Die Platten hat die DDR den Laubenpiepern vom Erlengrund überlassen, kurz bevor es zu Ende war mit ihr. Am Tor steht jetzt ein älterer Herr in Gummistiefeln. Auch er ist Zeitzeuge. Er gehört zu jener West-Berliner Gartenkolonie am Spandauer Nordrand, die beinahe weggewischt wurde von der deutschen Teilung, dann aber als West-Berliner Exklave in der DDR erhalten blieb. Eingemauert, bewacht und beleuchtet gärtnerten die 36 Erlengrund-Familien im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit vor sich hin. Selbst in den USA hörte man von den Kolonisten, die mit Fahrrädern und Gießkannen regelmäßig den innerdeutschen Todesstreifen durchquerten. Grenztürme an Blumenbeeten, die Berliner Mauer, die diesen sehr kleinen, aber freien Teil Berlins umschloss, an der Mauer eine Klingel und ein Schild mit den Öffnungszeiten. Wo war hier "drinnen", wo "draußen"?

In der Exklave Erlengrund zwischen Hakenfelde und Hennigsdorf schien sich die West-Berliner Situation im Klitzekleinen zu wiederholen. Doch auch wenn die DDR längst Geschichte ist, Berlin vereint - die Kolonisten vom Erlengrund kämpfen nach wie vor um ihren Garten. Oder schon wieder, je nachdem. Diesmal sind es die "West"-Berliner Behörden, mit denen sie im Clinch liegen: das Bezirksamt Spandau und die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sogar die Staatssekretärin Maria Krautzberger hat sich der Sache persönlich angenommen. Aber die Fronten sind verhärtet.

Es geht um 1600 Quadratmeter

Es geht, so absurd es klingt, um jenen Postengang, auf dem einst die DDR-Grenzer patrouillierten. Jenen Streifen, sagt Hans Flügel, der Sprecher der Kolonie Erlengrund, den die DDR ihnen 1988 überlassen hatte, als die Mauer hier vorzeitig fiel - dank eines Gebietsaustausches waren die Kolonien Erlengrund und die benachbarte Fichtewiese ab da wieder direkt von Spandau erreichbar. Nachdem die Grenzer die Mauer abbauten, bekamen die Kolonisten die Gehwegplatten und den Streifen - rund 600 Quadratmeter - für ihre Grünabfälle. Zweiter Streitpunkt ist ein schmaler Uferstreifen, an den meisten Stellen nicht breiter als 60 Zentimeter. Auch diesen beansprucht das Land Berlin für sich, er umfasst weitere 1000 Quadratmeter. Das eigentliche Grundstück hat rund 5300 Quadratmeter. In Zehlendorf oder Wannsee würde man sagen: ein schöner Garten, nur dass sich diesen 36 Parteien teilen, die darauf in winzigen Lauben gemeinsam ihre Sommer verbringen. Die Erlengründer sind, anders als andere Kleingärtner, nicht Pächter des Landes, auf dem ihre Lauben stehen, sondern Eigentümer. In den 40er-Jahren erwarben sie - respektive ihre Vorfahren - das Gelände als Kollektiv. Seitdem werden nur die Anteile vererbt. "Jeder von uns besitzt ein 36stel", erklärt Hans Flügel, dessen Familie heute in der vierten Generation zum Erlengrund gehört. Das Ziel: im Kollektiv Ruhe in der Natur finden.

Gemeinsam möchten die Laubenpieper nun kaufen, was sie seit vielen Jahrzehnten bewohnen - das Land rund um die Lauben und, natürlich, den Zugang zur Havel, von dem keiner so richtig sagen kann, wieso er ihnen nicht gehört. Die Rede ist davon, er sei im Lauf der Jahrzehnte angeschwemmt worden. "Zu DDR-Zeiten war zwar das Baden verboten worden, was den Kindern nur schwer zu erklären war", erinnert sich Flügel, und später sei auch der Schilfstreifen entfernt worden, "wahrscheinlich, weil die Grenzer von der Havel aus freie Sicht aufs Ufer haben wollten". Mehr aber geschah nicht.

Was das Land Berlin nun mit dem Streifen Land rund um die Kolonie anfangen will, an den sich keine Wege anschließen, "das verstehen wir nicht", sagt Flügel. Um den Streit zu beenden, haben die Laubenpieper seit Langem Interesse bekundet, das strittige Gelände zu kaufen oder wenigstens langfristig zu pachten. Das jedoch solle aus Prinzip nicht geschehen, sagt Manuela Damianakis, Sprecherin der Verwaltung für Stadtentwicklung. "Mit einem Verkauf würde ein Präzedenzfall geschaffen. Es gibt viele ähnlich gelagerte Fälle." Es gehe um den Naturschutz. Das Spandauer Grünflächenamt "bemüht sich generell um die Bereinigung von Kleingartenanlagen in sensiblen Bereichen". Die Behörden, sagt Damianakis, hätten den Kleingärtnern einen Pachtvertrag angeboten. "Sie können den Randstreifen für 30 Jahre pachten, das Ufer für zehn Jahre", sagt die Sprecherin und fügt hinzu, dies sei doch ein "großzügiger Kompromiss". Dies alles wird in erregtem Ton vorgetragen.

Schon fünf Jahre währt der Streit. 2004 sei der erste Förster im Idyll erschienen. "Er hatte eine Zeichnung dabei mit dem strittigen Randstreifen und erzählte vom Umweltschutz", sagt Hans Flügel. Die Kolonisten schickten den Förster weg. Sie konnten nicht glauben, dass der Naturschutz erreichen sollte, was selbst die DDR nicht geschafft hatte. Doch 2006 wurde das gesamte Grundstück neu vermessen und markiert, Flügel weist auf leuchtfarbene Steine und Striche im Gebüsch. Die Laubenpieper beschäftigen seitdem einen eigenen Anwalt. "Zunächst hieß es, es gehe um Naturschutzbelange. Doch Erlengrund ist eine Ökosiedlung, es gibt keine Unverträglichkeiten mit der Natur", sagt Rechtsanwalt Lars Machost. "Später hat die Senatsumweltverwaltung das Problem an das Grünflächenamt Spandau delegiert." Ein erstes Angebot zur Pacht lehnten die Kolonisten vor einiger Zeit ab - wegen unerfüllbarer Pflichten im Natur- und Uferschutz. "Sie hätten dieselben Pflichten gehabt wie Eigentümer, aber nicht die gleichen Rechte", sagt Machost. Das neue Vertragsangebot sehe jetzt vor, dass die Kolonisten 12 000 Euro Pacht nachzahlen sollten, ansonsten gebe es keine wesentlichen Änderungen, "von einem Kompromiss kann nicht die Rede sein".

Leben ohne Strom und Wasser

Doch neben der Frage nach Pacht oder Kauf erbittert die Kolonisten noch etwas anderes. Als das Land Berlin vor einiger Zeit jenen Mauer-Weg anlegen ließ, der an die Jahre und Opfer der Teilung erinnert, bekam auch die Kolonie Erlengrund zwei Gedenkstelen. Darauf sind Fotos zu sehen, die Kolonie-Mitglieder zeigen. Eine Frau steht mit dem Fahrrad an jenem Tor in der Mauer und klingelt.

Wer heute hier ankommt, wird ohne Klingel eingelassen. Doch er betritt eine Welt, die ein Lebensgefühl konserviert hat, das anderswo längst verloren ist. Es ist eine Gemeinschaft von vorgestern. Die Erlengründer verbringen ihre Sommer nach wie vor ohne Strom und fließend Wasser, dafür mit strenger Mittagspause. Sie haben ein Vereinsleben mit eigenen Liedern, Festen und einem Archiv, das nichts vergisst. Einzige Neuerung ist der kollektive Aufsitz-Rasenmäher. Wenn der Sommer vorüber ist, wird das letzte Lagerfeuer angezündet und die Alten erzählen ihre alten Geschichten. "Bis zum Mauerbau haben die Vopos bei unseren Festen mitgetanzt", erinnert sich Hans Flügel, pensionierter Diakon und 65 Jahre alt. Später, als sie nur noch mit Passierschein auf ihr Grundstück kamen und Besuch jeweils ein Jahr im Voraus anmelden mussten, entstanden Kontakte zwischen den Freien, die eingeschlossen waren, und den Bewachern. "Wir brachten ihnen Cola und Zeitschriften mit. Mit einem waren wir fast befreundet", erinnert sich Flügel. Einmal floh einer der Grenzer durch das Gartentor Richtung Spandau und verschanzte sich dabei hinter Leuten aus der Nachbarkolonie Fichtewiese, die gerade über den Todesstreifen gingen. Dass damals nicht geschossen wurde, darüber sind sie hier heute noch dankbar.

Ihre Gärten aufzugeben, sagt Flügel, daran hätten sie nie gedacht. Nicht nach dem Jahr 1952. Damals seien sie "einmal alle vom Gelände geschmissen worden". Ebenso wie die Bewohner der West-Berliner Exklave Steinstücken im Süden der Stadt sollten die Erlengründer der Teilung weichen. "Aber nach einem öffentlichen Aufschrei beschloss die Politik, West-Berliner Gebiet dürfe nicht aufgegeben werden." Die Kleingärtner kehrten zurück - stolz, als Symbol zu gelten. Als Nächstes befestigten sie das matschige Havelufer, an dem sie alle ihre Kindheit verbracht hatten - und das ihnen jetzt nicht mehr gehören soll. Die Senatsentwicklungsverwaltung sieht in derlei Geschichten keinen Anlass zum Umdenken. "Wir haben das mit den zuständigen Behörden abgestimmt", sagt Damianakis, und: "Diese Kolonie ist kein Ort des Mauergedenkens."