Ihr Ehemann Lothar hatte sie hierherbestellt, und sie wusste nicht, was auf sie zukam - nur, dass sie an diesem 18. Dezember 1961 die DDR für immer verlassen und zu ihrem West-Berliner Mann kommen soll.
Weisungsgemäß findet sie sich morgens auf dem Städtischen Friedhof des Ost-Berliner Bezirks Pankow ein, vor einem bestimmten Grabstein. Waltraud Niebank hat ein Blumengesteck bei sich und wartet. Plötzlich öffnet sich das Gras zwischen Grabstein und Friedhofsmauer, die hier den Beginn der Grenzsperren der DDR bildet. Aus dem Dunkel ruft eine männliche Stimme: "Spring!" Waltraud Niebank springt ohne Zögern in das dunkle Loch und kriecht über den sandigen Boden des befestigten Stollens.
Im Westen wartete ihr Mann
"Ich hatte Todesangst, der Tunnel kam mir endlos vor", erinnerte sie sich Jahrzehnte später. Doch in Wirklichkeit waren es nur knapp 20 Meter Weg, bis sie auf West-Berliner Seite an den Ausgang des Stollens kam; hier nahm sie ihr Mann in Empfang. Waltraud Niebank gehörte zu den bis zu Hundert Ost-Berlinern, die wenige Monate nach dem 13. August 1961 durch den ersten sicher belegten Fluchtstollen in die Freiheit gelangten.
Als "Pankower Friedhofstunnel" wurde dieser Fluchtweg wenige Monate später bekannt. Ob es drei weitere, angeblich frühere Tunnel tatsächlich gegeben hat, ist fraglich. Denn weder gibt es über sie Aufzeichnungen der DDR-Grenztruppen oder des Ministeriums für Staatssicherheit, noch liegen belastbare Augenzeugen-Berichte von erfolgreich geflüchteten DDR-Bürgern vor. Doch der Stollen vom Grab der Maria Liedtke ist einwandfrei dokumentiert.
Denn nur drei Tage nach der Flucht von Waltraud Niebank entdeckten DDR-Grenzpolizisten den Eingang zum Fluchttunnel. Angeblich war ein Posten bei seinem nächtlichen Patrouillengang entlang der Friedhofsmauer plötzlich in ein 1,60 Meter tiefes Loch gestürzt, das mit getrocknetem Efeu bedeckt war.
Sofort legten sich Stasi-Leute und Grenzsoldaten auf die Lauer. Am 29. Dezember 1961 erreichten sie ihr Ziel. Zwei junge Frauen, die von der sicheren Fluchtmöglichkeit gehört hatten, wurden ertappt, als sie den Tunnel benutzen wollten. Beide wurden wegen "Passvergehen" zu jeweils zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt - in der Frühzeit der Berliner Mauer eine ungewöhnliche hohe Strafe für einen Fluchtversuch.
In seinem Abschlussbericht vermerkte das MfS: "In dem vorliegenden Ermittlungsverfahren wird der Beweis angetreten, dass das Anlegen von unterirdischen Stollen von West-Berlin aus in das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu einer Methode bei der Organisation des Menschenhandels geworden ist." Strafverschärfend für die beiden Frauen war das Vorgehen der West-Berliner Fluchthelfer: "Dabei gehen sie ohne Rücksicht auf die allgemein gültigen Gesetze der öffentlichen Sicherheit der Bürger vor und missachten, wie das vorliegende Untersuchungsergebnis beweist, selbst die minimalsten Regeln des Anstandes und der Pietät." Offensichtlich fühlten sich Erich Mielkes Mitarbeiter durch den Fluchttunnel auch persönlich getroffen.
Der Friedhofstunnel war der erste von rund 70 Fluchtstollen, die zwischen 1961 und 1982 begonnen wurden. Doch nur durch knapp zwei Dutzend davon gelangen auch tatsächlich Fluchten; insgesamt kamen 250 bis 300 DDR-Bürger auf diese Weise in die Freiheit. Gemessen daran war der Aufwand ungewöhnlich hoch, denn selbst die kürzesten erfolgreich genutzten Fluchttunnel maßen mindestens 20 Meter, der längste, allerdings nicht fertig gestellte Stollen wurde rund 170 Meter weit vorangetrieben.
Nur weil der Friedhofstunnel entdeckt worden war, waren die West-Berliner nicht bereit, ihre Arbeit einfach aufzugeben: Sie gruben im Januar 1962 auf West-Berliner Seite vom entdeckten Stollen aus einen Abzweig von gut zehn Metern Länge zu einem anderen Grabstein auf Ost-Berliner Seite.
Grenzer hörten Klopfzeichen
Allerdings hatten sie diesmal keinen Erfolg, denn die DDR-Grenzer wussten nun, worauf sie zu achten hatten. Laut Stasi-Akten stellten Patrouillen mehrfach unter der zum Todesstreifen gewordenen Bahnhofstraße "unterirdische Klopfzeichen" und scharrende Geräusche fest, "die auf eine vermutliche unterirdische Arbeit schließen lassen". Deshalb konnte offenbar kein Fluchtwilliger diesen zweiten dokumentierten Tunnel erfolgreich benutzen. Dennoch hatte inzwischen eine beispiellose "Tunnelkonjunktur" eingesetzt, wie Dietmar Arnold sagt, ein Kenner des Berliner Untergrundes. Allein im ersten Halbjahr 1962 wurden 19 verschiedene Fluchtstollen begonnen, von denen immerhin sechs erfolgreich waren. Allerdings verloren dabei auch zwei Fluchthelfer und ein DDR-Posten ihr Leben. Das war der Preis, den das mörderische Grenzregiment der SED verlangte.

