Gedenken

Schweigeminute in ganz Berlin zum 50. Jahrestag

Mit einer Schweigeminute wird Berlin am 13. August an den Mauerbau erinnern. In der ganzen Stadt läuten um 12 Uhr die Kirchenglocken. Die Berliner sollen innehalten, Busse und Bahnen stoppen. Alle Menschen in Deutschland seien aufgerufen, sich an der Schweigeminute zu beteiligen, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Dienstag.

Wowereit wird am Sonnabend neben Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) beim zentralen Festakt in der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße erwartet. In der dortigen Kapelle der Versöhnung werden von Mitternacht bis 6 Uhr die Biografien von Todesopfern verlesen.

Unterdessen hat das Mauermuseum am Checkpoint Charlie neu ermittelte Zahlen zu den Todesopfern des Grenzregimes der sowjetischen Besatzungszone und der DDR vorgelegt. Nach Angaben von Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt soll es an der Berliner Mauer insgesamt 528 Grenztote gegeben haben, davon 73 vor dem 13. August 1961 und 455 in den Jahren danach bis zum Fall der Mauer. Insgesamt seien seit dem Jahr 1945 mindestens 1639 Menschen durch das Grenzregime umgekommen, sagte sie, davon 1015 nach dem 13. August 1961. Diese Zahlen sind weit höher als die, die andere Einrichtungen ermittelt haben. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und die Gedenkstätte Berliner Mauer geben die Zahl der Maueropfer, die 1961 bis 1989 in Berlin ums Leben kamen, mit 136 an.

Hildebrandt erklärte die große Differenz so: In den Angaben des Mauermuseums seien auch Menschen erfasst, die Selbstmord begingen, etwa Grenzsoldaten, die sich mit der Dienstwaffe umbrachten, aber auch Zivilisten. Erst kürzlich habe man herausgefunden, dass sich eine ältere Bewohnerin der Bernauer Straße 1961 das Leben genommen habe, sagte Hildebrandt. "Sie verstand nicht, warum sie Haus und Straße verlassen sollte." Man suche in alten Akten nach Todesfällen aus den Tagen des Mauerbaus, sagte Hildebrandt. "In Unterlagen von Krematorien, Standesämtern und Kirchen." Neu sei die Erkenntnis, dass sich auch fünf "Rückkehrer" aus dem Westen das Leben nahmen, die unter haftähnlichen Bedingungen in einem Heim untergebracht wurden.

Auch der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin beschäftigt sich mit dem DDR-Grenzregime. Die Gesamtzahl der Menschen, die von 1961 bis 1989 durch das Regime umkamen, könne zwischen 900 und 1600 liegen, sagte Klaus Schroeder, der Leiter des Forschungsverbunds. Die Zahl liege noch wesentlich höher, wenn man die Zeit vor dem Mauerbau einbeziehe. "Den Schießbefehl gab es nicht erst 1961", sagte Schroeder. Schon die sowjetische Besatzungsmacht habe den Schießbefehl gegeben, der später an die Grenzpolizei übertragen wurde.

Der erste Tote an der Grenze war dem Historiker zufolge der Jugendliche Herbert Günther. Er wurde am 9. Mai 1946 von sowjetischen Soldaten in der Nähe von Probstzella erschossen. Im Dezember 1946 wurde auf Weisung der sowjetischen Besatzungsmacht die ostdeutsche Grenzpolizei gegründet. Am 6. Oktober 1947, so Schroeder, habe es den "ersten deutschen Schießbefehl" gegeben. Die Grenzpolizisten waren gehalten, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen, wenn "Räuber, Banditen, bekannte Rückfalldiebe und bedeutende Mitglieder der faschistischen Parteien" die innerdeutsche Grenze überqueren wollten. "Es gab jedoch keine Vorschrift, woran man diese Personen erkennt." Der Forschungsverbund SED-Staat plant ein Projekt zum DDR-Grenzregime. Untersucht werden soll, wie es aufgebaut wurde, wie es sich entwickelte und welche Folgen es hatte.