fälschungen verkaufte er jedoch in seiner Galerie, bei Privatveranstaltungen, über Auktionshäuser oder auf dem Kreuzfahrtschiff MS Europa – auf dem er Malkurse anbot.

Bei der Vernehmung am 14. November des vergangenen Jahres soll Detlef G. einen niedergeschlagenen Eindruck gemacht haben. „Er hatte seinen gesellschaftlichen Status von einem auf den anderen Tag verloren“, sagt Allonge. „Gleichzeitig wirkte er auch erleichtert.“ Detlef G. übergab den Beamten den Nachlassstempel, mit dem er seine Fälschungen als Albert-Lasard-Werke gekennzeichnet hatte. Ein wichtiges Beweisstück, das bei den Durchsuchungen nicht gefunden worden war. Er werde sich ein Taxi nach Hause nehmen, sagte er. Der verlor sich seine Spur, bis der Leichnam in einem Wald bei Trebbin gefunden wurde.

Die Ermittler sind sich sicher, dass sich Detlef G. nicht unmittelbar nach der Vernehmung, sondern frühestens zwei Tage später das Leben nahm. „Zwangsläufig müssen wir bei solchen Ereignissen kritisch hinterfragen, ob wir den tragischen Ausgang hätten erkennen müssen“, so Allonge. „Dafür gab es im Fall Detlef G. allerdings keinen erkennbaren Anhalt.“ In den kommenden Tagen wird die Polizei noch einmal die bekannten Besitzer der Fälschungen anschreiben und darüber informieren, dass sie sich unter Umständen strafbar machen könnten, sollten sie die Bilder als Originale weiterverkaufen. An einer Rückabwicklung habe die Mehrheit der geprellten Kunden kein Interesse gezeigt. Das mag auch daran liegen, dass die Ansprechpartner hierfür G.’s Erben wären, die genug Leid zu tragen haben. Sie haben nichts gewusst von dessen Lebenslüge und ihn dann auch noch verloren. Detlef G., das ist der derzeitige Ermittlungsstand, hatte keine Mittäter und keine Mitwisser. Er handelte allein, bis zum Schluss.