"Dieser Fußboden zum Beispiel", sagt er über das Mosaik am Eingang, "besteht insgesamt aus 37 000 Teilen und wurde von einem alten Spanier in Barcelona gelegt." Moment, in Barcelona? Ja, der Mann könne zwar nicht mehr nach Berlin fliegen, weil sein Leben von einem Sauerstoffgerät abhänge, erzählt Spitzer. Aber deshalb seien dessen Frau und Sohn nach Berlin gekommen und hätten vermittelt. Jetzt liegen die Mosaikteile hier in Berlin unter einem Bronze-Stier im "Pfefferberg" ausgebreitet. "Original spanisch", sagt Spitzer. Genauso wie der Stier selbst, aber das ist eine andere Geschichte.

Stier und Mosaik dominieren den Eingangsbereich im "Tauro" (span.: Stier), dem neuen Restaurant im Pfefferberg: 200 Sitze im Erdgeschoss, spanische Küche, 200 Sitze oben, italienische Küche. Seit dieser Woche sind die 1600 Quadratmeter geöffnet, der gestylte Barbereich mit Sesseln, der Kamin im Hintergrund - und vor allem: die Verkaufstheke im "Tauro". Sie bildet das Herzstück und sorgt für die Laufkundschaft im täglichen Betrieb. Neben den Deckengemälden und dem rötlich-braunen Licht bildet diese Frische-Theke einen imposanten ersten Eindruck. Junge Verkäuferinnen und Verkäufer, mit akkuraten Frisuren und schwarzen Hemden, stehen unter mehreren Reihen aufgehängter Schinken aus Spanien. Sie bieten kleine Probier-Stückchen an und können die Unterschiede zwischen Serrano und Pata Negra im Detail erklären.

Aufwertung einer Wohngegend

Der Chef Gerd Spitzer glaubt daran, dass so etwas auch hier funktionieren kann, genau an der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg. Erfahrungen konnte er bisher an zwei Orten sammeln: dem Steakhaus "Escados" am Alexanderplatz und dem "Mar y Sol" am Savignyplatz. Gerade letzteres hat offenbar als Inspiration für das neue Restaurant gedient - denn eine ähnliche Klientel soll auch das "Tauro" anziehen: "Gerade Prenzlauer Berg hat in den vergangenen Jahren eine neue Infrastruktur bekommen", sagt Spitzer, "weg von dem studentischen Wohngebiet hin zu einer wohlhabenden Mittelschicht, der gutes Essen wirklich etwas bedeutet."

Im politischen Bereich wurde in den vergangenen Wochen viel von dieser Veränderung des östlichen Stadtteils geredet und geschrieben, meist im Zusammenhang mit brennenden Autos oder geräumten Häusern. "Gentrifizierung" ist der wissenschaftliche Fachbegriff für das, was Immobilienmakler auch die "Aufwertung einer Wohngegend" nennen. Sanierte Häuser, attraktive Infrastruktur, internationale Schulen und hoher Bildungsstandard.

Der Sender RBB zeigte in dieser Woche eine eindrucksvolle Dokumentation über den "Fall Prenzlauer Berg". Der Titel der Sendung war Programm: "Die Schickeria im ehemaligen Arbeiterviertel". Zu den Dreharbeiten war das Restaurant "Tauro" noch nicht eröffnet - es steht aber schon jetzt nach wenigen Tagen wie kein anderes Geschäft dieser Gegend stellvertretend für das Phänomen "kulinarische Aufwertung" eines Kiezes. Das Gebiet um den Pfefferberg hat einen dramatischen Wandel hinter sich.

Köche brutzeln Tür an Tür

Noch vor fünf Jahren gab es den Bio-Supermarkt (gegenüber) nicht, es gab kein Bio-Steakhaus (auch gegenüber), der Delikatessen-Markt auf dem Kollwitzplatz (rund 100 Meter entfernt) war am Sonntag noch bei Weitem nicht derart ausgebaut. Zudem sind heute auf der Schwedter Straße, die nördlich an den Pfefferberg grenzt, eine Häufung von Restaurants der gehobenen Klasse zu finden. Italienische und französische Köche brutzeln hier Tür an Tür.

Einer, der diese Entwicklung beobachtet hat und davon profitiert, ist Benjamin Richter, Mitinhaber vom "Pappa e Ciccia", einem kleinen Restaurant, das vor dreieinhalb Jahren als Feinkostladen begann und inzwischen ein zweites Geschäft ganz in der Nähe eröffnen konnte. "Wir haben keine Marktanalyse gemacht", sagt der 32-Jährige. "Aber es fällt auf, dass sich die Leute hier mit Essen mehr auseinandersetzen." Das sei über die Jahre wie automatisch gekommen, sagt er und vermutet, dass auch die Stadtplanung diese Entwicklung begünstigte. "Es muss solche Stadtgebiete geben", sagt er, "damit andere Viertel in Berlin sich zu alternativen Zentren entwickeln können." Seine Kundschaft sei nach wie vor sehr sympathisch geblieben und entspreche nicht dem versnobten Mitte-Klischee. "Wem es hier nicht mehr gefällt, der kann auch immer nach Kreuzberg ziehen - das ist ja das Tolle an Berlin."

Auch Gerd Spitzer vom "Tauro" ist sich sicher, dass er dem Kiez mit seinem Restaurant etwas Gutes tut. "Mir geht es vor allem um das Detail", sagt er und zeigt stolz seinen "Infrarot-Gas-Ofen" und einen Grill, in den man Olivenholzspäne hineinreiben kann, um das Fleisch so extra zu aromatisieren. "Wir haben uns vor allem von der südländischen Lebensart inspirieren lassen", sagt er, "weil wir Deutschen viel davon lernen können." Er beschreibt eine Szene von einem Geschäftsbesuch in Barcelona, als er mit anderen "Anzugträgern" im Kreis saß und ein ursprüngliches spanisches Eintopfgericht probierte. "Der Topf wurde einfach auf den Tisch gestellt und jeder hat sich selbst davon bedient." Diese Erfahrung habe ihn so beeindruckt, dass er dieses Gericht auch in Berlin anbietet - mit Original-Reis aus der Gegend um Valencia. "Jeder Spanier wirft den Löffel an die Decke!"

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass er sich durch seine vielen Spanien-Besuche selbst spanisches Temperament angewöhnt hat. So reagiert er zum Beispiel heftig emotional auf die Bitte der Stadtverwaltung, für eine dezente Außenfarbe des Pfefferberg-Gebäudes zu sorgen. "Die wollten, dass es so aussieht wie die Humboldt-Universität!", ruft er. "Aber das muss doch warm sein und nach Urlaub aussehen!"

Mit Billigmärkten zufrieden

Eine, die diese "kulinarische Aufwertung" ihres Kiezes seit Jahren beobachtet, ist Ira Tepperwien, Inhaberin des "Katzen und Enten" an der Winsstraße. Die 41-Jährige betreibt den Bio- und Feinkostladen seit fast neun Jahren und hat auch ihre Kindheit in Prenzlauer Berg verbracht. "Viele meiner Kunden gehen auf die Suche nach neuen, feinen Sachen", sagt sie. Deshalb sei es schon eine gute Lage für Feinkostläden. Lange Zeit habe es Berlin schwer gehabt. "Die Stadt ist eben weit weg von den Ländern, die kulinarische Hochgenüsse produzieren." Gerade in Ost-Berlin seien heute noch viele mit den Lebensmitteln von Billigmärkten zufrieden. "Aber genau diese Gegensätze machen diesen Bezirk aus", sagt sie. "Deswegen liebe ich ihn noch immer."

Gerd Spitzer liebt vor allem das spanische Detail, das er zumindest in den Innenräumen schon verwirklichen konnte. Im Erdgeschoss sind Fliesen von zwei Brüdern aus Sevilla handbemalt worden, die Uhr hinter der Theke stammt von einem Flohmarkt in Barcelona (wie auch der Stier), selbst die Toilettentüren sind importiert - aus Mallorca. Funktional und original sind die wichtigsten Wörter für Gerd Spitzer. "Auf jeden Fall soll hier nichts übertrieben werden, kein überkandidelter Schnickschnack", sagt er noch. "Wir sind hier schließlich in Prenzlauer Berg." Vielleicht kommt dann auch der Charlottenburger. "Der will ja schließlich mitreden."