Die Berlin.Macher

Drei Dimensionen für die Queen

Sebastian Knorr hat der Weihnachtsansprache von Elizabeth II. zu mehr Raum verholfen – mit seiner 3-D-Technik

Der Traum klebt mit vier Streifen befestigt an der Wand neben dem Eingang. Ein altes Filmplakat des Westernklassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“ hängt dort, nicht digitalisiert auf einem Bildschirm, sondern altmodisch auf Papier – flach eben. Sebastian Knorr ist der Mann, der Henry Fondas Schüssen nur zu gerne eine tiefere Ebene verleihen und Claudia Cardinale zu räumlicheren Rundungen verhelfen würde. Knorr hat eine Firma namens imcube gegründet, die mit einer neuen Software zweidimensionale Filme in dreidimensionale umwandelt. Dafür schneiden Fachkräfte in China die Figuren oder Objekte, die auf einer anderen räumlichen Ebene stehen sollen, mit Knorrs Software aus, konvertieren die Bilder und bemalen sie, falls nötig, neu. Eines Tages Sergio Leones Italo-Western zu konvertieren, wäre also Knorrs größter Traum. Die langen Einstellungen in der wüsten Ödnis vor den Schießduellen seien hervorragend geeignet für die 3-D-Technik, sagt er. Schnelle Schnitte in der räumlichen Darstellung dagegen führen beim Kinobesucher nur zu Kopfweh.

Um den Hollywood-Blockbuster „Titanic“ in 3-D umzuwandeln, haben beispielsweise etwa 400 sogenannte Artists ein Jahr lang gearbeitet. Eine Minute des Schiffbruchdramas mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in 3-D zu konvertieren, kostete 93.000 Dollar. Die imcube-Technologie könnte, so sagt Knorr, den Aufwand heute um mehr als die Hälfte reduzieren. Noch höher sei die Zeit- und Kostenersparnis bei 3-D-Fernsehproduktionen, weil die Qualitätsanforderungen aufgrund der kleineren Bildschirme geringer seien.

Um selbst Kosten zu sparen, hat der Gründer das Handwerk aus seiner Firma nach Asien ausgelagert. In Berlin wird geforscht und entwickelt, in China wird hergestellt. So lautet die Formel für Globalisierung und in Knorrs Fall auch die für finanziellen Erfolg. „Wir wären sonst schlicht und einfach nicht wettbewerbsfähig“, sagt er. In Deutschland könnte er sich die 100 Fachkräfte, die in China für ihn konvertieren, nicht leisten. Bis Ende des Jahres sollen es, wenn es nach dem 40-Jährigen geht, sogar 400 werden. Eine große Zahl, wenn man bedenkt, dass Knorr imcube erst 2009 zusammen mit seinem Geschäftspartner Matthias Kunter gegründet hat.

Wissenschaft als Grundlage

Anders als bei Hollywood-gleichen Gründergeschichten, hatte Knorr nicht eines Tages wie aus dem Nichts eine weltverändernde Idee. Er ist kein Visionär, kein Träumer. Die Patente für das Konversionsverfahren entstanden aus den Dissertationen, mit denen er und Kunter ihre Doktortitel in Elektrotechnik an der Technischen Universität in Berlin erhielten. Imcube, das ist ein englisches Wortkonstrukt aus „image“ (Bild) und „to cube“ (in die Würfelform bringen). Es folgten Förderungen, Stipendien, Tests. Ein Auftrag für den britischen 3-D-Bezahlsender BSkyB verhalf zum Durchbruch. So durfte imcube im vergangenen Jahr die Weihnachtsansprache von Queen Elizabeth II. in 3-D übertragen. Ein Marketing-Gag mit Erfolg.

Heute sitzen bei imcube neben Sebastian Knorr zehn Mitarbeiter vor doppelt so vielen Bildschirmen im Großraumbüro und entwickeln Software-Module. Angesichts einer Frauenquote von null Prozent unter den Entwicklern würde Frau von der Leyen wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Eine einzige Frau arbeitet bei imcube im Marketing, sie spricht von sich scherzhaft als „Quotenfrau“. Doch auch in einem weiteren Punkt ist imcube anders als viele Start-ups in Berlin. Die Firma ist nicht in einem Kreuzberger Klinkergebäude angesiedelt, in dem der Gründergeist schon gewohnt hat, bevor das erste Teammitglied überhaupt sein Notebook aufgeschlagen hat. Es schwebt kein Gefühl von milchschaumgetränktem Geniegeist im Raum, es gibt keinen Kickertisch, keinen Kühlschrank voller Club Mate. Das Büro strahlt Konzentriertheit und Pragmatismus aus. So wie Knorr eben.

Der Gründer ist bei seinen Wurzeln geblieben, mit seinem Team sitzt er in den Räumen der TU am Einsteinufer in Charlottenburg, roter PVC-Boden, der Geruch von Desinfektionsmittel, ausgebleichte gelbe oder orangene Farbe an den Wänden mit unzähligen Schrammspuren von Projektoren, Tischen oder Stühlen, die rumpelnd vorbeigetragen wurden. Doch auch die Nähe zu seiner alten Wirkungsstätte und den Studenten ist Absicht, so könne man über Werksstudenten gleich den eigenen Entwickler-Nachwuchs rekrutieren. Knorr hat keine bedeutungsschwangere Einrichtung, die dem Gast von der Kreativität und Ideenfreude der Firma erzählen soll. Schreibtische, Computer, mehr braucht es nicht. Hinter einem schweren Vorhang stehen zwei ausrangierte Kinosessel vor einem Heimkino-Bildschirm für interne Vorführungen. Drei robust aussehende Zimmerpflanzen recken müde ihre dürren Äste in den Raum, an der Wand gegenüber des „Spiel mir das Lied vom Tod“-Plakats hängt ein ausgebleichtes Bild von Darth Vader, der sein Laserschwert über den Köpfen der Mitarbeiter schwingt.

Knorr ist nicht in der Berliner Start-up-Szene unterwegs, seine Außenwirkung in der Hauptstadt sei zweitrangig, weil das Start-up fast ausschließlich für das Ausland arbeite. Wichtig ist die Software. Dafür ist Knorr täglich zwölf Stunden im Büro, an sechs Tagen in der Woche. Über die Namen der aktuellen Projekte will er nicht reden, alles noch geheim, ebenso wie der Umsatz der Firma. Fest steht für Knorr aber, dass noch in diesem Jahr die Rentabilitätsschwelle, er sagt „Break-even“, erreicht werden soll, Einnahmen und Ausgaben sollen sich ausgleichen.

Wenn man wissen will, wo sich der Filmmarkt der Zukunft abspielen wird, muss man nur einen Blick auf Knorrs Visitenkarte werfen: Zweisprachig, englisch und chinesisch. Seine Firma findet man im Internet nur mit einem englischen Auftritt. „Deutschlands Medienbranche hinkt total hinterher“, sagt Knorr. Keine bedeutenden Produktionen, vergleichsweise geringe Budgets. Neben den USA sei der chinesische Filmmarkt mittlerweile der zweitgrößte, noch vor der indischen Filmproduktionsmaschine Bollywoods.

Hoffen auf Hollywood

Auch deshalb reist Knorr nun wieder nach China, erst einmal für sechs Wochen, später im Jahr für ein paar Monate. Er trainiert die chinesischen Fachkräfte, kontrolliert die Qualität und leiert Kooperationen auf dem chinesischen Filmmarkt an. Probiert hat er es auch in Indien.

Dort hat er allerdings keine guten Erfahrungen gemacht. „Das Land ist sehr korrupt und die Mentalität eine ganz andere“, sagt er. Es gebe kein „Nein“ in diesem Land, was Diskussionen und Vereinbarungen sehr schwierig mache. „Wir haben riesige Probleme bekommen, weil wir häufig für Absprachen extra hingeflogen sind und dann feststellen mussten, dass sie nicht eingehalten wurden.“ Aber auch aus Deutschland kommen immer mehr Nachfragen. Filmarchive wollen ihren Bestand digitalisieren – ein weiterer Geschäftszweig für Knorr und seine Leute. Seinen Traum, „Spiel mir das Lied vom Tod“ in 3-D zu verwirklichen, will er weiterverfolgen. Vielleicht kommt ja eines Tages die Anfrage aus Hollywood.