Die Versöhnungsgemeinde in Wedding ist mit 1200 Gläubigen eine der kleinsten im westlichen Berlin. Ihr Pastor aber einer der bekanntesten in der ganzen Stadt. Wenn Manfred Fischer heute in der Versöhnungskapelle auf dem ehemaligen Todesstreifen inmitten der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße zur Gedenkandacht lädt, dann tut er dies natürlich vornehmlich als Seelsorger. Bekannt gemacht hat ihn eine andere Mission. Sein Name verbindet sich untrennbar mit der Gedenkstätte Berliner Mauer. Ohne ihn wären auch an der Bernauer Straße alle Spuren von Mauer, Vertreibung, Flucht und Todesschüssen getilgt worden. Seinem Kampf gegen die Abrisseuphorie verdankt Berlin die zentrale Mahn-Landschaft im ehemaligen Todesstreifen.

Der heutige 13. August ist der letzte für Manfred Fischer, an dem er als Pastor des Leids der Menschen seiner Gemeinde und zugleich aller Berliner durch die unmenschliche Teilung der Stadt gedenkt. Im Februar nächsten Jahres erreicht er die von der evangelischen Kirchenordnung dekretierte Altersgrenze von 65 Jahren. Die ovale Kapelle aus Lehm und Holz wird heute nicht ganz so prominent besetzt sein wie im vergangenen Jahr. Da versammelte sich anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus die gesamte Staatsspitze vom Präsidenten über die Kanzlerin bis zum Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts in Fischers spartanischem Gotteshaus. Heute um 10.30 Uhr wird traditionell der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und als besonderer Gast der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, dem Gedenken beiwohnen.

Aufgewachsen in Frankfurt am Main

Der Pastor von nicht besonders großer, aber schlanker Gestalt, mit leicht ergrauten kurz geschnittenen Haaren, der randlosen Brille und den strahlenden blauen Augen ist durch eine glückliche Fügung zum Diener Gottes geworden. Wäre es nach seinen Eltern, Handwerker im hessischen Frankfurt, gegangen, hätte er "etwas Ordentliches gelernt". Auf den Weg der Theologie hat ihn sein "Konfirmator" gebracht. Es ist zunächst ein furchtbarer, wie er sich schmunzelnd erinnert. Denn nach dem Abitur an einem naturwissenschaftlichen Gymnasium muss der junge Mann zunächst zwei Jahre Griechisch und Latein pauken, um Theologie zu studieren. Wie die meisten seiner Zeitgenossen denkt er politisch links, hört an der Frankfurter Universität Vorlesungen des Philosophen und Neomarxisten Theodor Adorno, "von dem ich nix verstanden habe, aber fasziniert war".

Studiert hat er dann in Berlin, an der Kirchlichen Hochschule in Zehlendorf. Zeit, ein aufmüpfiger 68er zu werden, hat er auch hier nicht. Das Studium muss er sich weitgehend selbst finanzieren; als Lagerarbeiter bei der Kraftwerksunion, damals eine Tochter der AEG, beide längst ruiniert. Seine Eltern, sagt er, haben ihm, der als Erster in der Familie studiert, nichts in den Weg gelegt, konnten ihm aber finanziell auch nichts mit auf den Weg geben.

Er ist 27 Jahre jung, als er 1975 seine erste Pfarrstelle übernimmt. Sie bleibt die einzige, weil sie zu einer einzigen Herausforderung wird. Es beginnt damit, dass am Rande der Stadt, an der Bernauer Straße im Wedding, die doch eigentlich in Berlins Mitte liegt, nun aber direkt an der Mauer, kein Pastor gern arbeiten will. Und eine richtige Kirche hat die Gemeinde, die seit dem 13. August 1961 in einen kleineren östlichen und einen größeren westlichen Teil zerrissen ist, auch nicht. Das 1894 erbaute Gotteshaus steht mitten im Todesstreifen. Als es zur Verbesserung des Schussfeldes 1985 von den DDR-Grenztruppen gesprengt wird, geht das Bild von der einstürzenden Kirche rund um den Globus. Wirklich überrascht habe ihn das nicht, sagt Fischer. Wer sich überall freies Schussfeld auf flüchtende Menschen schaffe, der schrecke auch nicht vor dem Abräumen einer Kirche zurück. Wer so lange an und mit der Mauer gelebt hat, der lebt notgedrungen mit ihr. Der macht sich keine Illusionen. Dass es doch Wunder gibt, wenn es um das Schicksal eines Volkes geht, daran mag selbst der Gottesmann Fischer nicht recht glauben.

Es macht Manfred Fischer so sympathisch, höchst unterhaltsam ist er ohnehin, wenn Gedanken, Wünsche und Erlebtes aus ihm sprudeln wie aus einer nicht versiegenden Quelle, wie freimütig er die großen Irrungen seines Lebens einräumt. Nein, an den Fall der Mauer habe er nicht geglaubt, selbst in der Nacht des 9. November 1989 noch nicht. Er wähnte sich als Experte, habe lange genug an der Mauer gelebt, gute Informationen von drüben gehabt und die Todesmaschinerie der DDR aus nächster Nähe beobachten müssen, um es für unmöglich zu halten, dass SED, Stasi und NVA kampflos das Feld räumen, dass man mit Kerzen Panzer besiegen könne. Deshalb sei er nicht euphorisiert gewesen und habe in der Nacht der Nächte furchtbar schlecht geschlafen - aus Angst und Sorge vor einem brutalen Gegenschlag, weil die doch nicht so naiv sein konnten. Auch den Worten Gorbatschows habe er misstraut. "So kann man sich täuschen" sagt er lächelnd. "Es ist und bleibt ein Wunder. Fall der Mauer und Sturz der Diktatur haben gezeigt, wer wirklich Herr der Geschichte ist."

Doch davor steht noch Fischers zweiter großer Irrtum. "Ich wusste ja, weil ich Ahnung hatte von der Vorbereitung von Großveranstaltungen in Berlin, welch zeitlicher Vorlauf für große, erst recht für historische Ereignisse nötig ist. Deshalb war ich dafür, alles ganz langsam und gründlichst zu organisieren, damit die Wiedervereinigung unumkehrbar wird - das war wieder ein riesiger Irrtum." Ein dritter sei nur kurz erwähnt, weil es ein privater ist. Der Pastor ist geschieden, in zweiter Ehe mit einer Kirchenmusikerin verheiratet, gemeinsam haben sie zwei Kinder im Alter von zehn und 13 Jahren.

Als die Berliner gar nicht schnell genug alle Spuren der Mauer vernichten können, weckt das erst Bedenken, dann Kampfesmut in Manfred Fischer. Als Angestellter in Gottes Diensten fühlt sich Manfred Fischer immer auch als Demokrat und loyaler Bürger dieses Staates. Als solcher spürt er die Verpflichtung, die Erinnerung an die Mauer und damit an das Unrechtssystem wachzuhalten. Zum Gedenken an die, die dessen Opfer wurden.

Zweite Lebensaufgabe

Die zweite Lebensaufgabe ist gefunden. Mit zunächst nur ein paar Gleichgesinnten kämpft er mal mit Beharrlichkeit, mal mit viel Wut im Bauch, dann und wann sicherlich auch mit seinem Charme, von dem er noch immer viel zu versprühen weiß, für einen Ort der Erinnerung nun wieder wirklich in der Mitte der Stadt, in der Bernauer Straße. Der Straße, die nicht nur seine Gemeinde geteilt hat, in der auch die meisten Fluchtversuche gewagt wurden, in der es die meisten Todesopfer gab und unter der die meisten Fluchttunnel gegraben wurden. "Der Verlust von Geschichtswissen ist verheerend für eine Demokratie. Zum Begreifen von Geschichte braucht der Mensch was zu greifen. Die Mauer ist ein solches Dokument zum Greifen und Begreifen." Und er, der den Verein Berliner Mauer mitgründet und dessen Vorsitz er übernimmt, vollendet, was illusionär beginnt. Seiner Beharrlichkeit ist letztlich die Gedenkstätte Berliner Mauer zu verdanken. Das zunächst skeptische Berlin dankt es ihm. 2007 wird Fischer mit dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet.

Viel Überzeugungskraft seinerseits hat es auch bedurft, seine kleine und finanziell klamme Gemeinde davon zu überzeugen, an der Stelle der gesprengten Versöhnungskirche einen Neubau zu setzen. "Wo Gott gezeigt hat, wer der wirkliche Herr ist, müssen wir doch wieder eine Kirche bauen. Für Andacht und Dankgebet." Der Pastor wird erhört, die Kapelle 1999 gebaut, 2000 geweiht. Alles sehr spartanisch, weil es keine finanzielle Unterstützung von oben gab. Aber der Standort und dessen Geschichte haben die Kirche in Kleinformat längst zu einer der meistbesuchten in der Stadt gemacht.

Natürlich drängt sich die Frage auf, ob Manfred Fischer der Spagat zwischen Pastor und Seelsorger einerseits, Kämpfer für die Gedenkstätte und damit Person von öffentlichem Interesse andererseits, gelungen ist. Die Alltagsarbeit eines Pastors sei weniger prickelnd und folglich auch für die Berichterstattung weniger interessant als ein gesellschaftliches Engagement, das deutlicher wahrgenommen werde. "Ich sehe darin keinen Widerspruch, auch nichts Getrenntes. Dieser Ort und diese Kirche leben nicht von einer Person allein. Beide leben von der sie tragenden Gemeinde. Die Gedenkstätte würde an Wirkung verlieren, wenn sie ihr spirituelles Element nicht hätte. Und umgekehrt würde die Gemeinde verlieren, wenn nicht da wäre, was rund um die Kapelle entstanden ist."

Am 9. November wird Manfred Fischer wohl seinen letzten großen Auftritt haben. In ein tiefes Loch wird er nach seiner Pensionierung nicht fallen. Er wird der Gedenkstätte ebenso aktiv verbunden bleiben wie dem Verein Schrippenkirche in der Ackerstraße mit ihrem Hotel "Grenzfall". Ein "Integrationshotel" für ein grenzenloses Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Seinem Nachfolger hinterlässt Manfred Fischer die sprichwörtlich großen Schuhe. Aber auch etwas, was man nicht ganz korrekt als Geschenk bezeichnen darf. Eigentlich hat die Gemeinde ihrer Größe wegen nur noch Anspruch auf eine halbe Pfarrstelle. Ihrer öffentlichen Bedeutung wegen wird die Versöhnungsgemeinde auch künftig einen Pastor ganz allein für sich behalten.