Er war nicht nur ein großes Vorbild für sie, sie waren auch enge Freunde. Bis zuletzt. Vor beinahe 20 Jahren lernte Sandra Maischberger TV-Legende Wolfgang Menge kennen. Natürlich über den Beruf, für ein Interview. Doch entgegen der üblichen Branchenbekanntschaften entwickelte sich daraus eine enge und wichtige Beziehung. Peter Zander hat mit der TV-Moderatorin gesprochen.
Berliner Morgenpost:
Frau Maischberger, wie lernten Sie Wolfgang Menge kennen?
Sandra Maischberger:
Durch ein Interview, das ich 1993 führte. Damals war ich mit einer Interviewreihe bei Spiegel TV. Die Gäste kamen nicht ins Studio wie heute, sondern wir fuhren zu ihnen und waren zusammen unterwegs, mit bewegter Kamera. Mit Wolfgang Menge waren wir vor allem in Blankenese, wo er einen Teil seiner Kindheit verbracht hat.
Viele schwärmen noch heute von ihm, einige bezeichneten ihn allerdings auch als Grantler. Wie haben Sie ihn erlebt?
Ich habe ihn von beiden Seiten erlebt. Eine seiner Lieblingsvokabeln war immer "Arschloch". Das musste man so hinnehmen. So bezeichnete er, wenn er Auto fuhr, alle im Verkehr. Arschlöcher waren aber auch die Verantwortlichen in den Sendern, er konnte da sehr ungehalten sein.
Und wie verhielt er sich Ihnen gegenüber?
Sehr freundlich. In dem Interview habe ich seine andere Seite nur einmal erlebt. Und auch berechtigt. Wir kamen an einem Friseurladen vorbei, und ich hatte die spontane Idee, hineinzugehen und über seine Frisur zu sprechen. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass er seine Haare verloren hatte, die Glatze also keine freiwillige Entscheidung war. Das hat er mir erst viel später erzählt. Ich dachte, ich mache einen wirklich originellen Scherz, er fand das aber, ich zitiere wörtlich, "beschissen", und da habe ich gemerkt, wie er auch sein kann. Minutenlang hat er sich mit harten Kraftausdrücken ausgelassen. Danach war aber auch wieder gut.
Und daraus ergab sich eine Freundschaft?
Und zwar eine so enge, wie es sonst auf niemand anderen zutrifft, den ich als Interviewerin kennengelernt habe. Er war mir in dreierlei Hinsicht immer eine Hilfe. Das erste war: Er ist mein Vorbild als freier Journalist. Er hat sich mit großer Selbstgewissheit aus einem Angestelltenverhältnis verabschiedet, weil er das Gefühl hatte, das ist nichts für ihn. Obwohl er kein anderes Angebot hatte. Zu sehen, dass das geht, auch dass man noch im hohen Alter so kreativ sein kann, das hat mir immer Mut gemacht. Das Zweite war: Es war immer inspirierend, wie er auf Sprache und journalistisches Handwerk geachtet hat. Er war immer so genau und hat anderen nie Einfallslosigkeit durchgehen lassen. Oder Ungenauigkeit. Wenn wir mal Nachrichten gesehen haben, konnte er sich so aufregen, dass ich dachte: Kinders, seid froh, dass ihr das jetzt nicht hört. Er hatte da ein ganz hohes Ideal.
Und das Dritte?
Es gab eine Zeit, wo ich beruflich nicht mehr weiterwusste, nach zwei Flops 1996 und 1997 lag meine Fernsehbeschäftigung praktisch brach. Die Angebote, die ich bekam, konnte man einfach nicht annehmen. In dieser Zeit war Wolfgang Menge wirklich der einzige meiner einflussreichen Kollegen, der sich bemüht hat, mir zu helfen. Er hat mir Freunde vorgestellt, hat mit mir viel diskutiert, auch Dinge mit entwickelt. Er stand mir zur Seite. Das werde ich ihm nie vergessen.
Da ja auch er jahrelang getalkt hat - haben Sie ihn um Rat gefragt?
Ich musste ihn nicht um Rat fragen. Er hat ihn mir geradezu aufgedrängt. Er hat aufmerksam verfolgt, was ich gemacht habe, und hatte ja den genauen Blick auf dieses Gewerbe. Ich habe auch viele seine legendären Sendungen studiert, habe sie auch, als ich Interviewtechnik unterrichtet habe, gern angeführt. Weil er eben Dinge konnte, die andere so nicht hinbekamen.
Man kennt die öffentliche Figur. Aber wie war Wolfgang Menge privat?
Er war ein ganz ausgezeichneter Koch. Er hat es immer verstanden, Dinge auf den Tisch zu zaubern, als habe er den ganzen Tag am Herd gestanden, die in Wirklichkeit aber gar nicht so viel Arbeit gemacht hatten. Er war ein hervorragender Gastgeber. Ein Mann, mit dem man sich nie langweilte. Er hat seine Sparsamkeit zelebriert, immer die Sonderangebote der Supermärkte studiert. Das war ein Wesenszug von ihm, obwohl er es ja nicht nötig hatte. Und: Er war immer auf dem neuesten Stand der Technik, bei Computern und elektronischen Geräten. Noch im Alter!

