„Schöne Dinge“ ist auf die Tafel aus Schiefer geschrieben, die vor dem kleinen Einrichtungsladen in Prenzlauer Berg steht. Der Gehweg an der Rykestraße ist gefegt, junge Eltern sitzen mit ihren Kinderwagen in Cafés, die Sonne scheint. An diesem Sonnabendvormittag toppt die Realität in Prenzlauer Berg beinahe ihr eigenes Klischee.

Nicht recht ins Bild passen die Graffiti-Schriftzüge, die an einige Fassaden und Türen geschrieben sind. „Kauft nicht bei Schwab‘n“, stand bis vor Kurzem an der Hauswand des Geschäftes, das mit der Schiefertafel um Kunden wirbt. Im Geschäft winkt die Inhaberin entschieden ab, sie wolle keinen Rummel um sich, das Geschäft und diese ganze Debatte über die Schwaben in Prenzlauer Berg. Auch wenn sie aus dem Süden Deutschlands stamme, glaube sie nicht, dass der verbale Anschlag gezielt ihrer Person galt. Sie wolle sich daher nicht in die Diskussion einmischen. Wohl auch, um die Schmierer nicht zu provozieren.

Polizei sucht nach den Tätern

Unter Landespolitikern dagegen sorgt die neuerliche Welle von Hassparolen parteiübergreifend für Empörung. Von einer „neuen Eskalationsstufe“ spricht Lars Zimmermann, Bundestagskandidat für den CDU-Kreisverband Pankow. Es sei „völlig geschmacklos, den Tenor der Nationalsozialisten aufzugreifen und die Formulierung ‘Kauft nicht bei Juden!‘ abzuwandeln“, so der Christdemokrat. Einen Hintergrund der Aggression sieht er in der Auseinandersetzung über die Mietenpolitik in Berlin. „Wir sollten uns auch in der Politik davor hüten, mit stark vereinfachten Bildern zu arbeiten“, sagt Zimmermann. Es dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, dass steigende Mieten allein die Zugezogenen zu verantworten hätten. Deutlich schärfere Töne schlägt der Berliner CDU-Landesvorsitzende Frank Henkel an: „Schmierereien dieser Art sind alles andere als ein Kavaliersdelikt. Die Polizei wird alles dransetzen, die Täter zur Verantwortung zu ziehen“, sagte der Berliner Innensenator.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sieht in den Schmierereien eine „unsägliche Aktion, für die es keine Begründung gibt“. Besonders niederträchtig sei „die mit Absicht verwandte Formulierung, die an dunkelste Zeiten in Deutschland erinnern soll. Sie zielt darauf ab, das friedliche Zusammenleben aller Menschen im Kiez zu stören.“ Ramona Popp, Fraktionschefin der Grünen im Abgeordnetenhaus, zeigt sich ebenfalls entsetzt. „Besonders geschmacklos ist, dass diese Schmierereien in unmittelbarer Nähe zu einer Synagoge in der Straße stattfinden“, sagt Popp. „Solche Handlungen müssen wir verurteilen und ächten. Die Anwohner sollten Solidarität zeigen und darauf hinweisen, dass ein Zusammenleben im Kiez gut funktioniert.“

Wer sich in Prenzlauer Berg umhört, trifft auch auf verbreitete Kritik an den Sprühaktionen. Tobias Schirmer läuft mit seinem Kinderwagen an einem gelben Baucontainer an der Rykestraße vorbei. Er entziffert, was dort in blauen Buchstaben steht: „Schwabe verpiss Dich!“ Daneben das Kürzel „TSH“, das als Akronym für „Totaler Schwaben Hass“ gilt.

„So etwas ist natürlich nicht zu tolerieren“, sagt Schirmer, glaubt aber auch, dass „einige Bezirke in Berlin einfach noch nicht so zusammengewachsen“ seien. „Das liegt wohl auch daran, dass hier alles ständig im Wandel ist“, so der Zugezogene. Vor seinem Geschäft an der Rykestraße steht Dominique Hélias, der seit vier Jahren im Kiez wohnt. Auch sein Laden sei schon oft Ziel der Attacken geworden. „Erst neulich haben sie mir auf die Fassade geschrieben: ,TSH ist wieder da!‘.“ Er lässt den beschmierten Rolladen herunter: „Ich habe die Farbe in letzter Zeit drei Mal übermalt und die Nase voll.“ Für den gebürtigen Franzosen ist die Ursache der Schmierereien klar: Viele Mieter in der Straße, auch jene in den direkt angrenzenden Häusern, klagten über anziehende Mietpreise. Franziska Hutschenreuther dagegen empfindet den Wandel im Kiez als positiv. „Es ist sauber, gibt mehr Vielfalt, mehr Lebensqualität“, sagt die 30-Jährige. Die verbalen Attacken zeugten von Kleingeistigkeit: „Wenn sich jemand in der Ferne etwas aufbaut, dann sollte man das respektieren, nicht zerstören!“

Parolen gegen Schwaben in Berlin gibt es seit Jahren. Nachdem sich Bundespolitiker Wolfgang Thierse (SPD) über „Wecken“-Käufer beim Bäcker mokiert hatte, bildeten sich mehrere Aktionsgruppen. Aktivisten attackierten das Käthe-Kollwitz-Denkmal an dem Platz mit Spätzle. Zuletzt benannte ein „Aktionsbündnis“ Straßennamen im Kiez um.