Designerkunst

Experimentelles Gesamtkunstwerk

War es Zufall, Glück oder einfach nur eine günstige Fügung? Als Katja Kleiss und Pascal Johanssen Ende 2009 an der Spree entlangflanierten, entdeckten sie das Haus, nach dem sie lange gesucht hatten.

Einen Ort, der es den beiden Galeristen ermöglichen sollte, einen Showroom für modernes, angewandtes Design einzurichten, der die Besucher beim Betreten inspirieren und faszinieren würde, ein Ort des Guckens, Staunens und Verweilens, der ohne die übliche Galeriengeschäftigkeit auskommt.

Katja Kleiss und Pascal Johanssen standen vor einem leer stehenden Verwaltungsgebäude aus den 30er-Jahren, das perfekt schien für all das, mit großen Räumen, langen Fluren und einem opulent mit Holz ausgestatteten Treppenhaus, das Herrschaftliches ausstrahlt. Einst hatte das Gebäude die Direktoren der Staatlichen Münze beherbergt, nach dem Mauerfall stand es 17 Jahre leer. Kleiss und Johanssen, die zuvor bereits eine Galerie in der Gormannstraße in Mitte betrieben hatten, entschieden sich, das Haus anzumieten, um dort die moderne Version einer Wunderkammer einzurichten, die Menschen anders als im üblichen Galerienbetrieb an Kunst heranführt, sie zum Verweilen und Gucken verführt, in entspannter Atmosphäre, ohne Verkaufsgespräche im Hinterkopf zu haben. Kleiss und Johanssen inszenierten dafür Maskenbälle und Dinner, inmitten der Kunst, neben verspielt und kunterbunt bestückten Vitrinen. Ausreichend Platz dafür bietet das Haus. "Es war, als ginge ein Traum in Erfüllung", resümiert Johanssen.

Ein Name für den Ort war schnell gefunden. In Anlehnung an seine einstige Nutzung nannten Kleiss und Johanssen das Gebäude fortan "Direktorenhaus". In ihm sollen "Künstlerdesigner" auch experimentieren können und Kunst und Handwerk eine gemeinsame Präsentationsplattform bekommen. Ohne die herkömmlichen Mechanismen des Inszenierens von Kunst und Design. Im Direktorenhaus wollten Kleiss und Johanssen "mit den konventionellen Erwartungen" an Show- und Präsentationsstandards von Design und Kunst brechen und "Räume mit Überraschungseffekten" einrichten. Es ist ihnen gelungen.

Kabinette des Staunens

In dem 1300 Quadratmeter großen Haus sind Kabinette des Staunens entstanden, kleine Wunderzimmer, in denen Minirotoren aus collageartigen Tapeten herausstaken und künstliche Pfauen auf verdrechselten Holzstümpfen sitzen. Räume, die bestückt sind mit seltenen "Neocraft"-Designerstücken, die man nicht nur anschauen, sondern auch erwerben kann. Nur dass im Direktorenhaus niemand und nichts zum Kaufen auffordert. Der Eintritt ist frei, und an keinem der ausgestellten Designerobjekte hängt ein Preisschild, lediglich ein Schild mit dem Namen des Künstlers und dessen Herkunft.

Johanssen und Kleiss wollten für desorientiertes Publikum eine "neue Form des Zugangs" schaffen, und dazu gehört auch der Kontakt zu den im Direktorenhaus gezeigten Künstlern. Am 5. November wird deshalb in dem Haus ein kleines "Rotlichtviertel" eingerichtet. In eigens eingerichteten Kabinen sollen Besucher gegen Zahlung eines symbolischen Entgelts "in einer intimen Situation Gesprächskontakt" zu den Künstlern herstellen. Eine Mini-Kunstpeepshow der humoristischen Art, die eine "exotische und erotische" Atmosphäre vermitteln soll.

Bereits seit dem 23. September ist in dem Haus die Ausstellung "By, With and Of" zu sehen. Sie zeigt die Arbeiten von zwei jungen Stars der Textilkunstszene: Peter Nencini (London) und Elisa Strozyk (Berlin). Strozyk spielt mit Oberflächen. Sie zeigt Holzobjekte mit textilen Eigenschaften. In einem Zimmer etwa steht eine Kiste, über der eine Decke liegt. Man wähnt sie aus Stoff, doch sie besteht aus hauchdünnen Holzelementen. Der Berliner Roman Bittner und der Mailänder Lorenzo Petrantoni thematisieren dagegen das Wandornament: Mit Tapeten und Wandfräsungen tauchen sie die ehemaligen Vorzimmerdamenbüros der Direktoren in ein Meer aus Bildern und Mustern.

Mit dem Direktorenhaus wollten die Initiatoren ein international anerkanntes öffentliches Kunst- und Ausstellungshaus für Design einrichten. Das gebe es in Berlin in dieser Form bisher nämlich nicht. Das Internationale Designzentrum und das Bauhausarchiv seien museal und sehr theoretisch ausgerichtet, das Direktorenhaus biete jedoch einen Ort für Experimente und Künstlerperformances.

Dass Kleiss und Johanssen einiges auf die Beine stellen können, haben sie auch schon zuvor gezeigt. Neben dem Betrieb ihrer Galerie in der Gormannstraße gründeten sie 2006 eine Messe für zeitgenössische Grafiker, die Illustrative. Sie entwickelt sich zu einem der angesagtesten Foren für Illustratoren und Grafiker. Neben Berlin fand die Illustrative auch in Zürich und Paris statt. Seit 2009 geben Kleiss und Johanssen auch ein Magazin für Design heraus, das "Objects". Zumindest bei Johanssen war zu Beginn seiner Ausbildung nicht klar, dass er einmal ein solches Haus begründen würde. Der Berliner studierte Jura und fand erst später über eine Kuratorentätigkeit in die Branche. Die aus Rostock stammende Kleiss dagegen hatte einen kleinen Startvorteil. Sie hatte Kulturwissenschaften studiert. Sie verstanden es, ihre Kenntnisse gut in das gemeinsame Geschäft einzubringen.

Die Adresse des Hauses, Am Krögel, ist wohl nur noch wenigen Berlinern bekannt: eine unscheinbare Stichstraße. Einst lag dort ein kleiner, krummer Stichkanal, eine Ausbuchtung der Spree, die später zugeschüttet wurde. Am Krögel war Berlin im Mittelalter am dunkelsten, mit kleinen Katen, Hutzelbuden und verschatteten Gassen. Heute ist die Straße hell und licht, dennoch verirren sich viele Menschen nur zufällig dorthin. Das fehlende Bindeglied des Quartiers Richtung Molkenmarkt, das Klosterviertel, fehlt. Es wurde nach 1945 geschleift und soll erst in einigen Jahren wiederaufgebaut werden.

Dass das Direktorenhaus nun zu einem Ort für Design werden konnte, war kaum absehbar. Jahrelang war dort nichts investiert worden. Schichten alten Linoleums wölbten sich über dem Holzparkett, das Kleiss und Johanssen mit Freunden und Helfern in wochenlanger Renovierungsarbeit freilegten. Wände wurden von hässlichen Tapeten befreit und verspachtelt. Die alte Heizung würden sie gern durch ein Blockheizkraftwerk ersetzen. Eine Investition, die sich nur lohnt, wenn man lange in dem Gebäude bleiben kann. Doch der Liegenschaftsfonds Berlin, dem die Immobilie gehört, will sie wie auch das Nachbargebäude der Alten Münze verkaufen. Wann, ist ungewiss, wie auch die spätere Nutzung. Zwar habe sich die Kultur an dem Standort etabliert, aber einen Ausschluss anderweitiger Nutzungen gebe es nicht. Dennoch hoffen Kleiss und Johanssen, dass sie das Haus noch länger werden nutzen dürfen. "Es wäre schön", sagt Pascal Johanssen und zwinkert dabei.