Jetzt hat die Bundesbehörde ihre Position geändert. "Die Ausschreibung ist aufgehoben", sagte Amtsleiter Michael Scholz gestern der Berliner Morgenpost. Es habe in jüngster Zeit zahlreiche Anregungen gegeben, über den Steg neu nachzudenken. Deshalb habe er sich entschieden, inne zuhalten und keine Fakten zu schaffen.

Ursprünglich hatte das Amt beabsichtigt, die Anlage bis März 2011 demontieren zu lassen. Wie es jetzt weitergeht, darüber will Amtsleiter Scholz mit den Denkmalschützern aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und mit Vertretern der Senatskanzlei reden. Gesprächstermine seien schon für Dezember vereinbart, sagte er. Dann werde er auch die Kosten für die Sanierung auf den Tisch legen. "Man muss darüber reden, wer was stemmen kann."

Denn der Steg ruht auf Stahlbetonpfählen, die viele Risse haben und teilweise verrostet sind. Zudem seien sie Scholz zufolge nicht mehr fest im Untergrund verankert. Wenn ein Boot oder eine Eisscholle auf den Steg prallt, könne die labile Anlage kippen, fürchtet der Amtsleiter. Es sei aber Aufgabe des Wasser- und Schifffahrtsamtes, für die Sicherheit des Schiffsverkehrs auf der Spree zu sorgen. Aus Sicht der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sollen Denkmalschützer und Schifffahrtsamt zunächst klären, welche Bedeutung der Steg für Berlin hat. Übereilte Entscheidungen werde es nicht geben, sagte Sprecher Mathias Gille.

Friedrichshain-Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) begrüßte die Entscheidung, den Abriss zu stoppen. "Wir haben beim Landesdenkmalamt beantragt, dass der Steg unter Denkmalschutz gestellt wird", sagte er. "Ich gehe davon aus, dass das gelingt." Der Antrag werde jetzt vorrangig behandelt. Der Bezirk will sich auch an der Diskussion um die Zukunft des Stegs beteiligen.

Für den Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, ist der Zollsteg ein einzigartiges Zeugnis der Teilungsgeschichte der Stadt. Er sei "das letzte in Berlin sichtbare Element der Wassersperre und in seiner Größe einmalig" und solle mit Blick auf den außergewöhnlichen historischen Wert erhalten bleiben. Laut Stiftungsdirektor Klausmeier ist der Steg als Folge der spektakulären Flucht des Motorschiffs "Friedrich Wolf" im Jahr 1962 errichtet worden. Damals hatten 13 Personen ein Schiff der Weißen Flotte besetzt und waren vom Treptower Hafen unbeschadet zum Landwehrkanal in Kreuzberg gelangt. Nach jeder gelungenen Flucht seien die Grenzanlagen nachgerüstet worden, sagte Klausmeier.

Der Steg ist 480 Meter lang, fast zwei Meter breit und steht auf 258 Stahlbetonpfählen. Es gibt einen kurzen Zugangssteg. Der Wachturm, die Lichtmasten und Geländergitter sind verschwunden. Eigentümer ist das Wasser- und Schifffahrtsamt. Mit den Senatsverwaltungen müsse auch über die künftige Nutzung der Anlage geredet werden, sagte Amtsleiter Scholz. "Denn dafür haben wir keinen gesetzlichen Auftrag." Gemeinsam solle ein Konzept entwickelt werden. Auch diese Finanzierung sei zu klären.

Auch Naturschützer sind froh, dass der Steg erhalten bleibt. Denn auf ihm nisten viele Rauchschwalben. 40 Nester haben Mitarbeiter der Senatsumweltverwaltung gezählt. Die Behörde hatte bereits begonnen, nach einem alternativen Nistplatz für die Zugvögel zu suchen. Sie sind derzeit im Süden und können nächstes Jahr an ihre alten Brutstätten zurückkehren.