Straßenname

Der verloren gegangene Buchstabe

Die Joachimstaler Straße soll ihr „h“ zurückbekommen. Geschäftsleute lehnen die Umbenennung ab, der Bezirksbürgermeister ist dafür

Soll ein „h“ eingefügt werden und die Joachimstaler zur Joachimsthaler Straße werden? Diese Frage beschäftigt Charlottenburg-Wilmersdorf. Joachimsthal (Barnim) wünscht es sich. Die Bezirkspolitiker sind sich noch nicht einig. Die AG City sieht keinen Nutzen darin, den Buchstaben einzufügen.

740 Meter lang ist die Joachimstaler Straße, eine der meistbefahrenen Straßen in der City West. Benannt wurde sie 1887. Grund der Namensgebung war ein neuer Standort des Joachimsthalschen Gymnasiums, das von 1880 bis 1912 an der heutigen Bundesallee 1–12 untergebracht war. Zunächst lautete der Name „Joachimsthaler Straße“, doch Ende der 20er-/Anfang der 30er-Jahre ging das „h“ verloren. Möglicherweise deshalb, weil eine „Orthografische Konferenz“ Anfang des 20. Jahrhunderts festgelegt hatte, dass in heimischen Worten das „h“ nach einem „t“ entfallen sollte. Der Joachimstaler Platz, 1936 benannt, kam von Anfang an ohne „h“ aus.

Im vergangenen Jahr wandte sich die Stadt Joachimsthal an den Bezirk. „Mit der Bitte, das verlorene ‚h‘ zu korrigieren“, sagte Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Er sei eingeladen worden und habe Joachimsthal Mitte Januar 2014 besucht. Dort seien ihm die Gründe nahe gelegt worden. „Nach meiner Rückkehr habe ich dieses Anliegen gegenüber den Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung unterstützt.“ Letztlich, so der Rathauschef, gehe es um eine Korrektur und nicht um eine umfängliche Umbenennung. „Doch leider gibt es den Tatbestand der Korrektur nicht, sondern man braucht ein förmliches Verfahren zur Umbenennung.“

240 Gewerbetreibende betroffen

Nun beraten die Fraktionen der BVV über das Thema. Es ist bereits zweimal in den Sitzungen des Tiefbau-Ausschusses vertagt worden. CDU und Piraten hatten sich schon 2013 positiv geäußert, als Ende 2013 ein Stadtrat aus Joachimsthal im Ausschuss für Tiefbau und Grünflächen sprach. SPD und Grüne haben derzeit noch Diskussionsbedarf. Der Ausschuss stehe dem Thema wohlwollend gegenüber, sagte der Ausschussvorsitzende Volker Heise (Grüne). „Wie es im Einzelnen ausgeführt wird, steht noch nicht fest.“ Mehrere Varianten sind möglich. Erwogen wird zum Beispiel auch, dass Schilder aufgestellt werden, die über den Ursprung des Straßennamens informieren. Diese Tafeln könnten die Korrektur am Straßenschild ergänzen – oder sie ersetzen.

Rund 70 Anwohner wären von der Umbenennung betroffen, sagte Bürgermeister Naumann – „keine so große Zahl.“ Außerdem rund 240 Gewerbetreibende. „Nach meiner Einschätzung sind die Auswirkungen minimal. Denn die Post kommt in jedem Fall an, egal, ob man die Straße ohne oder mit ‚h‘ schreibt.“ Vorhandenes Briefpapier und Visitenkarten mit dem Aufdruck „Joachimstaler Straße“ könnten bis zum Ende aufgebraucht werden. Bei der nächsten Neuauflage könne man die Änderung vornehmen lassen. Pässe und Ausweise würden kostenfrei geändert.

Dass das „h“ nach der orthografischen Reform aus dem Straßennamen entfernt wurde, meint Naumann, habe vielleicht mit einem übereifrigen Beamten zu tun oder sei ein Versehen. „Denn Eigennamen sollten damals davon unberührt sein.“ Man wisse, dass Namen identitätsstiftend sind, meint der Rathauschef. „Nicht nur bei Menschen, sondern auch, wenn es um Städte und Gemeinden geht“, so der Bezirksbürgermeister. „Deshalb kann ich das Anliegen voll und ganz nachvollziehen. Ich erinnere daran, dass die Diskussion um Namen auch bei der Bezirksfusion in Berlin eine wichtige Rolle gespielt hat.“ Die Hauptstädter, so Naumann, würden sich mit der Korrektur des Straßennamens keinen Zacken aus der Krone brechen. Entscheiden wird jedoch die BVV. Sie legt auch fest, ob Anwohner und Gewerbetreibende zu ihrer Meinung wegen des Straßennamens befragt werden sollen. Wann die Bezirksverordneten entscheiden, steht jedoch noch nicht fest. Das Bezirksamt warte den Beschluss ab und werde ihn umsetzen, sagte Baustadtrat Marc Schulte (SPD).

Gegen die Änderung spricht sich Gottfried Kupsch vom Vorstand der AG City aus. „Es nutzt weder der Straße noch der Stadt, wenn man den Namen ändert“, so der Unternehmer. Aber es verursache Kosten. Es sei außerdem schade, wenn der fehlende Buchstabe eingefügt werde, weil dann eine schöne Story verloren gehe. „Denn jetzt kann ich immer eine Geschichte vom fehlenden ‚h‘ erzählen, wenn ich die Straße erwähne.“