Zur Sicherheit packen sie noch eine Wolldecke ein und laufen still durch das nächtliche Wedding. Als sie um 3.40 Uhr die Brücke am Friedrich-Krause-Ufer überqueren, sehen sie Nebel über dem Schifffahrtskanal. Márcia bedankt sich bei Mark. Allein hätte sie sich nicht in diese menschenleere Gegend getraut. Kurz vor 4 Uhr stehen sie dann vor der Ausländerbehörde. Jetzt noch drei Stunden, bis sie eine Wartemarke ziehen dürfen.
Wer wissen will, wie das sonst so weltoffene Berlin mit qualifizierten Ausländern umgeht, muss nachts 4 Uhr an das Friedrich-Krause-Ufer 24. Montag, Dientag und Donnerstag bildet sich mitten in der Nacht eine Schlange von Menschen, die ihre Aufenthaltserlaubnis erneuern wollen. Der Deutsche und die Brasilianerin stehen hier, weil Márcia, 29 Jahre alt und Doktorandin, ohne eine Aufenthaltsgenehmigung das Recht, an der Belriner Universität arbeiten zu dürfen. Die Tierärztin forscht an der Freien Universität über Viren. Nebenbei lernt sie Deutsch, aber da es noch nicht für ein Behördengespräch ausreicht, begleitet sie ihr Freund Mark.
Der Deutsche ist gelinde gesagt überrascht über die Zustände, die Akademiker aus dem Ausland aushalten. "Am Donnerstag sind wir kurz nach der Öffnung des Schalters hier angekommen", sagt er. "Die anderen in der Schlange haben uns nur ausgelacht." Am Freitag hatte das Amt geschlossen - und er habe versucht, über das E-Mail oder per Telefon sich zu informieren. Erfolglos. Schließlich haben Márcias ausländische Freunde gesagt: Am besten ihr stellt euch früh um vier Uhr an.
Um vier Uhr schon eine Schlange
Doch als die beiden dort ankommen, steht schon jemand vor dem Tor. Gegen halb vier war Stanislaw O. gekommen. Der 55-jährige Pole, der seit fast 20 Jahren in Berlin lebt, ist zum zweiten Mal hier. Auch er war am Donnerstag umsonst gekommen. Er spricht kurz mit Márcia und Mark, sie erzählen einander ihre Geschichten. Auch er hat Arbeit, sogar eine eigene Firma. "Ich wusste nicht, dass es wieder so schlimm ist mit der Warteschlange", sagt er.
Vor einer Woche sei er eine Stunde vor Ausgabe der Wartemarken gekommen - als die Türen dann geöffnet wurden, gab es nach 15 Minuten keine mehr. Wenn die drei miteinander reden, formen sich vor ihren Gesichtern Wolken von Wasserdampf. Stanislaw O. erzählt von einer Thermodecke, die er im Auto hat. "Warte, ich hol' sie euch, dann könnt Ihr euch hinsetzen", sagt er. Mit dem Tee wollen sie noch warten. "Wir können ja bis sieben Uhr nicht auf die Toilette."
Der Grund, warum Mark und Márcia hier warten müssen: Die "zentrale Stelle für bevorrechtigte Personen" - die zentrale Stelle für Studenten, Akademiker und EU-Ausländer - hat ihr Bearbeitungsmodell vor einigen Monaten verändert. Weg von einer festen Terminvergabe, wie es für fast alle Abteilungen der Ausländerbehörde üblich ist, hin zu einem System der "Laufkundschaft", die sich einfach eine Wartemarke ziehen muss. Jedes Jahr ab Oktober, zu Beginn des Wintersemesters, beginnt die Zahl der Antragsteller zu steigen. Derzeit studieren rund 20 000 Nicht-Deutsche in Berlin. Die EU-Mitglieder unter ihnen werden inzwischen von Bürgerämtern betreut. Haben diese jedoch ein Anliegen, das dort nicht erledigt werden kann, müssen auch sie sich früh um 4 Uhr anstellen.
6 Uhr, Montagmorgen. Márcia und Mark haben sich inzwischen mit Stanislav O. angefreundet. Er sitzt auf einem kleinen Hocker, den er sich mitgebracht hat. In der letzten Stunde hatte sich der Vorplatz vor dem Behörden-Tor mehr und mehr gefüllt. Rund 40 Menschen stehen jetzt hintereinander und unterhalten sich über die Kälte. Darunter Anita A. aus Indonesien, Elliat C. aus den USA, Bkur N. aus Kamerun. Sie sind meist zwischen 20 und 30 Jahren alt, studieren, promovieren oder arbeiten in festen Jobs. Fast alle, die sich hier vier Mal pro Woche in die Kälte stellen, gehören zu den sogenannten qualifizierten Ausländern, also jenen, die sich für ein Visum in die Reihe stellen, obwohl sie bei der Visumvergabe sonst bevorzugt werden. Sie brauchen dringend ihre Papiere noch in diesem Jahr. Alle waren bereits mehrmals hier und haben gelernt, dass sie früher aufstehen müssen.
Der Flüchtlingsrat kennt sich mit Problemen von Ausländern mit Behördengängen sehr gut aus. Dennoch ist Ratssprecher Georg Classen erstaunt über die Zustände. "Die meisten Ausländer, die sich dort anstellen", sagt er, "tun das, um zum Teil ihre nackte Existenz hier zu sichern." Denn egal, ob sie sich für Studium, Promotion oder Arbeit in Deutschland aufhalten: Wenn die Aufenthaltserlaubnis erlischt, seien damit auch unmittelbar andere Grundrechte hier im Land verbunden - nicht nur Sozialleistungen, sondern die medizinische Betreuung, eine Arbeitserlaubnis oder schlicht die Möglichkeit, eine Wohnung zu mieten. Classen fordert eine Bearbeitung der Fälle, die zeitnah und vor allem nicht erniedrigend für die Betroffenen ausfällt. "Es ist für mich nicht einzusehen, warum eine Stelle zur Kraftfahrzeugszulassung fast reibungslos funktioniert", sagt er, "während die Ausländerbehörde solche Zustände immer wieder provoziert oder zumindest duldet."
Montagmorgen, 7 Uhr. Inzwischen warten rund 180 Menschen in der Schlange. Ein Security-Mitarbeiter, der nach eigener Angabe zu einer externen Firma gehört, öffnet langsam einen Flügel der Tür und sagt zu sich selbst leise, aber deutlich hörbar: "Oh Mann, jetzt geht das alltägliche Chaos wieder los." Ein zweiter Sicherheitsbeamter erscheint und ruft laut: "Studierende aller Länder nach links!" Ein Raunen geht durch die Reihe hinter Mark und Márcia. Diejenigen, die Deutsch verstehen, übersetzen den anderen. Eine türkische Frau, in deren Armen seit über einer Stunde ein Baby geschrien hat, wird sofort eingelassen. Danach nur noch diejenigen, die einen Termin vereinbart haben - oder das zumindest behaupten.
Ein älterer Türke fragt den Security-Mitarbeiter etwas. Dieser spricht ihn gleich mit "Du" an und schickt ihn weg. "Kannst Du nicht lesen?" Dann wieder zu allen: "Wenn hier nicht gleich Ruhe ist, mache ich die Tür ganz zu!" Bevor die Stimmung noch aufgeregter wird, dürfen fünf Wartende eintreten. Stanislaw O., Mark W. und Márcia M. sind dabei.
Die akademischen Auslandsämter der Universitäten kennen die Umstände an der Ausländerbehörde. Sie haben oft Schauer-Geschichten gehört. Die meisten Universitäten haben Stellen, an denen ausländische Studierende beraten werden oder ihnen der Gang zum Amt gar abgenommen wird. Einziger Haken: Die Studierenden müssen dann für drei bis fünf Wochen ohne Reisepass auskommen. "Gerade vor Weihnachten", sagt Ulrike Spangenberg, "ist es ist immer eine Zitterpartie, ob wirklich alle ihre Pässe rechtzeitig zurückbekommen." So erklärt sich die Ausländerbeauftragte an der Humboldt-Universität zu Berlin unter anderem den großen Andrang jetzt im Winter. Sie räumt aber ein, dass die Studierenden wohl die Termine, die ihnen von der Behörde früher gesetzt wurden, oft nicht wahrgenommen haben. "Deswegen hat die Ausländerbehörde wieder auf Laufkundschaft umgestellt."
Dass dies allerdings nicht funktioniert, wird genau um 7.15 Uhr deutlich. Erst ganz leise gibt einer der Security-Mitarbeiter am vorderen Ende der Schlange bekannt, dass nur noch Wartemarken für die Namen zu haben sind, die mit P bis Z beginnen. Langsam spricht sich diese Information durch die Reihe nach hinten herum. Einige drängeln nach vorn, rufen ihren Namen. Kurze Zeit später sind auch diese "P- bis Z-Tickets" weg. "Keine Marken mehr!", ruft der Mann um 7.18 Uhr. Ratlos schauen sich rund 120 Menschen in der Reihe an. "Was heißt das?", ruft einer. Die Antwort: "Dass ihr nach Hause gehen könnt!" Nur langsam, dafür aber mit wütenden Rufen in Richtung Eingangstür, löst sich die Schlange vor der Behörde auf.
"Später noch einmal versuchen!"
Die Sachbearbeiter der Behörde wissen von den Szenen, die sich jeden Montag und Dienstag (um 7 Uhr) sowie am Donnerstag (10 Uhr) vor der Tür abspielen. "Wir können aufgrund der Mitarbeiterzahl nur eine bestimmte Anzahl an Wartemarken ausgeben", sagt Claudia Langeheine, Abteilungsleiterin in der Ausländerbehörde. Diese Zahl werde jeden Öffnungstag neu geschätzt, abhängig vom Krankenstand und sonstigen Umständen in der Behörde. An dem Tag als Márcia ihre Aufenthaltsverlängerung braucht, werden insgesamt 90 Marken für Studierende und Akademiker ausgegeben. "Oft stellt sich aber im Laufe des Tages heraus", sagt Langeheine, "dass noch Kapazitäten frei werden und wir weitere Anträge bearbeiten können." Dann aber seien keine ausländischen Studierenden mehr da. Die Abteilungsleiterin appelliert deshalb an die Antragsteller, auch später am Tag in der Behörde noch einmal zu versuchen, eine Wartemarke zu bekommen - oder sich per E-Mail einen Termin zu besorgen.
Doch genau das haben Mark und Márcia immer wieder erfolglos versucht. Später sitzen sie deshalb bei ihrem Sachbearbeiter im Büro und beschweren sich über die Situation. Der reagiert freundlich, aber abwehrend. Das seien nur Nachwehen der Immatrikulationszeit, sagt er. Und: "Wir sind nur drei Leute hier und mit so vielen Anfragen überfordert." Márcias Antrag jedoch wird schnell bearbeitet und schon um 7. 45 Uhr verlassen beide die Behörde - mit gültiger Aufenthaltserlaubnis bis Ende 2010. Auf die Frage, wo man sich denn beschweren könne, heißt es: Wenden Sie sich doch an den Senat.
Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport jedoch, die für die Ausländerbehörde zuständig ist, hat es in fünf Tagen nicht geschafft, eine Antwort auf eine schriftliche Anfrage der Berliner Morgenpost zu formulieren. Obwohl Sprecherin Nicola Rothermel offenbar frühzeitig informiert war über die Recherchen, trafen sie die Fragen nach der Warte-Situation vor der Behörde unvorbereitet. Eine für Freitag angekündigte Antwort zu den drängendsten Fragen der Wartebedingungen wurde auf Montag verschoben - auf eine Zeit also, in der bereits wieder Hunderte Menschen in der Kälte gewartet haben.
In der Schlange selbst macht sich derweil Galgenhumor breit. Immer dann, wenn einer hustet oder niest, ruft jemand: "Na? Hast Du etwa auch die Ausländerbehörden-Krankheit?"

