Verkehr

Die Tunnelwächter

Tausende Autos fahren jeden Tag durch die Röhren der Stadt. In Tegel werden sie kontrolliert. Ein Besuch

„Im Tunnel gibt es keine Gefahr“, sagt Torsten Hempel. „Es gibt nur falsches Verhalten.“ Der Mann muss es wissen. Er ist verantwortlicher Teamleiter für die Warte, das Herzstück der Tunnelleitzentrale Berlin. Von dort aus werden 9,2 Tunnelkilometer in Berlin überwacht, mehr als 300 Videokameras liefern Bilder aus 13 Tunnelanlagen. Es seien zum Teil leider auch haarsträubende Bilder. Von Motorradfahrern, die Kurven und Geschwindigkeiten falsch einschätzten, heißt es. Am häufigsten würden die Kameras aus dem Tunnel Tiergarten Spreebogen solche Bilder liefern. Hempel, selbst leidenschaftlicher Motorradfahrer, schüttelt bei seinen Ausführungen nur mit dem Kopf über das zum Teil lebensgefährliche Verhalten.

Die Tunnelleitzentrale in Tegel gehört zur Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Im Gegensatz zur Verkehrsleitzentrale, die mit der hoheitlichen Aufgabe betraut ist, den Verkehr mit moderner Technik zu leiten, zu lenken und zu beeinflussen, ist es die Aufgabe der Tunnelleitzentrale, dass die Verkehrs- und Betriebstechnik der Tunnelanlagen auch zu 100 Prozent einsatzbereit ist. Hat ein Mitarbeiter der Warte einen Unfall oder eine gefährliche Situation auf einem der 24 Monitore beobachtet, macht er umgehend eine Meldung an die Verkehrsleitzentrale, die dann entsprechend reagiert. „Wir beobachten und betreuen die Technik wie beispielsweise die Verkehrsbeeinflussungsanlagen“, sagt Hempel. Im Notfall, bei dem jede Sekunde zählt, könne man aber auch eigenverantwortlich Tunnelstrecken sperren, Stauenden durch Wechselverkehrszeichen absichern und Fahrspuren für den Fahrzeugverkehr sperren. Ohne den sonst üblichen „Umweg“ über die Verkehrsleitzentrale.

Die Verbindungen zur Verkehrsleitzentrale und zur Feuerwehr sind Standleitungen. „Bei einer großen Gefahrenlage in einem Tunnel kommt sofort ein Mitarbeiter der Feuerwehr zu uns in die Warte“, erklärt Hempel. „Der hat seinen eigenen Arbeitsplatz vor einem Monitor und kann von dort aus den Einsatz seiner Kollegen im Tunnel überwachen und Hilfe leisten, da er möglicherweise Dinge sehen kann, die die Einsatzkräfte vor Ort nicht sehen.“ Messungen im Tunnel beispielsweise liefern dem Brandexperten mit einem Knopfdruck auch Kohlenmonoxid-Gehalt und Temperaturen aus den Röhren.

„Im vergangenen Jahr hatten wir insgesamt 113 Unfälle und 365 Pannen sowie einen Brand vor dem Beyschlagtunnel in Reinickendorf“, zählt Hempel auf. „Bei 48 Unfällen mussten die Tunnel komplett gesperrt werden.“ Staus habe es aus verkehrlichen Gründen fast täglich gegeben.

Staus sind verboten

Dabei sind Staus in Tunneln eigentlich verboten und sollten auch möglichst verhindert werden. So sieht es zumindest die Richtlinie für die Ausstattung und den Betrieb von Straßentunneln (RABT) vor. Um Vollsperrungen der Tunnel aber zu vermeiden, werden daher nahe gelegene Autobahnzufahrten beinahe täglich zeitweise gesperrt. Mit wachsendem Verkehrsaufkommen auf den Stadtautobahnen A100 und A111 lässt die Verkehrsregelungszentrale die Schranken herunter, wenn es zu voll wird. Mit der Reduzierung der Fahrstreifen vor beziehungsweise hinter einem Tunnel würden „die Einfädel- und Spurwechselvorgänge im Tunnel minimiert oder auch komplett verhindert werden“, erklärt Michaela Kraft, Bereichsleiterin beim Objektmanagement Straße bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. So würde der Stau weit vor dem Tunnel entstehen, der Verkehr dann aber zähflüssig durch den Tunnel rollen. Mit diesen Maßnahmen könne das Unfallrisiko im Tunnel deutlich gesenkt werden.

„Vor dem Hintergrund der Ereignisse in den Alpentunneln vor einigen Jahren wurde die RABT 2003 in Kraft genommen“, sagt die Bereichsleiterin aus der Senatsverwaltung. „Mit der nachfolgenden Fassung 2006 wurden die Anforderungen an die Planung und den Betrieb sowie deren Überwachung nochmals verschärft.“

Zur Ausstattung gehören im Wesentlichen Einrichtungen für die Energieversorgung nach Stromausfall, Beleuchtungsanlagen und Hinweisleuchten, Tunnellüftung, Tunnelfunkanlage, Verkehrstechnik mit Verkehrszeichen, Verkehrssteuerung und Schrankenanlagen. Unter dem Schlagwort Sicherheitsanlagen wird aufgelistet, was die RABT dazu fordert: Videoüberwachung, Notruf- und Lautsprecheranlagen sowie Brandmelde- und Einbruchsmeldeanlagen im Betriebsgebäude sowie Sichttrübe-, Strömungs- und CO-Messung.

Torsten Hempel steht vor einer Batterie von Computermonitoren, Knöpfen, Reglern und Mikrofonen. „Hier“, sagt er und schiebt die Computermaus hin und her. Auf dem Bildschirm bewegt sich der schwarze Pfeil über graue, rechteckige Symbole. Vorproduzierte Textbausteine für jede Gelegenheit. „Diese aufgenommenen Standardansagen können wir im Bedarfsfall mit einem Mausklick über die Lautsprecher im entsprechenden Tunnel abspielen“ , sagt Hempel. Eine individuelle Ansage ist ebenfalls möglich. Der Tunnelchef verrät weitere hochmoderne Sicherheitsstandards. „Nimmt beispielsweise ein Autofahrer einen Feuerlöscher aus der Halterung, schwenkt eine Kamera im Tunnel automatisch auf diese Stelle“, sagt Hempel. „So stellen wir binnen kürzester Zeit fest, was dort los ist, und können entsprechend der Situation angemessen reagieren.“

Tunneltechnikerin Gabriele Neist berichtet von der zweistufigen elektronischen Höhenkontrolle durch Lichtschranken auf dem Autobahnabschnitt zwischen Stadtgrenze und dem Tunnel Altglienicke an der A113. „Alle Lkw und Transporter, die auf der Stadtautobahn weiterfahren wollen, passieren diese Höhenkontrolle“, sagt sie. Werde die erste Kontrolle vor der letzten Ausfahrt durch ein zu hohes Fahrzeug ausgelöst, aktiviere das ein blinkendes Hinweiszeichen. „Wird das übersehen oder ignoriert, greift die zweite Kontrolle direkt vor dem Tunnel, sofort werden die „Stop“-Anzeigen am jeweiligen Tunnelportal ausgelöst.“ Dann dürfen überhaupt keine Fahrzeuge mehr durch den Tunnel fahren, bis die Polizei das zu hohe Fahrzeug aus dem Verkehr gezogen hat.

Nicht immer aber greifen solche Maßnahmen. Vor mehreren Wochen erst hat ein zu hoher Kranaufleger eines Baufahrzeugs im Tunnel Tiergarten teure Elektronik, Videokameras und Verkehrszeichen von der Decke gerissen. Der Fahrer schien davon nichts bemerkt zu haben. Er setzte seine Fahrt durch die knapp zweieinhalb Kilometer lange Röhre fort. Michael Golz, ebenfalls ein Techniker vor der Monitorwand, findet den Trend erschreckend, dass immer mehr Fahrzeuge wegen Benzinmangels in einem der Tunnel liegen bleiben würden.

Der Chef der Warte verrät nicht, was die Mitarbeiter während der Rund-um-die-Uhr-Überwachung auf den Monitoren alles zu sehen bekommen. Man wolle schließlich nicht zur Nachahmung anstiften. Wie häufig Verkehrsteilnehmer ihre Notdurft in einem der Tunnel verrichten, zählt er auch nicht mehr.

Nächtliche Sperrungen

In den folgenden Nächten werden die A100 und der Tunnel Ortsteil Britz wegen Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten gesperrt: In der Nacht von Montag zu Dienstag von 21 Uhr bis 5 Uhr wird die Autobahn in beide Fahrtrichtungen zwischen Anschlussstelle Gradestraße und Buschkrugallee gesperrt. Betroffen sind auch die Anschlussstellen Buschkrugallee Fahrtrichtung Süd und Grenzallee Fahrtrichtung Nord. In der Nacht von Dienstag zu Mittwoch wird die A 100 zwischen Gradestraße und Buschkrugallee in Fahrtrichtung Süd gesperrt. In den Nächten von Mittwoch zu Donnerstag und zu Freitag wird die A100 in Fahrtrichtung Nord von der Anschlussstelle Buschkrugallee bis zur Gradestraße von 21 bis 5 Uhr gesperrt. Die Umleitungsstrecken sind ausgeschildert.