Q216

Berlins größte Wohngemeinschaft

An der Frankfurter Allee entstehen in einem Plattenbau 438 Ein-Zimmer-Wohnungen. Vor allem Studenten ziehen dort ein

Wenn Sven Lubitzki aus seinem Fenster blickt, leuchten seine Augen. Von der achten Etage aus sieht er die S-Bahnen im Bahnhof Lichtenberg wie Modelleisenbahnen auf der schneebedeckten Rangierfläche hin und her fahren. Geradeaus steht das Kraftwerk Rummelsburg, aus dessen Schornsteinen dicker Dampf quillt. Am Horizont ragen die Umrisse des Riesenrades im Plänterwald in die Höhe. Industrieromantik vor dem Wohnzimmer. "Kann man einen schöneren Blick haben?", fragt Lubitzki und schiebt eine Kiste zur Seite. Er schaut sich in der noch fast leeren Wohnung um. Gegenüber dem Fenster liegt die Küchenzeile mit Abwaschbecken und Herd, rechts ist Platz für ein Bett. Das Bad ist separat.

Heute zieht der 35-Jährige, der in Friedrichshain groß geworden ist und als Bank-Sachbearbeiter werktags in Stuttgart arbeitet, in sein neues Berliner Domizil.

Er ist nicht allein: 438 Ein-Zimmer-Wohnungen, 22 bis 40 Quadratmeter groß, liegen über, unter und neben seiner Wohnung.

Sein 22 Quadratmeter großes zu Hause mit Bad in dem elfstöckigen Plattenbau an der Frankfurter Allee ist Teil des Wohnprojektes "Q216", das günstigen Wohnraum für junge Menschen bieten will. In Zeiten der Wohnungsnot unter Studenten ist dieses Projekt von besonderer Bedeutung. Das kastenförmige, weiße Haus - ursprünglich ein Verwaltungsgebäude der Deutschen Bahn - blieb lange ungenutzt. Es steht an der Lichtenberger Brücke. Vor der Tür halten drei Nachtbuslinien, pro Wohnung gibt es einen Fahrradstellplatz. An Familien soll nicht vermietet werden, Hunde sind verboten im Haus. Die Mieter-Zielgruppe ist damit festgelegt.

Die meisten der rund 230 Wohnungen, die in einem ersten Schwung vermietet worden sind, gingen an Studenten und Berufsanfänger. Weitere 200 Wohnungen sind noch nicht fertig. Sie sollen im April vermietet werden. Lubitzki zahlt 310 Euro warm. Er ist einer der wenigen Nicht-Studenten, die hier einziehen - und einer der Ältesten. Das Durchschnittsalter der Mieter liegt bei 24 Jahren.

Kontakte zu anderen Bewohnern

Dorothee Schulze passt ins Bild. Die 19-Jährige aus der Altmark in Sachsen-Anhalt hat im Oktober ihr Studium "International Business" an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Friedrichsfelde begonnen. Sie erfuhr durch Zufall von "Q216" und entschied sich schnell. Am 30. November zog sie ein. Von ihren 35 Quadratmetern in der achten Etage, für die sie 380 Euro warm bezahlt, blickt sie auf die Frankfurter Allee. Das große Fenster zieht sich fast über die gesamte Längsseite des Zimmers. "Aber der Lärm hält sich in Grenzen", sagt sie. "Die Fenster sind dicht." Zum Einzug waren ihre Eltern angereist, halfen, Kisten zu schleppen, Möbel aufzubauen und eine Wand fliederfarben zu streichen.

Die Studentin freut sich nun darauf, Kontakte zu den anderen Bewohnern zu knüpfen. "Als ich mir das Haus zum ersten Mal angeguckt habe, gefiel mir der Gedanke, dass hier viele junge Leute wohnen. Wie in einer Riesen-WG", sagt sie. Dorothee geht davon aus, dass "Q216" die Gegend aufwerten wird. "Für junge Leute ist es einfach toll hier, weil die Preise so gut sind", sagt sie.

Leider funktioniert einer der beiden kleinen Fahrstühle noch immer nicht. Dorothee hat deshalb eine Ewigkeit gebraucht, ihre Möbel nach oben zu bringen. Viele Mieter wollten zur selben Zeit einziehen. Heute ist die Schlange aus Menschen und Möbeln vor dem einen funktionierenden Fahrstuhl allerdings etwas kürzer. Jonas Hantelmann steht neben Lattenrost, Tischplatte und Koffern und hat einen Computerbildschirm in der Hand. Hinter ihm streichen zwei Handwerker das Treppenhaus.

"Hier funktioniert einiges nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe", sagt der 19 Jahre alte Fachinformatik-Azubi. "Ich sollte im November einziehen, aber alles war noch voller Bauschutt, und die Türen fehlten auch noch." Für ihn war die Verzögerung problematisch. "Ich hatte meine alte Unterkunft schon gekündigt. Nur mit Mühe konnte ich den Mietvertrag um einen weiteren Monat verlängern." Jonas wollte unbedingt allein wohnen. "Ich bin offenbar nicht so WG-tauglich", sagt er. Umso glücklicher ist er nun, eine so schöne Single-Wohnung gefunden zu haben. Seine 31 Quadratmeter liegen in der siebten Etage. Ein paar Türen weiter hat Philipp Opitz schon alles eingerichtet: Schrank, Schreibtisch, Bettsofa, Flachbildschirm. Der 22 Jahre alte Student der Fitnessökonomie ist vor einer Woche zu Hause ausgezogen. Er freut sich riesig, jetzt seine eigene "Bude" zu haben. Vater, Mutter und Großmutter helfen dabei, die letzten Lampen zu montieren. "Ich wollte so hoch wohnen wie möglich", sagt Opitz. "Super ist auch, dass ich zu meiner Arbeit im Fitness-Studio zu Fuß gehen kann."

Die Investoren, die das Haus, das früher der Deutschen Bahn gehörte, für rund 15 Millionen saniert haben, sind Arndt Ulrich und Lutz Lakomski aus Dernbach im Westerwald. Lichtenbergs Stadtrat für Stadtentwicklung Wilfried Nünthel (CDU) befürwortet ihr Engagement. "In Berlin gibt es eine große Nachfrage nach Single-Wohnungen. Aus diesem Grund begrüßen wir das zunehmende Interesse von privaten Bauherren, auch leer stehende Gewerbeobjekte zu Wohngebäuden umzunutzen." In Victoriastadt, Frankfurter Allee Nord und im Weitlingkiez seien zunehmend junge Leute auf der Suche nach einer Wohnung, nach Karlshorst zögen immer mehr Familien.

Verzögerter Einzug

Eine junge Frau steigt aus dem Aufzug. Sie ärgert sich über die Hausverwaltung. Sie habe die Zusage gehabt, schon am 26. November in eine Wohnung des Q216 einziehen zu dürfen, obwohl Mietbeginn der erste Dezember war. "Ich hatte meinen Umzug nach Berlin daraufhin genau geplant", erzählt die Nordrhein-Westfälin aufgebracht. Dann habe sie aber doch erst am 31. November einziehen können, weil ihre Möbel nicht zu den Maßen der Musterwohnung passten, die ihr vorher gezeigt worden war.

Die junge Frau zahlt für 31 Quadratmeter Wohnraum 375 Euro warm. "Als ich wegen der Verzögerung meines Einzugs den Hausmeister anrief, sagte er mir, es gebe noch gar keine Bauabnahmegenehmigung", berichtet sie weiter. Von der Hausverwaltung habe sie dann das Gegenteil gehört. Es sei alles kein Problem, hieß es da. Einer der Eigentümer, Arndt Ulrich, kann sich die Verwirrung erklären. "Die Hausverwaltung hat wohl das Einzugsdatum etwas flexibel gehandhabt, weil viele junge Leute von weit her, auch aus dem Ausland, hierher gezogen sind."

Sven Lubitzki und seine zwei Helfer sind mittlerweile fast fertig mit dem Schleppen. Die kleine Wohnung ist randvoll mit Kisten und Möbeln. Zufrieden blicken die drei auf das Chaos. "Nur die Badezimmertür schließt nicht, sie ist größer als ihr Rahmen", sagt er. "Aber das sind doch Kleinigkeiten. Das wird sicher bald behoben." Er blickt erneut aus dem Fenster: "Früher hatte ich etwas übrig für Modelleisenbahnen. Vielleicht komme ich wieder auf den Geschmack."