Karnevalsauftakt

"Berlin, Heijo! Berlin, Heijo!"

200 Narren stürmen zum Beginn des Karnevals das Abgeordnetenhaus

Warten auf den Prinzen und seine Prinzessin: Kerzengerade stehen ein Dutzend Standartenträger aufgereiht vor dem Berliner Abgeordnetenhaus. Lutz Moser, Präsident der "Narren Gilde Berlin", zückt seine Kamera, um den Moment festzuhalten, den Augenblick unmittelbar vor dem Sturm. Denn schon kurze Zeit später werden 200 Karnevalisten das Gebäude an der Niederkirchnerstraße entern und wie sie sagen, "die Regentschaft in der Hauptstadt" übernehmen. Vorher scheppert das Orchester noch einen weiteren Marsch. Lutz Moser und die anderen Jecken, Narren und Gardemädchen setzen zum x-ten Schlachtruf an. Berlin ist nicht die Karnevalshochburg Köln, auch nicht Bonn, und so intoniert die übersichtliche Menge ihren eigenen Narrenruf: "Berlin Heijo, Berlin Heijo", schallt es über den Vorplatz des Parlamentsgebäudes. Der Ruf, erklärt eine Jeckin, stehe für Heiterkeit und Jokus (Jux, Scherz) und leite die närrische Zeit, die fünfte Jahreszeit, in der Hauptstadt ein.

Faschingsumzug im Februar

Und diese feierten an diesem 11. November immerhin auch etwa 2000 aktive Karnevalisten in mehr als 20 Vereinen in Berlin, wie das Festkomitee Berliner Karneval bekannt gab. Hinzu kämen Tausende Karnevalisten, die zwar nicht in Vereinen organisiert sind, aber dennoch in Bars, Kneipen und Veranstaltungsräumen mit ostentativer Heiterkeit und unerbittlicher Inbrunst feierten. Höhepunkt der Berliner Karnevalssaison dürfte aber der angekündigte Faschingsumzug im Februar auf dem Kurfürstendamm werden.

Der Sturm auf das Abgeordnetenhaus gab schon einmal einen Vorgeschmack darauf. Pünktlich um 11.11 Uhr rollen mit Tärä und Bumm das Prinzenpaar in zwei dunklen Kleinwagen vor dem Abgeordnetenhaus vor. Prinz Frank I. entsteigt der Karosse, neigt sich einem Kamerateam entgegen. "Wir werden jetzt die Stadt Berlin im Karneval vertreten, gehen zu fast allen Veranstaltungen, besuchen die Kanzlerin und Herrn Platzeck", sagt der 51 Jahre alte Zerspanungsmechaniker nüchtern. Ihn schmücken Orden und Medaillen auf seinem bunten Prinzenkostüm. Tiefer Bass, Scheppern, die Musik setzt sich erneut in Gang. Das Zeichen für Prinz Frank I., der seine Prinzessin Claudia I. (31 Jahre, Hotelfachfrau, zuständig für Reservierungen) an die Hand nimmt und sich den Weg bahnt bis vor die Eingangstür des Abgeordnetenhauses.

Dort folgt das nächste Ritual. Zwischen den Karnevalisten steht Ralf Wieland, der Präsident des Abgeordnetenhauses. Symbolträchtig hält er den großen Schlüssel für das Parlamentsgebäude in der Hand. "Her damit, sonst sind wir gezwungen, noch kleine Reden zu halten", sagt Prinz Frank I. in drohender Gebärde. Wieland leistet nur kurz Widerstand, dann marschieren die Jecken ins Foyer des Gebäudes. Dort spielt das Orchester weiter. "Berlin, Heijo, Berlin Heijo, Berlin Heijo." Am Rednerpult gegenüber ergreift Wieland ein letztes Mal vor der "Amtsübergabe" das Wort: "Wir werden uns Mühe geben, den rheinländischen Karneval hier zu zelebrieren. Dazu braucht es eine Integrationspolitik, eine Willkommenskultur." Heiteres Lachen unter den Jecken.

Große Vereinstradition

Dass der Karneval ein Import in die Hauptstadt ist, entspricht nur der halben Wahrheit. Davon weiß Harald Grunert zu berichten. Der Mitgründer des Lokals Ständige Vertretung, kurz StäV, zog mit seinem Geschäftspartner Friedel Drautzburg und deren eigener Kneipe 1997 aus der einstigen Hauptstadt Bonn nach Berlin. "Im Rahmen des Umzugs vieler Beamter hatten wir 40 Prozent unserer Kunden verloren, deshalb sind wir mitgezogen und haben die Kultur des rheinischen Kneipen-Karnevals mitgebracht", sagt Grunert, der zur Jahrtausendwende der erste Prinz der Hauptstadt war, Harald I. Zwar sei den Berlinern der Kneipen-Karneval samt typischem Liedgut und Kölsch zunächst unbekannt gewesen, doch habe es bereits eine ausgeprägte Vereinskarnevalskultur gegeben. Hunderte Beamte, die es mit dem Arbeitsplatz nach Berlin zog, brachten dann wie Grunert den Brauch der rheinländischen Narretei mit. Insofern ist die Karnevals-Geschichte in Berlin auch eine der Zuwanderung.

"In diesem Jahr haben wir in der Kulturbrauerei gefeiert, weil in die StäV nicht mehr als 250 Leute passen", sagt Grunert. Die offizielle Feier allerdings veranstaltete das Nachbarlokal der StäV am Schiffbauerdamm: die Berliner Republik.