Serie: Wir sind ein Volk – Wir sind Berlin, Teil 33

"In der DDR gab es eine regelrechte Seelenblindheit"

Wer wissen will, wie es um die Seele der Berliner im Osten und Westen der Stadt bestellt ist, sollte Klaus Behnke und Christoph Seidler aufsuchen. Der eine, Klaus Behnke, hat seine Praxis in einem herrschaftlichen gelben Altbau in Berlin-Charlottenburg. Groß ist sie, mit nur wenigen Möbeln: ein Schreibtisch, vier lange Regalbretter mit Büchern, zwei Sessel, eine schwarze Ledercouch.

So oder so ähnlich stellt man sich für gewöhnlich den Raum vor, in dem ein Therapeut Menschen dazu bringt, ihr Innerstes nach außen zu kehren.

Der andere, Christoph Seidler, sitzt in der Invalidenstraße in Mitte in einem wuchtigen Gebäude, das zu DDR-Zeiten das Hotel "Newa" beherbergte, wo man auch nach 24 Uhr noch ein Bier bekam. Seine Praxis liegt im gleichen Stock wie die Arbeitsgemeinschaft Psychoanalyse und Psychotherapie, die er mitbegründet hat. Die Praxis ähnelt einem Büro: ein runder Tisch mit fünf schwarzen Stühlen, ein Schreibtisch, dahinter eine Schrankwand mit Büchern, eine Couch mit dunkelroter Wolldecke.

Zwei Praxen, zwei Therapeuten, zwei Biografien. Sehr verschieden, und doch eint sie eines: Sie behandeln Menschen, die nicht weiterwissen, die von Ängsten gequält werden, denen das Leben nicht lebenswert erscheint. Klaus Behnke und Christoph Seidler haben festgestellt, dass sich bei einem Teil der Menschen - im Westen wie im Osten der Stadt - die Probleme angleichen. 20 Jahre nach dem Mauerfall aber gibt es immer noch viele, bei denen die beiden Systeme tiefe Spuren hinterlassen haben. In gewisser Weise gehören auch Christoph Seidler und Klaus Behnke dazu.

Die Angst unterzugehen ist im Westen ausgeprägter

"Diese Angst unterzugehen", sagt Klaus Behnke, "ist im Westen einfach ausgeprägter." Das sei schon vor dem Mauerfall so gewesen und heute wohl noch stärker. Klaus Behnke, 59 Jahre alt, dunkler Strickpullover, graues, nach hinten gekämmtes Haar, dezente Brille mit Metallrahmen, ist ein zurückhaltender Mensch. Seit acht Jahren sitzt er im Rollstuhl. Er spricht überlegt und in kurzen Sätzen. Normalerweise bringt er andere zum Erzählen. Vieles von dem, was er gleich berichten wird, scheint er an sich selbst erfahren zu haben. Ursprünglich kam Klaus Behnke aus Ost-Berlin. Sein Blick auf den Westen ist wohl auch deshalb so genau.

Behnke war Mitte 20, als er Ost-Berlin verließ - für immer, wie er damals dachte. Aufgewachsen war er in einer christlichen Familie in Teltow, die die DDR sehr kritisch sah. Das prägte ihn. Als ihm wegen seiner kritischen Haltung das Psychologiestudium verboten wurde, versuchte er es zunächst mit Theologie. Doch er blieb unter Beobachtung - von Lehrenden und Studierenden. Seine Freunde diskutierten damals, ob die DDR reformierbar sei. Er glaubte nicht daran. Einige landeten im Gefängnis, andere gingen in den Westen. Klaus Behnke hatte das Gefühl, zu versauern in diesem Land, das ihn nicht werden ließ, was er sein wollte. So stellte auch er einen Ausreiseantrag. Zwei Jahre später, 1977, durfte er gehen - mit dem Verbot, je zurückzukehren.

"West-Berlin war wie ein Rausch. Ich hatte das Gefühl, auf dem Zenit der Zeit zu leben." Behnkes blaue Augen glänzen. Er erzählt vom Psychologiestudium zur Hochzeit der RAF, von den Linken an der Uni, die die DDR für den besseren deutschen Staat hielten. "Ich habe heftige Diskussionen geführt." Im Grunde ging schon da sein Kampf gegen die DDR weiter. Er setzte ihn sein Leben lang fort, auch als er längst West-Berliner war.

Doch das brauchte Zeit. Klaus Behnke spürte, um wie viel härter das Leben im Westen war. Der Individualisierungszwang, auf sich gestellt bestehen zu müssen, machte auch ihm zu schaffen. "Mit der 68er-Bewegung wurde dieser Zwang noch größer. Die alten Bindungszusammenhänge lösten sich auf." An seinen Patienten stellte er später "diese Unfähigkeit zum Du fest". Nach dem Studium arbeitete Behnke zunächst für ein Forschungsprojekt des Bundesgesundheitsministeriums zur Psychiatriereform zusammen mit Jürgen Fuchs - dem berühmten DDR-Oppositionellen, Psychologen und Schriftsteller. Fuchs hat ihn tief beeindruckt. Damals versuchte man, die veralteten psychiatrischen Strukturen aufzubrechen. Behnke engagierte sich in der Gemeindepsychiatrie. Psychisch gestörte Menschen sollten nicht mehr in Klinken, sondern ambulant betreut werden. Er therapierte Süchtige, leitete später eine Suchtberatungsstelle.

Dabei hatte er, als er zu praktizieren begann, noch gedacht: Was haben die bloß für Luxusprobleme? Beziehungsstress, Konflikte mit der Familie. In West-Berlin schien das Gefühlsleben der Menschen viel verworrener. Klaus Behnke staunte, als er zum ersten Mal eine West-Berlinerin behandelte. Sie kam mit einer Vielzahl von psychosomatischen Erkrankungen zu ihm. Seine Jugend in der Diktatur, erkannte er da, war auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen. "Psychische Probleme wurden in der DDR sehr viel grober betrachtet. Es gab eine regelrechte Seelenblindheit." Das sah er auch an Patienten aus der DDR - Ausgereiste oder Geflüchtete, die zu ihm kamen. Sie dachten damals: "Ich gehe in den Westen und lasse meine seelischen Probleme im Osten." Auch nach dem Mauerfall kamen viele Ost-Berliner zu ihm, die glaubten, ihre Probleme ließen sich mit einer Sitzung beheben. Das kannte Klaus Behnke von West-Berliner Patienten nicht.

Dann kam die Wende. Am Abend des 9. November wollte Klaus Behnke eine Kollegin in Friedenau besuchen. Noch an der Tür erzählte sie ihm, die Mauer sei offen. Sofort fuhr er in die Invalidenstraße. Doch braun gebrannt vom Türkeiurlaub, entsprach Klaus Behnke nicht mehr dem Bild des DDR-Bürgers. Er wurde nicht durchgelassen und feierte dann mit Freunden im Westen. In den folgenden Monaten half er beim Aufbau von psychologischen Versorgungsstrukturen im Osten der Stadt. Immer mal wieder überlegte er, nach Prenzlauer Berg zurückzuziehen. Doch am Ende war ihm klar, er war bereits zu fest verankert im Westen.

Psychologen halfen der Stasi, ihre Opfer zu terrorisieren

Joachim Gauck von der Stasi-Unterlagen-Behörde fragte Jürgen Fuchs und ihn, ob sie Akteneinsichtnehmer betreuen könnten. Menschen, die von der eigenen Mutter, dem Ehepartner verraten worden waren. In dieser Zeit begann er sich zu wundern, wie genau die Zersetzungsmaßnahmen der Stasi auf die einzelnen Opfer abgestimmt waren, und vermutete, dass Psychologen und Psychiater daran mitgearbeitet hatten. In der Behörde fanden sich schließlich Akten, die dies bestätigten. An der Stasi-Hochschule in Potsdam hatte es einen geheimen Fachbereich "Operative Psychologie" gegeben, an dem Stasi-Offiziere unter anderem lernten, ihr Opfer psychologisch zu analysieren, um es besser unter Druck setzen zu können.

Klaus Behnke beschäftigte sich intensiver mit den Stasi-Methoden und den Traumata, die diese bei den Opfern auslösten. Mit Jürgen Fuchs gab er ein Buch über die Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Stasi heraus ("Zersetzung der Seele"). Ein Schwerpunkt wurden die knapp 10 000 Kinder- und Jugend-IM. Opfer und Täter zugleich ("Stasi auf dem Schulhof", hrsg. v. Klaus Behnke, Jürgen Wolf). Er sammelte Dokumente und behandelte ehemalige Kinder- und Jugend-IM. Etwa eine junge Frau, die als Jugendliche eine Umweltgruppe ausspioniert hatte, zunehmend mit ihren Opfern sympathisierte und dann in Angst lebte, enttarnt zu werden. "Es war für sie ein Leben wie in einer Sackgasse", sagt Behnke. Doch viel zu wenige suchten therapeutische Hilfe. Inzwischen kommen kaum noch einstige Kinder-IM zu ihm.

Dafür kommen andere Stasi-Opfer. Das größte Problem für sie sei, dass die Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Tritt etwa ein ehemaliger Peiniger öffentlich auf, löst das bei den Opfern oft nach Jahren noch posttraumatische Belastungsstörungen aus. Sie entwickeln Neurosen, Beziehungsängste, Schlafstörungen. Eine seiner Patientinnen saß 20 Jahre lang nur in ihrer Wohnung - eine Phobie. Erst als er den Zusammenhang zu ihrer lange zurückliegenden DDR-Inhaftierung herstellte, konnte er sie behandeln. Heute traut sie sich wieder vor die Tür.

Für Klaus Behnke bleibt unverständlich, wieso im Einigungsvertrag nicht aufgenommen wurde, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Stellvertretende Schuldirektoren etwa, von denen bekannt war, dass sie die Schüler aussuchten, die der Stasi zugeführt wurden: "Heute sind die selbst Direktoren." Es ist seine größte Enttäuschung vom Westen.

Wer all dies über Klaus Behnke weiß, versteht, warum er zunächst nicht glücklich ist mit dem Ort für das gemeinsame Foto. Ausgerechnet das Marx-Engels-Denkmal am Alexanderplatz! Als er nun zum ersten Mal auf Christoph Seidler trifft und sich mit ihm vor den Vätern des Kommunismus positionieren soll, ruft er: "Die haben uns det doch alles einjebrockt!" Christoph Seidler brummt zurück: "Na ja, so kann man det dann ooch nich sagen." Zuvor hatte Seidler noch einen Ausspruch von Marx zitiert, den er treffend findet: Nur über Enttäuschung kommt der Mensch zu Verstand.

Enttäuscht wurden sie in gewisser Weise beide - nur von unterschiedlichen Systemen. Obwohl keiner von ihnen je sagen würde, dass die Enttäuschung überwiegt. Im Gegenteil. Christoph Seidler etwa würde sich nicht als Kommunisten bezeichnen. Doch er sagt offen, dass es Zeiten gab, in denen er an die sozialistischen Ziele der DDR glaubte. Trotz aller Kritik, die er an der DDR übte, empfand er das Leben dort auch als lebenswert. "Ich fände es kränkend, so wie viele meiner Landsleute, wenn unser Leben ausschließlich als eines in einer Diktatur gesehen würde", sagt er.

Christoph Seidler, 65 Jahre alt, grauer Vollbart, wache grau-grüne Augen, ist ein offener Mensch. Ohne Vorbehalte erzählt er von sich und seiner Karriere in der DDR. Das alles verlief sehr anders als bei Klaus Behnke. Und doch kommen sie am Ende zu erstaunlich ähnlichen Schlüssen - wenn auch aus verschiedenen Perspektiven. Beide sind sie Anhänger der Psychoanalyse, beschäftigen sich mit ähnlichen Themen. Den Traumatisierungen der Deutschen zum Beispiel.

Anfang der 70er-Jahre werden Patienten nicht mehr weggesperrt

Es mögen die sechs Jahre Altersunterschied sein, die Seidlers Werdegang so anders verlaufen ließen. Oder die andere Prägung. Seine Stimme wird schneller, als er von seiner Kindheit erzählt, die Gedanken springen, und er erklärt, warum: "Das ist typisch für Traumatisierte. Ich habe mein eigenes Trauma aus der Nachkriegszeit." Aus Böhmen stammte seine Familie. Die Eltern konnten ihre Liebe nur kurz leben, da musste der Vater in den Krieg, wo er 1944 bei Lemberg fiel. Die Mutter flüchtete im Sommer 1945 mit dem zweijährigen Sohn und der sechsjährigen Tochter bis nach Oschersleben. Dort lernte Christoph Seidler, was es heißt, nicht willkommen zu sein, sich umso mehr anstrengen zu müssen, um anerkannt zu werden.

Für seine gute Ausbildung ist Seidler der DDR bis heute dankbar. Obwohl es immer zu wenig Geld zu Hause gab, konnte er Abitur machen und in Berlin studieren. Medizin war sein Ziel - "vor allem wegen des Status" -, und dann nach West-Berlin gehen - "denn dort gab es die besseren Jobs". Der Mauerbau im Jahr seines Abiturs erwischte ihn unvorbereitet wie die meisten. Er begann das Studium, entdeckte für sich die Psychiatrie, machte darin seinen Facharzt, später Karriere und blieb.

Die DDR und die Psychologie - ein schwieriges Verhältnis. Christoph Seidler hat es intensiv beschäftigt. Vielleicht, weil er das Gefühl hat, er müsse verteidigen, was er und seine Kollegen gemacht haben. Die 50er-Jahre etwa, lange vor seiner Zeit, als man sich noch an sowjetische Therapiemethoden hielt und die Psychoanalyse verteufelte. Er holt ein Buch aus dem Schrank: "Die Psychoanalyse ist eine antihumanistische, barbarische Ideologie, denn sie macht die tierischen Triebe zur Grundlage der menschlichen Psychologie ...", zitiert er Robert Havemann, den großen Dissidenten und Freund von Jürgen Fuchs. 1951 war das. Es sei eben die Zeit gewesen, nicht nur die DDR-Regierung, die die Psychoanalyse ablehnte. Doch die Zeit wandelte sich, nur die DDR blieb lange bei ihrer Ablehnung. Wenn auch später inoffiziell vieles möglich war.

Das Gros psychologischer Behandlung fand in den Psychiatrien der Kliniken statt. Psychische Erkrankungen wurden vor allem als medizinisch-organisches Problem gesehen. Seidler erlebte in seiner Facharztausbildung in Sachsen Ende der 60er-Jahre noch eine Psychiatrie mit Gitterfenstern. Sie glich eher einer Verwahr- denn einer Heilanstalt. "Man sah Schreckliches." Doch das war in Deutschland-West damals auch nicht anders.

Anfang der 70er-Jahre änderte sich vieles. In Leipzig wurde die erste sozialpsychiatrische Abteilung der DDR eingerichtet. Das Wegsperren von Patienten hörte auf. Auch auf Seidlers Ausbildungsklinik strahlte das ab. Vorreiter in der Psychotherapie war die Poliklinik "Haus der Gesundheit" (HdG) am Berliner Alexanderplatz. Deren Leiter Kurt Höck entwickelte die "Intendierte dynamische Gruppenpsychotherapie", eine Form der Therapie, die, mehr oder weniger geduldet, psychoanalytische Elemente enthielt. Christoph Seidler bekam dort 1975 eine Stelle und wurde zum Psychotherapeuten ausgebildet.

Eine Parteimitgliedschaft war für ihn nie Thema. Nur einmal, 1985, riet man ihm, darüber nachzudenken. Damals wurde sein Chef Kurt Höck 65 Jahre alt. Höck selbst war nie in der Partei - dazu hätte man ihn aufgrund seiner Reputation niemals drängen können. Seidler war im Gespräch für seine Nachfolge, wollte aber nicht in die Partei. Als Höck zwei Jahre später tatsächlich ging, bekam Seidler den Posten - eine SED-Mitgliedschaft war dank Gorbatschows Glasnost keine Voraussetzung mehr.

So kam es, dass Christoph Seidler die Öffnung der Mauer am 9. November 1989 fast verschlafen hätte. Als Chefarzt des Instituts für Psychotherapie und Neurosenforschung des HdG durfte er an einer Tagung in Gießen teilnehmen. Nachts weckte ihn ein Kollege aus Halle: "Du pennst hier, während die Mauer aufgeht!" Er setzte sich sofort in den Zug Richtung Berlin. Kurz stieg die Angst in ihm hoch, ob seine Kinder, damals 17 und 19 Jahre alt, zu Hause oder schon im Westen seien. Doch sie waren zu Hause in Weißensee. Später fragte er sich: Wer würde noch im Osten bleiben? Bereits im September war eine Kollegin von einem Besuch in Hamburg nicht zurückgekehrt.

Die Zeit nach dem Mauerfall erlebte Seidler als eine Phase der Euphorie. Es entstanden Kontakte zu vielen Berliner Instituten für Psychotherapie. Er schloss Freundschaften, schmiedete Pläne. Mit anderen gründete er einen Verein zur Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Therapeuten, die Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie. Seidler und seine Kollegen träumten davon, endlich alles machen zu können: Ausbildungen in Psychoanalyse, Körper-, Familien- und Gruppentherapien. "Wir waren wie Pubertierende", erinnert er sich. "An einem Tag traute man sich alles zu, am nächsten nichts mehr." Bis ihnen dämmerte, dass es auch im geeinten Berlin sinnvoll war, sich auf Schwerpunkte zu konzentrieren. Er denkt gern zurück an diese Zeit.

Doch er machte auch bittere Erfahrungen: Im März 1990 kam der Verdacht auf, Ost-Berliner Kollegen hätten der Stasi zugearbeitet. Eine Stimmung des Misstrauens setzte ein - auch im HdG. Geschockt war er, als er von der Leiterin der HdG-Klinik in Hirschgarten, mit der er befreundet war, erfuhr, dass sie für die Stasi gespitzelt hatte. Wochenlang hatte er sich für eine Fortführung der Kooperation zwischen dem HdG und ihrer Klinik eingesetzt. Sie hätte viele Gelegenheiten gehabt, doch sie gestand ihm ihre IM-Tätigkeit erst danach.

Vor allem entsetzte ihn, dass sie nicht nur Kollegen bespitzelt ("Das war eine Sauerei"), sondern auch Patientenakten an die Stasi gegeben hatte ("Das war ein Verbrechen"). "Zu DDR-Zeiten haben wir bewusst nichts Politisches in Patientenakten geschrieben. Dass die Stasi aber gerade an den intimen Details für die Zersetzungsmaßnahmen interessiert war, ahnten wir nicht", sagt Christoph Seidler. Er ließ daraufhin alle Mitarbeiter des HdG überprüfen - zwei weitere Kollegen wurden enttarnt. Für alle blieb die Stasi-Spitzelei ohne Folgen, was er bis heute nicht versteht.

Traumata werden über Generationen weitergegeben

1991 wurde die Klinik- und Forschungsabteilung des Instituts geschlossen. Christoph Seidler baute mit Kollegen das Aus- und Weiterbildungsprogramm der Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie aus und zog 1996 ins frühere Hotel "Newa". Er wurde ihr erster Vorsitzender, richtete bald auch seine eigene Praxis in dem Gebäude ein. Immer mehr begann er, sich mit Traumata zu beschäftigen. Viele seiner Patienten mit Trauma-Symptomen hatten Eltern, die Kriegskinder waren. Doch über deren Kriegserlebnisse wussten sie nichts, hatten nur ihre emotionale Unfähigkeit und ihr Schweigen erlebt. Das war im Osten genauso wie im Westen. Doch im Osten war die Tabuisierung etwa der Vergewaltigungen von Frauen oder der Vertreibung noch viel größer. Nicht nur die persönliche Scham, auch die deutsch-sowjetische Freundschaft verbot es, darüber zu reden. "Mit der Wende fiel dieses Tabu - in ganz Deutschland. So, als endete die Nachkriegszeit erst jetzt richtig", sagt Christoph Seidler.

Er hat all das auch an sich selbst erfahren. Nach dem Tod seiner Mutter 2000 fand er Briefe, in denen sie ihre Trauer über den Verlust des Vaters, der Heimat und die unmenschliche Flucht festhielt. Sie lösten auch in ihm lange unterdrückte Trauer auf. Seitdem beschäftigt er sich mit Traumatisierungen, die über Generationen weitergegeben werden. Zusammen mit Michael Froese brachte er ein Buch dazu heraus ("Traumatisierungen in [Ost-]Deutschland"). "Trauer ist zur Verarbeitung wichtig, aber sehr schwer zuzulassen", sagt er. Bezeichnungen wie "Jammer-Ossi" ärgern ihn. Schließlich hätten viele im Osten auch vieles verloren: nicht nur Arbeitsplätze, auch Selbstbewusstsein und manche, die vom System Überzeugten, gar ihren Glauben an die Ziele im Leben.

Opfer dieser Nachwendezeit waren zudem Kinder und Jugendliche, wie Christoph Seidler in den letzten Jahren beobachtet. Die heute 30-Jährigen, die zu ihm kommen, erlebten überforderte und mit sich selbst beschäftigte Eltern und blieben selbst verunsichert und überfordert zurück. "Emotional waren sie quasi obdachlos", sagt er. Die Folgen: Sie leiden unter Verlustängsten, sind orientierungslos und beziehungsunfähig.

Unterschiede zu seinen Westpatienten sieht Christoph Seidler hier deutlich. Es werde wohl noch eine Weile dauern, bis diese vollends verschwinden, ist er sich sicher. Er hofft, dass 20 Jahre nach dem Fall der Mauer endlich auch eine gesellschaftliche Aufarbeitung dieser jüngsten deutschen Geschichte einsetzt. Klaus Behnke würde ihm da zustimmen. Er ist überzeugt, dass die Unterschiede zwischen Ost und West so lange dauern werden, wie die DDR bestand. Also noch weitere 20 Jahre.

Zum Abschied nach dem kurzen Fototermin schütteln sich beide herzlich die Hände. Gerade noch haben sie über eine gemeinsame Kollegin gesprochen, eine Freundin von Klaus Behnke, die im Osten geblieben war. Er sollte Christoph Seidler von ihr grüßen. Für einen Moment sieht es so aus, als hätten die beiden sich noch viel zu erzählen. Doch sie müssen zurück - jeder in seine Praxis im geeinten Berlin.

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Die große Serie zum Mauerfall im Internet: www.morgenpost.de/mauerfall Die große 3-D-Grafik zum Mauerfall: www.morgenpost.de/die-mauer