50 Jahre Mauerbau: 5. August 1961 - Geheimnisse

Der BND gibt Akten zum Mauerbau 1961 frei

| Lesedauer: 3 Minuten
Sven Felix Kellerhoff

Rund 5000 Blatt Akten über die Berlin-Krise vor einem halben Jahrhundert und den Mauerbau 1961 hat jetzt der Bundesnachrichtendienst (BND) freigegeben.

Die Unterlagen, darunter Originalmeldungen von Agentenführern über Quellen in der SED, werden nach der Deklassifizierung dem Bundesarchiv übergeben und dort in Zukunft einsehbar sein. Die zehn wichtigsten Dokumente hat der Auslandsdienst der Bundesrepublik bereits vorab zur Verfügung gestellt.

Die Unterlagen zeigen, wie unsicher und kompliziert das Geheimdienstgeschäft schon vor 50 Jahren war. Wie unterscheidet man vertrauenswürdige von unzuverlässigen Informanten? Wann lohnt es sich, wegen einer vertraulich gewonnenen Erkenntnis die politische Spitze zu alarmieren - und wann schadet man mit einem Fehlalarm dem eigenen Ansehen?

Lange herrschte die Ansicht vor, der BND habe im Vorfeld des Mauerbaus versagt und der Regierung in Bonn keine Warnungen zukommen lassen. Egon Bahr, als Pressesprecher und Vertrauter Willy Brandts selbst wesentlicher Zeuge und Beteiligter an den Vorgängen unmittelbar nach der Grenzsperrung, attackierte wiederholt den Geheimdienst wegen dessen Versagen. Dagegen hatte Reinhard Gehlen, Gründer und erster Präsident des BND, immer darauf bestanden, den Mauerbau vorausgesagt zu haben - nur der genaue Termin sei nicht bekannt gewesen.

Eine erste Auswertung der vorab veröffentlichten Dokumente zeigt, dass paradoxerweise sowohl Gehlen wie Bahr Recht haben. Der BND hat tatsächlich vor einer Grenzsperrung gewarnt und mindestens Teile dieser Informationen offenbar nach oben weitergegeben. Allerdings wurden diese Informationen nicht als brisant wahrgenommen. Andererseits gibt es Dokumente, die man als Entwarnung verstehen kann. Übrigens gab eine BND-Quelle sogar einen sehr genauen Zeitraum für die vorgesehene Aktion an - den 12. bis 18. August 1961.

Noch steht eine detaillierte Analyse des Materials aus, doch liegt eine Deutung nahe: Der BND hat 1961 durchaus seine Arbeit gemacht und Informationen gesammelt, darunter hochkarätige Hinweise auf die tatsächlich bevorstehende Grenzsperrung. Doch geglaubt hat diesen Informationen vor dem 13. August 1961 anscheinend niemand, offenbar selbst manche der BND-Mitarbeiter nicht.

Die Berliner Morgenpost titelte übrigens am 11. August 1961: "SED will Fluchtwege versperren. Vor dem Höhepunkt des Terrors?" Hunderttausendfach wurde diese Schlagzeile an jenem Freitag in West-Berlin gelesen. Und trotzdem kam der Vollzug dieser Planung für praktisch alle Deutschen überraschend; das galt auch für die meisten Mitarbeiter des BND. Erst im Rückblick betrachtet deuten die verschiedenen Hinweise das tatsächliche Geschehen unmissverständlich an.

Das illustriert ein Dokument vom 18. August 1961: "Ein sowjetischer Funktionär erklärte, durch die Schließung der Sektorengrenze in Berlin seien die Probleme vereinfacht. Die Sowjetunion sei bereit, die Sektorengrenze wieder zu öffnen, wenn die USA Maßnahmen träfen, um West-Berlin gegenüber dem Osten politisch zu neutralisieren." Dazu zählte laut dieser Quelle, dem Rias und dem SFB ihre scharfe Berichterstattung über die Missstände in der DDR zu untersagen, dem West-Berliner Senat eine neutrale Haltung aufzuerlegen und einen realistischen Wechselkurs festzulegen. Das waren im Wesentlichen altbekannte Forderungen. Dann aber kam die Neuigkeit: "Die Anwesenheit alliierter Truppen in West-Berlin störe nicht." Falls die USA bereit seien, West-Berlin zu neutralisieren, werde "die Sowjetunion die Kontrolle der Verbindungen nach West-Berlin nicht an Ulbricht übertragen."

Ernst genommen hat der BND diese Meldung nicht - zu unwahrscheinlich erschien, dass Chruschtschow und Ulbricht eine erneute Fluchtwelle hinnehmen könnten. Die Information bekam die Bewertung "C" - unzuverlässig.