Eigentlich wollte die Kirchengemeinde Zehlendorf die neue Johanneskirche für den Pfarrbezirk Schlachtensee am Dubrowplatz errichten. Doch da hatte sie nicht mit dem aktiven Ortsverein gerechnet. In dem 1896 gegründeten Verein engagierten sich die Bewohner der damaligen Kolonie Schlachtensee für ihren - wie wir heute sagen würden - Kiez. Sie wollten ihre Siedlung gegen "schädliche Einflüsse aller Art schützen und untereinander einig sein, sowie gute Nachbarschaft und Freundschaft halten", heißt es im Bericht des Vorstandes. Einig waren sich die anfangs 82 Vereinsmitglieder sofort, dass die Kirche nicht am Dubrowplatz gebaut werden dürfte. Der Grund: Lärmbelästigung. Die Bewohner befürchteten, durch das Geläut der Kirchenglocken in ihrer "Heimstätte wahren Familienglücks" aus der Ruhe gerissen zu werden.
Dass sich der dringend benötigte Kirchenbau und die Bedürfnisse der Bewohner nicht ausschließen mussten, ist dem Kommerzienrat Otto Weber (1855-1918) zu verdanken. Der Kaufmann hatte es mit Kaffeeimporten zu Millionen gebracht und der Gemeinde ein größeres Grundstück für die Kirche an der Matterhornstraße 37-39 zur Verfügung gestellt. Dort, etwas weiter entfernt von der dicht bebauten Villensiedlung, läuten die Glocken seit 100 Jahren. Das Jubiläum an diesem Wochenende bietet nicht nur einen Anlass, die Kirchengeschichte aufzuarbeiten, sondern auch die Geschichte der Häuser und ihrer Bewohner.
Genau das ist geschehen. Nach den ersten beiden Büchern über Nikolassee und Schlachtensee-West haben Henning Schröder und Wolfgang Ellerbrock gemeinsam mit Hans H. Lembke nun den dritten und letzten Teil über die von der Heimstätten AG gegründeten Villenkolonien im Südwesten herausgegeben. Dieser Teil sollte ursprünglich Schlachtensee-Ost heißen. Um aber den Radius zu erweitern und auch Teile der von der Zehlendorfer-West Terrain AG bebauten Grundstücke mit aufzunehmen, wurden die 300 Seiten schlicht mit "Schlachtensee" überschrieben.
Prominente Einwohner
Zwei Jahre haben die drei Herren alte Adressbücher von 1895 bis 1943 durchstöbert. Der Vorteil der antiquarischen Bücher ist, dass damals noch die Bewohner mit Berufsbezeichnung aufgeführt worden sind. Herausgekommen ist ein "Stadtteilführer", wie die Autoren ihr Buch nennen, mit 530 Abbildungen von Häusern und etwa 400 Biografien von Menschen, die in diesen Häusern wohnten. So ist zum Beispiel nachzulesen, dass der Schauspieler und Regisseur Theo Lingen von 1938 bis 1943 an der Matterhornstraße 2 lebte. Auch Erdmann Graeser, Journalist, Schriftsteller und Mitbegründer der Berliner Morgenpost, bewohnte von 1919 bis zu seinen Tod im Jahr 1937 ein Haus an der Ahrenshooper Zeile 34. In dem Buch ist aber auch mehr über das erste "Vegetarische Familienheim" am Schlachtensee an der Seestraße 35-37 zu erfahren, das die Brüder Heinrich und Julius Hart gegründet hatten und in dem um 1900 eine "neue Gemeinschaft" gepflegt wurde. Sie funktionierte nur einige Jahre, ab 1906 nannte sich das Haus mit 30 Zimmern Kurhaus Schlachtensee.
Bei einem Rundgang durch den Kiez haben die Autoren nicht nur eine Menge über die Häuser zu berichten, sondern auch aus ihrem eigenen Leben im Viertel. Wolfgang Ellerbrock ist in Schlachtensee geboren und in der Ahrenshooper Zeile aufgewachsen, Henning Schröders Eltern zogen nach Nikolassee, als er ein halbes Jahr alt war. Sie erzählen von den Spielen in ihrer Kindheit auf den ruhigen Pflasterstraßen und auf dem Platz neben der Kirche. Es wurde gemurmelt oder Federball gespielt. Gerade die vorher so ungeliebten Kirchenglocken gaben Wolfgang Ellerbrock dann das Zeichen zum Aufbruch: Mit dem 18-Uhr-Geläut hatte er zu Hause zu sein.
Es habe schon Konkurrenzdenken zwischen den jungen Leuten aus Nikolassee und Schlachtensee gegeben, erzählen die beiden Autoren. Nikolassee - das waren die "besseren, großen Villen". In Schlachtensee hingegen lebte der Mittelstand, wie Lehrer und Handwerker. Tatsächlich hatte die Heimstätten AG bei der Vermittlung der Grundstücke in Schlachtensee-Ost zwischen Breisgauer Straße und Dubrowstraße die "kleinen Leute" im Blick, bevor sie mit der Erschließung von Schlachtensee-West und Nikolassee die zahlungskräftige Bevölkerung ansprechen wollte.
Südwesten rückt näher
Der Aufschwung im Südwesten kam mit dem Bau der Wannseebahn und der Eröffnung des Bahnhofs Schlachtensee im Jahr 1874. Für die Berliner wurde der Südwesten mit seinen Seen und Wäldern auf einmal schnell erreichbar, und sie entdeckten die Gegend zunächst als Ziel für Sonntagsausflüge. Am Bahnhof entstand 1888 ein Wohn- und Gewerbegebiet, im Herbst 1894 begann die Heimstätten AG, das aufgekaufte Bauernland zu parzellieren und zu bebauen. Mit dem Grundstück konnten die neuen Besitzer einen von drei Haustypen erwerben, schlüsselfertig und mit Einrichtung. Das kleinste begann bei 11.000 Mark, das größte und herrschaftlichste kostete 24.000 Mark.
Rainer Schulze-Bühler lebt heute noch in einem Originalhaus vom Typ III an der Eitel-Fritz-Straße. 1896 wurde es gebaut, sein Großvater hatte es einst gekauft. Weil es so groß ist, vermietet er einen Teil des Gebäudes als Ferienwohnung. Seine Gäste aus aller Welt, so berichtet er, lieben die frische Luft, wenn sie aus der S-Bahn steigen und loben die praktische Anbindung ans Berliner Zentrum und nach Potsdam.
Am Eitel-Fritz-Platz können sich noch alle Autoren an die "gute alte Zeit" erinnern. Der Platz war einst das Kiezzentrum der Kolonie Schlachtensee. Dort machte man seine Einkäufe beim Bäcker und beim Fleischer, ging zum Schneider oder ins Restaurant. Heute ist das gesellige Leben auf dem Platz nur noch zu erahnen. Immerhin: Die alten Ahornbäume und das Kopfsteinpflaster sind noch aus der Zeit um 1900.
Henning Schröder und Wolfgang Ellerbrock stellen das Buch "Schlachtensee" (304 Seiten, 22 Euro) erstmals auf dem Gemeindefest zum 100-jährigen Bestehen der Johanneskirche am Sonntag, 23. September, ab 12.30 Uhr vor.

