Studentinnenverbindung

Mit Mütze, Charme und ohne Degen

Wenn Ulrike Zeuner das Bierglas ansetzt, dann ist das Getränk darin selten gold-braun. Die Verbindungsstudentin nimmt einen großen Schluck. Die kalte Cola schmeckt. "Bei uns muss nicht immer gleich Alkohol fließen", sagt die 36-Jährige.

Und auch sonst bricht ihr Leben in einer sogenannten studentischen Verbindung mit vielen Klischees über eine Welt voller Fechtkämpfe, Trinkgelage und spießiger Etikette.

Ulrike Zeuner gehört der Studentenverbindung Lysistrata an. In Berlin ist dies die einzige Verbindung, die ausschließlich Frauen aufnimmt. Dieses Jahr feiern sie ihr 25-jähriges Bestehen. In den 80er-Jahren waren sie unter den ersten, die in eine Männerdomäne einbrachen.

Männliche Studenten schließen sich vor allem seit der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon in festen und streng hierarchischen Gemeinschaften zusammen. Die oft als Burschenschaften bezeichneten Verbindungen prägten lange die studentische Kultur in Deutschland. Mitglieder schlagender Verbindungen sind bis heute an Schmissen im Gesicht erkennbar, Ergebnis der mit scharfen Waffen geführten Duelle auf dem Fechtboden.

Seit ein paar Jahren aber boomen studentische Vereinigungen nur für Frauen. Etwa 40 gibt es mittlerweile in deutschen Universitätsstädten. Falsch liegt, wer das Domizil der Damen der Berliner Vereinigung Lysistrata in einer prachtvollen Dahlemer Villa vermutet. Ihr Wappen prangt nämlich von der Wand einer Fünfzimmerwohnung im eher tristen Schöneberger Norden. Lysistrata ist damit aber eine der wenigen Frauenverbindungen mit sogenannter Konstante, einem festen Heim. Hier hängen die Fotos der etwa 30 hohen Damen, den Ehemaligen. Hier steht aber auch ein Fernseher in der Ecke. Denn weil dann doch nicht allzu viel Geld da ist, dient die Konstante gleichzeitig einer Fünfer-Wohngemeinschaft als Zuhause.

Am dunklen Holztisch sitzt Zeuner mit roter Kappe und rot-weiß-rotem Band in den Berliner Landesfarben, wenn sie sich mit den anderen Studentinnen oder Hochschulabsolventen trifft. Sarah Leins wohnt sogar hier. Sie ist derzeit Seniora der Verbindung, steht also den derzeit fünf aktiven Mitgliedern vor.

Die 24-Jährige, die an der Freien Universität China-Studien nachgeht, und die Kriminalkommissarin Zeuner sind es leid, dass eine Studentenverbindung oft aufs Kampftrinken reduziert wird. "Bei Lysistrata geht das auch gar nicht - was sollte eine von uns denn machen, wenn sie schwanger ist?", sagt Sarah Leins. Oder mit dem Auto zu einem Treffen kommt. "Wir dürfen alles trinken. Bei vielen anderen studentischen Verbindungen dagegen ist normalerweise nur Bier erlaubt", sagt die 24-Jährige.

Lysistrata versucht einen Spagat zwischen der fest tradierten Welt vieler männlicher Verbindungen und dem Leben in einer modernen Großstadt wie Berlin. "Keine der Frauenverbindungen in Deutschland ist schlagend", sagt Leins.

Dass die Damen von Lysistrata ohne Fechten und Narben im Gesicht auskommen, hat auch mit der jungen Verbindungsgeschichte zu tun. Zeuner sagt: "Heute muss niemand im Fechten geübt sein, um sicher durch das Land zu reisen." Im Terminkalender der Berliner steht deshalb auch mal ein Selbstverteidigungsseminar, das die Kriminalkommissarin ihren Bundesschwestern gibt.

Dennoch: Auch Lysistrata setzt auf Tradition. Das fängt an bei der Ausbildung der sogenannten Füxe, den Neulingen. Zwei Semester - also zwei Halbjahre - lang müssen sie für ihre Aufnahmeprüfung pauken: Erwartet wird, dass sie neben der deutschen Universitäts-Geschichte etwa auch die "richtige" Etikette kennen. Zum Beispiel, wann die Mütze abgesetzt wird, welche Lieder geschwungen werden oder wie man sich zunächst höflich unterordnet. Dass man Fehler macht, daraus aber zu lernen hat. Wie eine Verbindungsparty wild ist und dennoch im Rahmen der Regeln bleibt.

Viele Frauen finden den Weg in eine Verbindung über ihren Freund. Sie sehen, wie sich jungen Männer zusammen tun, um gemeinsam die Hürden der Uni-Jahre zu meistern. So etwas suchen viele Frauen, die zu Lysistrata kommen, auch. Außerhalb der Berliner Massen-Universitäten pauken die Bundesschwestern in kleinen Kreisen. Die Akademiker aus verschiedenen Fachrichtungen geben in ihrer Runde Vorträge und veranstalten damit so etwas wie ein Studium generale. Und in den Nächten feiern sie ausgelassen. Am Ende des Studiums gehört man zu so etwas wie einer Familie.

Es waren Freundinnen von Verbindungsstudenten, die Lysistrata im Jahr 1985 gegründet haben. Sie hatten es satt, allein als schmückendes Beiwerk willkommen zu sein. Ging es nämlich um offizielle Treffen, knallten vor den Damen regelmäßig die Türen zu. "Unsere Gründungsmitglieder durften zu den Festen gern den Kartoffelsalat beisteuern, mehr aber auch nicht", sagt Sarah Leins.

Bereits der Name der Verbindung sollte deshalb für das Eindringen in eine Männerdomäne stehen. Lysistrata ist die erste weibliche Hauptrolle in einem Theaterstück. Außerdem verschaffen sich darin Athener Frauen erstmals Einlass in der bis dahin ausschließlich für Männer bestimmte Akropolis. Darum geht es den Frauen bei Lysistrata vor allem: Sie wollen ihre Entscheidungen selbst treffen. Egal ist ihnen dabei, dass sich die Frauen in dem Theaterstück außerdem ihren Männern verweigern, um sie zum Beenden des Krieges zu zwingen. Die Verbindungsstudentinnen sehen sich nicht als männerfeindlich an.

Dennoch vergingen Jahre, bis die Damentreffen von Lysistrata in männlichen Kreisen nicht mehr als "Kaffeekränzchen" abgestempelt wurden. Dazu beigetragen hat auch, dass die Frauen etwa bei gemeinsamen Feiern überzeugen konnten. Vor allem mit der genauen Kenntnis der Rituale, etwa beim Trinken. "Außerdem wollen heute nur noch die wenigsten Verbindungsstudenten auf Partys ganz ohne Frauen", sagt Leins.

Mit plumpem Deutschtum will die Verbindung ebenfalls nichts zu tun haben. "Uns geht es um Toleranz", sagt Leins. "Und um einen Lebensbund", ergänzt Zeuner. Nach 25 Jahren Lysistrata kann man langsam von einer Familie sprechen. Sie umfasst Juristen, Mediziner, aber auch Kultur- und Medienwissenschaftler.

Wer Hilfe braucht, zapft diese Kontakte an, etwa bei rechtlichen Fragen. Oder wenn man Hilfe bei seiner Bachelorarbeit braucht. Man ist füreinander da. Ein Karrierenetzwerk ist aber noch nicht entstanden. "So etwas braucht wohl noch Jahrzehnte", schätzt Leins. Und während viele Mitglieder in jahrhundertealten Männerbünden vielleicht auf Seilschaften und große Karrieren hoffen, geht man bei Lysistrata zunächst vor allem die kleinen Probleme des Alltags an.

Das zeigen auch die kleinen rot-weißen Bänder, die die Damen wie an einem Schlüsselbund am Gürtel tragen. Aus einem dieser Bändchen lugt ein zusammengerollter Zehn-Euro-Schein. Ein Geschenk der Bundesschwestern: Falls mal kein Geld mehr für ein Taxi nach Hause da ist. Die Verbindung ist immer für einen da.

"Heute muss niemand im Fechten geübt sein, um sicher durch das Land zu reisen"

Ulrike Zeuner, Kriminalkommissarin und Bundesschwester von Lysistrata