Lothar Schmidt, der jetzt 90 Jahre alt wurde, zeigt sich kein bisschen altersmüde. Noch immer unterrichtet er Studenten an der Theologische Hochschule Friedensau (Sachsen-Anhalt). Dort leitet er das Institut für Sucht- und Abhängigkeitsfragen. "Ich hätte ja auch gerne länger an den staatlichen Hochschulen gearbeitet, aber da musste ich mit 68 Jahren ja aufhören", sagt der Jubilar.

Dass Alkoholsucht als Krankheit anerkannt wird, das sei in Deutschland noch gar nicht so lange der Fall. Lothar Schmidt weiß das ganz genau, leitete er doch die erste Station für Alkoholiker in Berlin: "Sie glauben nicht, gegen welche Widerstände ich da angelaufen bin", sagt er und setzt sich auf der Couch in seinem Zehlendorfer Häuschen auf. Schmidt wurde im heute russischen Königsberg geboren, die Kriegswirren trieben seine Familie gen Westen. Über den Krieg mag er nicht gerne sprechen, lieber erinnert er sich an die Zeit danach. "1946 lag Berlin in Trümmern, aber daran war nicht alles schlecht", sagt er. Denn im selben Jahr schon nahm er an der Humboldt-Universität sein Medizinstudium auf. Mit ihm drückte eine Kommilitonin die Bank, die bis heute die wichtigste Rolle in seinem Leben spielt: seine sechs Jahre jüngere Ehefrau Gertraudt. Die beiden legten das Staatsexamen ab. Zum Glück sei keiner von ihnen ein Einserkandidat gewesen. "Die mussten nämlich damals für ein Studienjahr nach Moskau, und wir waren heilfroh, dass wir in Berlin bleiben durften", sagt Lothar Schmidt.

Nach Kriegsende hatte Schmidt geholfen, das jüdische Krankenhaus zu enttrümmern. Dort fing er 1952 auch als junger Assistenzarzt an, und zwar auf der Feuerwehrstation. Feuerwehrstation? "Na, so hieß das damals: Da wurde alles angeliefert, was die Polizei von der Straße fegte", erklärt Lothar Schmidt. Dort kam der junge Arzt auch zum ersten Mal in Berührung mit Menschen, die dem Alkohol verfallen waren. "Schon nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass ich die Leute auf meiner Station immer nur fit zum Weitertrinken gemacht habe." Den damaligen Gesundheitssenator überredete er deshalb Anfang der 60er-Jahre, dass er im Krankenhaus eigene Betten für Alkoholiker bekam. "Es waren 86 zu Beginn, aber im Schnitt betreute ich ständig 115 Patienten", sagt Lothar Schmidt.

Süchtige wurden verbannt

Die Ausgrenzung von Alkoholkranken sei damals noch weit schlimmer gewesen als heute. Als Lothar Schmidt begann, sich mit dem Thema zu beschäftigen, seien die Süchtigen einfach an einen abgeschiedenen Ort verbannt worden. "Dass diese Orte meist in der Nähe industrieller Produktionsstätten lagen, war kein Zufall: Statt eine Therapie zu erhalten, haben die meisten sich am Fließband abgearbeitet."

Dass es auch andere Ansätze gibt, um der Sucht beizukommen, sah Schmidt ausgerechnet bei den amerikanischen Besatzungstruppen: "Unter ihnen waren auch trockene Alkoholiker, die sich in anonymen Zirkeln trafen, um über ihr Problem zu sprechen." Die Idee der Anonymen Alkoholiker überzeugte Lothar Schmidt, er forcierte die Gründung der Selbsthilfegruppe auch in Deutschland. Damit ein Alkoholkranker aber die Finger von der Flasche lasse, dafür bedürfe es als einen ersten Schritt der Selbsterkenntnis. "Erst wenn der Betroffene sich eingesteht, dass er wirklich ein Problem hat, kann eine Therapie ansetzen", so Schmidt.

Viel zu oft mache der Süchtige sich über Jahre etwas vor - und die Verwandten und Freunde unterstützen das, in dem sie die schlimmsten Tiefpunkte verhinderten. "Es ist aber genau dieser Tiefpunkt, der die entscheidende Wende bedeuten kann", sagt Schmidt. Er erinnert sich an einen Patienten, dessen Zusammenbruch und Besserung durch ein Gespräch mit dessen Tochter herbeigeführt wurde: "Die Kleine sagte ihm, dass sie gerne einen anderen Papa hätte." Erst dann habe sich der Mann besonnen und eine Entgiftung und eine Entwöhnungstherapie angefangen.

Was entscheidet eigentlich darüber, ob man alkoholsüchtig wird? Neben dem sozialen Umfeld spielt auch das Suchtpotenzial der Droge Alkohol eine Rolle - wer einmal angefangen hat, will mehr davon. Entscheidend aber ist und bleibt, so legen aktuellste Studien nahe, die Persönlichkeitsstruktur. "Leider ist die Neigung zu Alkoholismus erblich - wer familiär vorbelastet ist, wird auch selbst eher zum Alkoholiker", sagt Schmidt.

In seinem Leben habe er wohl an die 300 000 Alkoholkranke behandelt, glaubt Schmidt. Diese Erfahrung habe es ihm leicht gemacht, selbst abstinent zu leben. Außerdem findet er, er habe so etwas wie eine Vorbildfunktion. Ob er denn wenigstens schon einmal betrunken war, um zu wissen wie sich der Rausch anfühlt? "Einmal, das war 1943!", kommt wie aus der Pistole. Auf einer Studienfahrt sei das gewesen, zum Verhängnis wurde ihm dort Weißwein. Auf dem Weg zurück in die Unterkunft sei die Straße auf einmal ganz eng geworden. Und bei der Erinnerung an das Gefühl schüttelt sich Schmidt noch 68 Jahre später.