Johanna ist 17 Jahre alt und es geht ihr gut. Sie lebt mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester in Steglitz und macht gerade ihr Abitur. Danach will sie Chemie studieren und auf eigenen Füßen stehen. Ein ganz normaler Bildungsweg in Deutschland. "Mädchen haben bei uns viele Möglichkeiten, etwas aus sich zu machen", sagt Johanna. Eunice ist ebenfalls 17 und lebt mit ihren Eltern und fünf Geschwistern in einer Provinzstadt in Ghana. Sie ist im letzten High School-Jahr, will Wirtschaftsprüferin werden und am liebsten in einer Bank arbeiten. Dass sie so weit gekommen ist, ist in Westafrika nicht selbstverständlich.
Nach ihrer älteren Schwester, die Journalistin werden will, ist Eunice die zweite in ihrer Familie, die studieren kann. Ihr Vater ist Bauer, ihre Mutter Händlerin. "Mädchen haben bei uns viel schlechtere Chancen auf eine gute Ausbildung als Jungen", sagt Eunice. Die Kluft sei tief. "Mädchen werden diskriminiert, sie müssen früh arbeiten, viel zu jung heiraten oder werden schon als Teenager schwanger. Sie haben weder die gleichen Rechte noch die gleichen Chancen wie Jungen." Einen Schulabschluss oder eine gute Ausbildung gebe es nur für eine Minderheit.
Johanna und Eunice sind sich nie begegnet. Das kann sich heute ändern. Die Vereinten Nationen haben den 11. Oktober zum Internationalen Mädchentag ausgerufen, der in diesem Jahr erstmals weltweit gefeiert wird. In Berlin wird er im Sony Center unter Federführung von Plan Deutschland ausgerichtet, auf dessen Initiative der Welt-Mädchentag zurückgeht.
Lichtzeichen rund um den Globus
Das unabhängige Kinderhilfswerk Plan setzt sich seit Jahren für die Stärkung von Mädchen in Afrika, Asien und Lateinamerika ein. Zum Welt-Mädchentag startet es die globale Kampagne "Because I am a Girl". Zusammen mit 68 Partnerländern will Plan in den kommenden drei Jahren die Lebensbedingungen von vier Millionen benachteiligten Mädchen vor allem mit Bildungsprojekten verbessern. Um dafür ein sichtbares Zeichen zu setzen, wird von Sonnenuntergang bis Mitternacht das Sony Center in kräftigem Pink erstrahlen, genauso wie das Empire State Building in New York, der CN-Tower in Toronto und andere Wahrzeichen.
Johanna wird am Nachmittag eine Diskussion mit Politikern, Jugendlichen und Plan-Paten im Auswärtigen Amt moderieren. Im Sommer hatte sie an einem Workshop der Service-Stelle für Jugendbeteiligung teilgenommen, die die Kampagne "Because I am a Girl" von Plan Deutschland unterstützt. Das Thema interessiere sie international und national, sagt Johanna, denn "auch wenn das in anderen Ländern viel krasser ist, merkt man auch bei uns noch Unterschiede in der Behandlung von Mädchen und Jungen." Dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer und in Führungspositionen kaum zu finden sind, findet sie zum Beispiel nicht in Ordnung. Dennoch müssten die Mädchen in Deutschland auch erkennen, was hier schon erreicht wurde. "Wichtig ist bei uns vor allem, dass Mädchen wissen, dass es keinen Unterschied in den Fähigkeiten von Jungen und Mädchen gibt und dass ihnen etwas zugetraut wird." Es sei es aber auch nötig, über die Grenzen zu schauen und sich für die Verbesserung der Lage der Mädchen in anderen Ländern einzusetzen, die nicht so gute Chancen haben.
Eunice wurde zusammen mit fünf anderen Mädchen aus Ghana und Ägypten von Plan Deutschland zur ersten Mädchentag-Feier eingeladen. Sie hat an dem Projekt "Girls-Making-Media" teilgenommen, das Plan seit zwei Jahren zur Stärkung von Mädchen in Westafrika durchführt. Dabei hat sie sich journalistisch mit der Diskriminierung von Mädchen in ihrer Heimat auseinandergesetzt. Zum Beispiel mit unzureichender Schulbildung, Missbrauch, Kinderhandel und Teenager-Schwangerschaften. Diese Erfahrungen haben ihr Bewusstsein für Gender-Themen geschärft. 75 Millionen Mädchen weltweit gehen laut Plan nicht zur Schule, ein Drittel aller Mädchen ist von der Sekundarbildung ausgeschlossen. Das sei ungerecht und eine Verschwendung von Potenzial. Frauen leisten laut Weltbank 66 Prozent der Arbeit auf der Welt, verdienen aber nur zehn Prozent des Welt-Einkommens.
Bildung ist das Wichtigste
Eunice und Johanna halten den Welt-Mädchentag für wichtig, um auf die millionenfache Verletzung von Kinder- und Menschenrechten der Mädchen weltweit aufmerksam zu machen. Und wer sie fragt, was Mädchen stark macht, erhält von beiden spontan die gleiche Antwort: "Bildung!" Das sagen auch Ada und Philine aus Zehlendorf, die darüber hinaus noch eine "gute Familiengemeinschaft" wichtig finden. Die beiden Neunjährigen sind Unicef-JuniorBotschafterinnen und haben am Mittwoch gemeinsam mit 18 weiteren Berliner Kindern sowie den Unicef-Botschafterinnen Sabine Christiansen und Eva Padberg vor dem Brandenburger Tor für die Mädchenrechte getrommelt. Denn beim Welt-Mädchentag darf das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen als einer der maßgeblichen Player nicht fehlen. Unicef startete eine Kampagne gegen Kinderheiraten. Weltweit würden 23 Millionen Mädchen noch vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet, was gravierende Folgen für ihre Gesundheit und ihr gesamtes künftiges Leben hätte, so Sabine Christiansen. In der Regel müssten diese Mädchen ihre Schule abbrechen, hart arbeiten und ein Leben in Abhängigkeit und Unterdrückung führen.
"Uns geht es sehr gut in Deutschland", sagen Philine und Ada und wollten etwas abgeben. Die Freundinnen haben ein gemeinsames Hauskonzert organisiert, Einladungen geschrieben und für ein größeres Publikum Klavier gespielt. 150 Euro kamen in ihrer Spendenbox zusammen, die sie Unicef schickten. Die beiden Grundschülerinnen wollen sich weiter für Unicef engagieren, und helfen, dass es Mädchen weltweit besser geht. Sie selbst fühlen sich nicht benachteiligt und sind eigentlich froh, dass sie Mädchen sind, "weil Jungen ja doch manchmal nerven".

