Mein Projekt für Berlin

Die Rückkehr der Künstler

Der Wind treibt sein Spiel mit den Fensterläden. Mit einer kräftigen Böe wirft er sie krachend an die Hauswand, dann schließt er sie wieder vor dem Fenster. Im Gutshaus Neukladow wird es abwechselnd hell und dunkel. Kurz erscheint das Blau der Havel, um gleich wieder zu verschwinden. Die Szene könnte aus einem Drehbuch stammen.

Im schummrigen Halbdunkel werden Schwarz-Weiß-Bilder aus alten Zeiten wach: wie Johannes Guthmann und sein Freund um 1910 wilde Partys in der Villa feiern, Max Slevogt die Innenwände der Loggia ausmalt und Max Liebermann mit seinem Hund auf dem Boot vom Wannsee herüberrudert. Wieder hell, bricht die Gegenwart herein, in Farbe und doch nicht bunt. Die Sonnenstrahlen werfen ein ungnädiges Licht auf schäbige Dielen, staubige Lampen, morsche Türen.

Frank Auffermann unterbricht das Windspiel. Er öffnet das Fenster und fixiert die Holzläden an der Hauswand. Beim Umdrehen gleitet sein Blick prüfend durch den Raum, in dem es wie auf einem Dachboden aussieht. In einer Ecke wurden Schrankteile und zwei Stühle aus der Gründerzeit abgestellt. "Von einem Spender", erklärt der Kladower. Sobald die Villa saniert sei, sollen sie ihren richtigen Platz bekommen.

Dass sie saniert wird, dafür ist Auffermann neben der Arbeit in seiner Rechtsanwaltskanzlei ständig unterwegs. Der Jurist hat die Kulturpark Berlin GmbH gegründet, mit der er seit vier Jahren Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen im Park und in der Villa am Ende der Neukladower Allee organisiert. Die Einnahmen fließen komplett in die Betriebskosten und in die neu gegründete "Bürgerstiftung Gutspark Neukladow", die im Januar 2012 ihre Arbeit aufgenommen hat. Auffermann ist Mitglied im Stiftungskuratorium und hat einen Großteil des Gründungskapitals aus seinen privaten Mitteln gespendet. 50 bis 60 Stunden, so schätzt der Vater von zwei Söhnen, ist er jeden Monat für das Kladower Gut im Einsatz. Getrieben von der Liebe zum Theater und zur Kleinkunst. Seine Familie sei schon immer ein Förderer der Kunst gewesen, sagt der 51-Jährige.

Drei Millionen Euro sind allein für die Sanierung der Villa veranschlagt. Eine Summe, die der Bezirk Spandau als Eigentümer des Guts Neukladow nicht aufbringen kann. Aus diesem Grund wurde die Bürgerstiftung gegründet, die nach vier Jahren jetzt endlich vom Senat anerkannt wurde. Die Stiftung hat die 190.000 Quadratmeter große Parkanlage mit der Villa für einen symbolischen Euro gepachtet. Ziel ist es, die Villa als begehbares Museum im historischen Stil zu rekonstruieren und mit kulturellem Leben zu erfüllen. Dafür will sich die Stiftung um Spenden und Fördermittel kümmern. Willkommen ist auch jede tatkräftige Hilfe. Mit gutem Beispiel voran geht die Spandauer Knobelsdorff-Schule. Schüler des Oberstufenzentrums für Bautechnik haben die Rundbank von Max Slevogt nachgebaut. Sie soll am 27. April unter der alten Linde aufgestellt werden. Mehrere Spender aus Kladow hatten diese Aktion ermöglicht.

Anwesen vor 200 Jahren gebaut

Vor mehr als 200 Jahren begann die Geschichte des Anwesens mit traumhaftem Havelblick. Das um 1800 errichtete Herrenhaus ging 1887 in den Besitz des Industriellen Robert Guthmann über. Knapp 20 Jahre später überließ er es seinem Sohn Johannes, der das Anwesen mit allem Luxus von dem Architekten Alfred Grenander ausstatten ließ. Im Erdgeschoss ist noch heute der Theatersaal erhalten, mit Säulen und prächtigen roten Samtvorhängen. Es brach eine Dekade an, in der sich Künstler und Bohemiens in der Villa trafen und sich im kreativen Schaffen und in Ausschweifungen verloren. Bis 1921 Guthmanns Schwester Mary das Gut übernahm und sieben Jahre später an das Land Berlin verkaufte.

Nach dem Krieg nutzte die Arbeiterwohlfahrt (Awo) das Gelände bis 1993 als Erholungsheim für Mütter. Nach dem Auszug der Awo waren sich die Kladower einig: Das Gutshaus und der Park sollen nicht in Privathand kommen. "Das hätte bedeutet, dass Park und Villa für Ausflügler verloren gewesen wären", sagt Jürgen Lüdtke. Das wollte der gebürtige Spandauer und ehemalige Weddinger Stadtrat verhindern. Auch zwei Millionen Euro Verkaufserlös hätten den dauerhaften Verlust nicht gerechtfertigt, sagt Lüdtke.

Er ist im Vorstand der Stiftung - der Erhalt der Villa für die Öffentlichkeit liegt ihm wirklich am Herzen. Zum Beweis zieht er ein bunt bedrucktes Stück Papier aus der Tasche. Es zeigt seine Königsscheibe, die er als Schützenkönig im Jahr 2010 für die Spandauer Schützengilde anfertigen ließ. Auf der Scheibe ist das sanierte Gutshaus abgebildet.

Auch Frank Auffermann hat einen ganz persönlichen Bezug zu dem Anwesen. Als er 1996 aus dem Rheinland nach Berlin-Kladow zog und die Villa oben auf dem Plateau entdeckte, war sein erster Gedanke: "Es kann nicht sein, dass das Anwesen verkommt." 2007 übernahm er es, das Gut kulturell zu bespielen. Besonders stolz ist er auf ein Konzert der Bonner Philharmoniker. 800 Leute kamen zu dem Konzert am Wochenende. Mittlerweile hat Auffermann, der nach Kladow gezogen ist, "weil wir vom Dorf kamen und wieder eine dörfliche Umgebung suchten", etwa 50 Konzerte und zahlreiche Ausstellungen organisiert.

Das größte Ereignis in diesem Jahr ist die Oper "Nabucco", die am 2. September aufgeführt wird. Gäste und Besucher können aber bereits ab April jedes Wochenende in das Café der Villa einkehren: Nach dem Umbau im März hat es dann immer von Freitag bis Sonntag geöffnet. Der Jurist hat aber noch mehr Pläne mit dem Areal. Neben der Sanierung der Villa will er auch das Verwalterhaus wiederherstellen und dort ein Restaurant einrichten. Im benachbarten, völlig verwahrlosten Casino-Café der Awo soll eine Ausstellungshalle mit einer 30 Meter langen Glasfront entstehen. Ein erstes Kunstprojekt ist schon vor der Sanierung im Gespräch.

Die weiß gekachelten Küchenräume des Casinos könnten schon bald Teil des internationalen Kunstprojektes "Wearth" sein. Von Los Angeles bis Wladiwostok wird es eine Kette von verschiedenen Kunstwerken geben, die in Bezug miteinander stehen. Das Gut Neukladow würde dann erstmals ein international beachteter Standort auf der weltumspannenden Kunstmeile werden.