Das Wartezimmer der Wohnungslosen-Ambulanz am Bahnhof Zoo ist voll - trotz der überraschend milden Temperaturen in dieser ersten Februarwoche. „Im Sommer kommen auch nicht weniger Patienten als im Winter“, sagt Bianca Rossa. Die 31-jährige leitet seit dem vergangenen Jahr die Wohnungslosen-Ambulanz der Caritas. 3.500 Behandlungen wurden 2013 durchgeführt, 500 mehr als im Jahr zuvor.

Die Patienten sind Obdachlose und Menschen ohne Krankenschein. Für deren kostenlose und unbürokratische Behandlung ist die Einrichtung auf Spenden angewiesen. Die Regelfinanzierung des Senats ist vor zwei Jahren ausgelaufen, da in der Ambulanz nicht nur deutsche Staatsangehörige, sondern auch sehr viele Polen, Rumänen, Bulgaren und auch Südeuropäer behandelt werden. „Wir weisen niemanden ab, der krank ist“, sagt Bianca Rossa. In ihrem Büro stapeln sich Plastikboxen mit Medikamenten - viele davon gespendet - und so interessanten Beschriftungen wie „Tierchen“. „Das sind vor allem Mittel gegen Läuse, ein großes Problem unter unseren Patienten“, erklärt die Ambulanz-Leiterin. Das Entlausen unter der Dusche mit gründlicher Rasur übernimmt eine Krankenschwester. Untersucht werden die Patienten von einem der 14 ehrenamtlichen Ärzte, die Montags bis Freitags jeweils an festen Tagen in der Ambulanz arbeiten. Jede Fachrichtung - vom Orthopäden über den Hautarzt bis zur Frauenärztin ist alles vertreten. Bis auf zwei Ärzte, einer mit eigener Praxis, eine Stationsärztin aus dem Krankenhaus, sind die Mediziner im Ruhestand. Auch das Arztmobil der Caritas, das Notübernachtungen und Suppenküchen anfährt, wird von ihnen besetzt. „Unsere Ärzte sagen mir immer, hier sehen sie ganz andere Krankheiten als in ihrem bisherigen Praxis“, erzählt Bianca Rossa, die selbst gelernte Krankenschwester ist und zusätzlich noch Pflegemangement studiert hat. Die Patienten der Wohnungslosen-Ambulanz kommen meist mit Erkältungskrankheiten und deren Folgen, viele leiden unter Krätze oder Pilzerkrankungen, haben Läuse und offene Wunden. „Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei 44 Jahren. Aber das Leben auf der Straße lässt sie vorzeitig Altern“, sagt Bianca Rossa. Auch die Verständigung sei oft schwierig, obwohl die Schwestern polnisch und rumänisch können und andere Patienten beim übersetzen helfen.

Unter den Wohnungslosen sind auch viele psychisch Kranke. So wie die 78-jährige Frau, die seit Januar in die Ambulanz kommt. „Man merkt aus ihren Erzählungen, dass sie früher eine feine Dame war. Eine Tänzerin, die in Charlottenburg lebte“, erzählt Bianca Rossa. Doch irgend etwas hat sie aus der Bahn geworfen. Sie verlor ihre Wohnung, dann kam noch der Tod ihres Sohnes und ein schlimmes Erlebnis auf der Straße dazu und nun habe sie jegliches Vertrauen in die Menschen verloren. In der Ambulanz hat es lange gedauert, bis sie sich überreden ließ, überhaupt in die Dusche zu steigen. „Es kostet viel Zeit und Kraft, zu helfen“, sagt Bianca Rossa, die für die alte Dame nun einen Platz in einem Wohnheim gefunden hat, diese sich aber weigert, in ein Verkehrsmittel zu steigen. „Dabei ist sie ganz klar im Kopf, wir können sie nicht zwangseinweisen“, sagt die 31-jährige. Ein schwieriger Fall war auch der 65-jährige Pole, der mit schweren Erfrierungen an den Händen in die Ambulanz kam, aber erklärte, er wolle in Berlin arbeiten. „Dabei war er sogar zu schwach, um es in eine Notübernachtung zu schaffen“, berichtet die Ambulanz-Leiterin. Sie hat ihn in ihrem Auto zur polnischen Botschaft gefahren, weil er dann doch nach Hause zurück wollte. Dort war man nicht begeistert, und ob er sich tatsächlich in den Zug Richtung Heimat gesetzt hat, wisse sie auch nicht. „Die Menschen aus Osteuropa kommen in der Hoffnung hierher, hier würden sie ein besseres Leben finden“, meint sie. Aber wenn sie keine Arbeit finden, landen sie auf der Straße.

Berliner helfen unterstützt im Rahmen der Kältehilfe-Spendenaktion die Wohnungslosen-Ambulanz am Zoo und das Gesundheitszentrum von Jenny de la Torre in Mitte, in dem ebenfalls Obdachlose und Nicht-Versicherte kostenlos untersucht und behandelt werden, mit jeweils 5000 Euro. Auch in der Ambulanz der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße und in der Arztpraxis des sozialen Trägers Gebewo am Stralauer Platz werden Wohnungslose und Bedürftige medizinisch versorgt.