Dann beginnt der Refrain zum "Klassentreffen", den Wenzels Publikum mit den Lippen mitsingt. Er klingt ein bisschen wie eine Polka, die immer schneller und lauter wird, bis der Liedermacher das letzte Wort ganz laut hinausschreit:
Und alle sahen's ein bei dieser Feier / Wir werden immer schöner, immer freier / Und so wie Dick und Doof zusammen passen / So passen wir zu unseren Brüdern und Schwestern / Und darum Freunde, hoch die Tassen! / Vielleicht wird uns dereinst verziehn / Wir stammen aus dem Unrechts-, dem Unrechts-, dem Unrechtsregime!
Der 53-jährige Hans-Eckardt Wenzel ist pünktlich, seine Managerin hat Flyer für seinen Film dabei: "Letztes aus der DaDaEr", den er damals zusammen mit seinem Freund und Kollegen Steffen Mensching gedreht hat. Das Duo Wenzel und Mensching kannte in der DDR jeder. Heute tritt er meist allein oder mit seiner Band auf - immer in Alltagskleidung, wie den blau gestreiften Pullover, den er auch bei dem Treffen mit Reinhard Mey trägt.
Seine langen Haare liegen wild und ungekämmt durcheinander, als käme er gerade aus einem Konzert und hätte mehrmals laut "Unrechtsregime!" gerufen. Schon als Neunjähriger kämpfte er dafür, so aussehen zu dürfen, wie er will, erzählt er später. Aber Gedanken um Mode hat er sich nie gemacht. Als Wenzel in den 70er-Jahren aus Wittenberg nach Ost-Berlin zog, ging es um andere Dinge. "Schiller hat sich auch nicht umfrisieren lassen, nur weil es gerade Mode war." Haare seien nicht wichtig. "Man ist, wie man ist."
Wenzel und Mey kennen sich seit 15 Jahren
Als Reinhard Mey kommt, hat der seine typische Lederjacke über die Schulter gehängt, dadurch wirkt es, als könne er seinen Arm nicht bewegen. Ein Kriegsveteran auf Heimaturlaub. Auch bei ihm gilt, dass er seit Jahrzehnten mit ähnlichem Äußeren auftritt: Nickelbrille, Dreitagebart, Kurzhaarfrisur. Die grauen Schläfen sind die einzigen Merkmale seines Alters, aber wie ein 66-Jähriger sieht er nicht aus. "Ich bin eitel, wie alle Menschen auch", sagt er, "aber nicht, was äußerliche Dinge betrifft." Er wolle, dass seine Musik gut klinge, zeigt auf Wenzel und ergänzt. "Es gibt so viele Leute, die schön aussehen - in deren Konkurrenz wollen wir nicht treten."
Da war es, das erste "Wir". Es wird häufig auftauchen während des Gesprächs im Café in der Nähe des Brandenburger Tors.
Auf dem Tisch liegen "Chokis" und M&Ms. Zwei Geschenke für zwei Liedermacher. Wer nimmt welche Süßigkeit? Reinhard Mey greift sofort zu - von "Chokis" hatte er nie gehört. Es ist eine kleine blaue Packung mit dem gestiefelten Kater darauf. Auf jedem der Schokodrops ist eine Tierfigur gedruckt: Uhu, Hase, Hund, Igel, Katze und Eichhörnchen. Zu kaufen gibt es sie in Berlin zum Beispiel bei "Ostkost" in Prenzlauer Berg. Oder beim Ostalgie-Versand im Internet. Für Mey die erste von vielen Gelegenheiten, seine Frau Hella zu erwähnen. "Hella kauft auch immer Bautzner Senf", sagt er und fügt an, dass er es schlimm finde, dass er viele gute Produkte aus dem Osten nicht überall bekommen könne.
Hans Eckhardt Wenzel nimmt sich still lächelnd die M&Ms, Schokolinsen in Rot, Orange, Gelb, Braun, Grün und seit einigen Jahren auch Blau. Er macht ein Gesicht, als ob er diesen Mitbringsel-Test ein wenig zu durchsichtig findet: Der Wessi mit dem Ostprodukt in der Hand, der Ossi mit dem Markenprodukt. Was fürs Foto eben. Reinhard Mey fällt immerhin ein Vorteil der kleinen bunten West-Linsen ein: Sie schmelzen nicht so leicht. Da die Sonne an diesem letzten Spätsommertag stark scheint, packt Mey die Chokis in einen Jutebeutel mit "Berlin"-Logo. "Schöne Tasche", sagt er. "Hat mir Hella mitgegeben."
Hans-Eckardt Wenzel und Reinhard Mey haben einander ein paar Monate nicht gesehen. Sie arbeiten viel, jeder an seiner Musik. Sie kennen sich seit rund 15 Jahren, haben sich immer wieder getroffen, meist bei der Verleihung des Deutschen Liederpreises - den Wenzel erst gerade im vergangenen Jahr wieder gewann. Doch bei solchen Gelegenheiten ist selten Zeit für lange Gespräche. Manchmal besuchen sie einander die Konzerte, schauen, was der andere so macht.
Im Café umarmen sie sich, wie nur befreundete Männer das tun können, mit hartem Schulterklopfen. Von Konkurrenz will keiner der beiden sprechen. "Menschen, die Reinhard Mey hören", sagt Reinhard Mey, "die hören auch Hans-Eckardt Wenzel." Liedermacher hätten es allgemein schwer, fügt Wenzel an. "Wir", sagt er, "sind die Überlebenden in einer Medienkultur, die für so etwas wie uns gar keinen Platz mehr hat." Liedermacher seien die letzten Mohikaner, die Dinosaurier der deutschen Musikgeschichte. Das heißt nicht, dass sie kein Publikum mehr haben. "Wir füllen noch immer die Säle", sagt Reinhard Mey, "aber es läuft eben nebenbei, die Öffentlichkeit bekommt das oft nicht mit."
In der Tat sind Liedermacher eine sehr eigene Zunft. Schnell werden sie in Deutschland in die Ecke der Volksmusik gesteckt, zu Drafi Deutscher, Andrea Berg oder Marianne Rosenberg. Doch davon wollen sich Liedermacher lieber abgrenzen, sehen sich eher als Poeten, Rebellen, Stimme des kleinen Mannes. Wohl deshalb hat Reinhard Mey im Jahr 1999 eine Nominierung für den Echo in der Rubrik "Schlager" ausgeschlagen. Wenzel hätte das auch getan, wie jeder deutsche Liedermacher. Er bringt die Abgrenzung zur Volksmusik auf den Punkt: "Wir haben die intelligenteren Zuhörer."
Reinhard Mey lässt diese Behauptung lieber unkommentiert, widerspricht seinem Kollegen aber nicht. Er bleibt der Typ für leisere Töne, etwas, das auch in seinen Liedern hörbar ist. Der gebürtige Wilmersdorfer war in jungen Jahren kein Rebell. Er machte sein Abitur am französischen Gymnasium in Berlin, es folgten eine Ausbildung bei Schering und das Studium der Betriebswirtschaftslehre. Der Erfolg an der Gitarre kam dieser Karriere dazwischen. Auch die begann mit leisen Tönen, auch wenn er protestierte, prangerte er nichts an, sondern äußerte eher zurückhaltend einen Wunsch in einem Lied 1982: Ich würde gern einmal in Dresden singen / in Jena, Leipzig, Rostock und Schwerin / und hören, dass die Lieder hier wie drüben klingen / in einem wie im andern Frankfurt, im einen wie im anderen Berlin.
Wenzel musste die Texte vorsichtiger formulieren
Hans-Eckardt Wenzel wollte nie im Westen singen. Aber er wollte die Musik von dort hören. Hören dürfen. Doch Reinhard Meys Platten konnte Wenzel nicht in Ost-Berliner Musikläden kaufen. "Aber wer nur ein bisschen clever war, kam an jedes Lied aus dem Westen heran", sagt er heute. Mey wurde für Wenzel zur Anregung, mehr Musik zu machen. Dabei ging es nicht nur darum, an welcher Stelle er den D-Moll- oder G7-Akkord an der Gitarre angeschlug - die ganze Art der Musik habe ihn persönlich geprägt und zum Singen weiter animiert. Heute sagt Wenzel: "Reinhard Mey hat das deutsche Lied stark beeinflusst - vor allem mit seinen stark romantischen Einflüssen."
Allerdings musste er mit seinen Texten vorsichtig sein, wie viele Künstler im Osten gewöhnte er sich das "Zwischen-den-Zeilen" an. Wenzel musste die Texte vorsichtiger formulieren - auch um der Zensur zu entgehen. Über die Berliner Mauer dichtete noch vor ihrem Fall: Mitten durch die Stadt Berlin / Sieht man etwas lang sich ziehn / (...) Nicht aus Stahl und Pappmachee / Nein aus Wasser ist die Spree. So schaffte er es zusammen mit Mensching, über die Mauer zu schreiben, ohne das Wort zu benennen.
Als Reinhardt Mey das hört, muss er laut lachen. "Bei solchen Texten haben wir in West-Berlin vor den Lautsprechern gesessen und die Köpfe geschüttelt", sagt er. "Wir haben uns immer gefragt: Was meinen die da drüben eigentlich?" Vieles blieb eben doch fremd, muss Mey eingestehen. Das wurde nach Wolf Biermanns Ausbürgerung im Jahre 1976 nicht anders. Der ost-deutsche Liedermacher durfte nicht mehr zurück in sein Land, weil er dessen Politik in seinen Liedern kritisierte. Für Wenzel darf es aber beim Liedermachen nicht nur ums Politische gehen. Er zitiert Hanns Eisler, der dazu einmal meinte: "Überpolitisierung in der Kunst führt zur Barbarei in der Ästhetik." Doch ganz gleich, was man von Biermanns Kunst hielt, für Liedermacher in beiden Teilen des Landes war die Biermann-Ausbürgerung ein besonderes Signal. Ein Ereignis, das bei beiden ähnlich starke Gefühle auslöst, ist der 9. November 1989.
Das ist Reinhard Meys Stichwort. Für einen Augenblick wird dieser Tisch im Café zu seiner Bühne, die Zuhörer sein Publikum. Und wirklich: Sein Wende-Erlebnis klingt eher wie ein Wende-Märchen. Geschrieben für die Theaterbühne:
"Wir sind am 8. November nach Dresden gefahren, weil ich für die DDR-Sendung 'Showkolade' eingeladen war. Ausgerechnet Dresden! Für mich ging ein Stück Lebenstraum in Erfüllung. Am 11. November sollten die Aufzeichnungen in der Semperoper sein. Hella war mitgekommen und wir wohnten im schönen Hotel Bellevue an der Elbe. Moderator Gunther Emmerlich sagte bei den Proben noch, dass ich "Über den Wolken" nicht singen darf. Mit der "grenzenlosen Freiheit" im Lied hätten Funktionäre ein Problem. Am 9. November dann kam die Leute der Redaktion in unser Hotel und baten, ob sie von unserem Zimmer aus in den Westen telefonieren können, das ginge nur von dort. Ein Künstler war abgesprungen und sie hatten keine West-Kontakte. Schon bevor die Mauer fiel, war das ein aufregender Tag."
Reinhardt Mey erzählt ausschweifend, erwähnt viele Hintergründe, wird aber nie uninteressant. Irgendwann unterbricht er sich: "Red' ich zu viel?" Er hat gemerkt, dass die anderen am Tisch sehr ruhig geworden sind. Wenzel sieht aus, als kenne er die Geschichte schon. Oder ist seine Einstellung zur Wende eine andere? Reinhard Mey fährt fort:
"Am Abend kam dann die Nachricht, dass jetzt die Mauern offen seien, es war einfach sagenhaft! Wir saßen zusammen, schauten Nachrichten, blickten aus dem Fenster auf die Elbe und ich rief zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben: Sekt für alle! Es gab nur diese eine Marke, Fürst Wackerbart. Dann kamen Gunther, seine Frau und das ganze Team des MDR... ach, das hieß damals ja noch anders. Das Team des DDR-Fernsehens eben. Mein einziges Bedauern galt der Tatsache, dass ich auch gern in Berlin gewesen wäre an diesem wichtigen Tag. Zwei Tage später, am 11. November, war dann die Aufzeichnung und es war klar: Ich würde auch 'Über den Wolken' singen."
Reinhard Meys 9. November klingt wie ein Wende-Märchen
Die Geschichte ging dann noch weiter: Der Stau auf dem Rückweg, ein Grenzpolizist, der lächelt - hatte man je einen Gerpo lächeln sehen? - und dafür die Blumen bekommt, die Reinhard Mey in der Semperoper bekommen hatte ("Hella, gib doch bitte die Blumen vom Rücksitz!"). Und schließlich die Kinder, die ganz aufgeregt schon am Tor des Vorgartens seiner Eltern rufen: "Die ganze Stadt ist blau!" Sie meinten die Luft in West-Berlin, die wegen der Trabanten so blau war.
Hans-Eckardt Wenzel lässt vielleicht vier oder fünf Sekunden verstreichen. Dann räuspert er sich und sagt: "Bei mir war das ein klein wenig anders." Er kratzt sich verlegen am Ohr. "Einen Grund zu feiern gab es jedenfalls nicht." Jetzt wird langsam klar, warum Wenzel trotzig "Unrechtsregime!" in sein Publikum brüllt. In ein Publikum, das mitsingt. Hier jedoch, im Ost-West-Gespräch singt niemand mit, wenn er sagt: "Was gab es denn zu feiern?" Für ihn war der Mauerfall ein "Staatsstreich", eine Möglichkeit für Funktionäre der DDR, sich ihrer Pflicht zu entziehen. "So schön der Moment war", sagt er, "sie hätten gar nicht anders gekonnt zu diesem Zeitpunkt!"
Dann beginnt er, zu erzählen: von seiner Verhaftung für eine Nacht im Oktober 1989, von Auftrittsverbot und den Schikanen - aber auch von der Aufbruchsstimmung im Land. Dem Gefühl, dass jetzt vielleicht doch mehr Freiheit möglich sein könnte. Wie lange hatte er daran gezweifelt, war beinahe "daran verzweifelt", sagt er. Das Angebot der Regierung, das Land zu verlassen, schlug er aus. Zweimal ging er vor der Wende als Krankenwagenfahrer nach Nicaragua. Dort sah er, was Leben in Armut bedeutet. "Wir waren nicht arm!", ruft er und wird lauter. Jetzt ist er es, der sich in Rage redet. Reinhard Mey hört zu.
"Klar war das toll, am Alexanderplatz vor fast einer Million Menschen zu spielen. Ich hatte in Dresden gespielt, als der Bahnhof gebrannt hat. Natürlich fand ich es toll, dass der Volkspolizist am Checkpoint Charlie nur zwei Tage nach der Wende zu uns abends sagte: 'Fahrt bloß nich über den Kudamm, wa, der is dichte.' Der kannte sich komplett aus im Westen - verrückt! Und es war super, nach der Wende von Joe Cocker zum Konzert eingeladen zu werden. Klar hat die Wende viele begeistert. Aber es gab an diesem Abend auch all die Ostdeutschen, die 'Wahnsinn, Wahnsinn' riefen. Das war mir peinlich. Peinlich! Wir haben doch nicht in Armut gelebt! Und dann liefen sie alle mit ihren vollen Tüten von Aldi rum und freuten sich wie die Kinder. Worüber denn? Ein Staat war zusammen gebrochen!"
Im Anschluss entspinnt sich ein Gespräch über die Folgen des Mauerfalls. Welche Hoffnungen beide Seiten, also "wir", hatten, welche Fehler gemacht wurden. Und vor allem über den Bruch in der Biografie. Reinhard Mey nennt es: "Wenn das Lebensschiff aus dem Ruder läuft." Hans-Eckardt Wenzel war einer von ihnen. "Ich habe nach der Wende im Westen noch mal neu anfangen müssen, mein Publikum war im Osten geblieben." Er trat in Bielefeld in einem Saal mit 600 Sitzen vor sechs Leuten auf. "Ich habe das aber als Chance gesehen, noch einmal alles neu an mir zu prüfen und zu definieren." Vielen Kollegen allerdings blieben die Zuhörer weg. Auch der Texte wegen. Das Lied "Klassentreffen" zum Beispiel schrieb Wenzel im Jahr 1990. Aber die Zuhörer wollten so was damals nicht hören. "Die Ostalgiker sahen die DDR zu schlecht, die Westalgiker sahen die Einheit zu skeptisch", sagt er. "Das Lied hat einfach damals noch nicht funktioniert." Erst sechs Jahre später traf er mit "Wir stammen aus dem Unrechtsregime!" einen Zeitgeist. 2001 gewann er dafür den Liederpreis.
Reinhard Mey mochten auch Hörer im Osten. Beim Mauerfall war er 46 Jahre alt, seit einem Vierteljahrhundert Liedermacher in Deutschland. In beiden Teilen sangen die Menschen "Annabelle, ach Annabelle / du bist so herrlich intellektuell". Doch seit Beginn seiner Karriere gab es die Kritiker, die ihm vorwarfen, nie klar genug politisch Stellung zu beziehen. Mey überlegte eine Zeit lang, einen Neuanfang in Frankreich zu wagen, dort wo ein Liedermacher "Chansonnier" heißt. Bei Null hätte er nicht beginnen müssen, er sang schon immer auf Französisch. "Ich weiß trotzdem nicht, ob ich noch einmal diese Energie gehabt hätte." Die Energie für seine leise Form des Protests aber entwickelte er immer wieder. Mitte der 90er Jahre weigerte er sich, einen Text, den er im Bayerischen Rundfunk singen wollte, zu ändern - und verlor seinen Job beim Sender. Der verbotene Vers war: "Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: / Halt du sie dumm, - ich halt' sie arm!"
"Im Prenzlauer Berg ist zu viel Reichtum", sagt Wenzel
Überhaupt: Die turbulente Nachwende-Zeit. "Weißt du noch", sagt Mey, "als wir damals bei Antje Vollmers Geburtstagsfest waren - da hast du einfach eine Gitarre in die Hand genommen und laut angefangen zu singen." Richtig aus Wenzel herausgebrochen sei es da, erinnert sich Mey. Für ihn sei das nichts. Nur das "Zwischen den Zeilen" sei in den letzten zwanzig Jahren verloren gegangen. Genauso wie viele Unterschiede in Berlin. Mey war oft im Osten und schaute sich Gebäude an. "Da ist noch viel Arbeit", dachte er damals.
Heute ist aus dem Prenzlauer Berg, in dem Wenzel noch immer wohnt, ein anderer Stadtteil geworden. "Dort wohnen reiche Kinder, die von ihren Eltern Wohnungen geschenkt bekommen haben und unfreundlich sind", sagt Wenzel. "Es ist zuviel Reichtum in der Gegend." Wie so vieles hat Wenzel daraus ein Lied gemacht:
In meiner Stadt sind jetzt die Barbaren zuhause / lässig treiben sie ihre Körper lieblos durch alte Straßen / Sie riechen nach exquisitem Parfum und verstecken ihr Geld / das sie von ihren alten Eltern unschuldig zugeteilt bekamen / ordentlich erbeutete Millionen.
Und Reinhard Mey? Er bringt noch pünktlich jedes zweite Jahr eine CD heraus, betreut seine zurückhaltend designte Internetseite mit großer Sorgfalt selbst - und wenn er zu weit in den unbekannten Ostteil der Stadt fährt, schaltet er sein Navigationsgerät im Auto ein. Zudem hat er über die Jahre noch mehr Selbstironie entwickelt - zeigte auf seiner letzten Deutschlandtour "Danke, liebe gute Fee", dass er auch selbstironisch sein kann: Er beschreibt Männer, die am Wochenende gern zu Praktiker, Bauhaus oder Obi gehen. Die Zuschauer lachen - so wie Hella sicher beim Probesingen zu Hause über ihren Mann gelacht hat. Er singt im Refrain: "Männer im Baumarkt / während draußen die Frau parkt"... Außer beim letzten Mal, da beginnt er mit "Männer im Baumarkt..." und ändert dann plötzlich die Melodie:
...muss die Freiheit wohl grenzenlos sein / alle Nägel alle Schrauben, sagt man / man muss nur ganz fest dran glauben und dann / würde was uns klein und wacklig erscheint / riesengroß und bricht ein.
Morgen lesen Sie: UdK-Professorin Grit Seymour und Hutdesignerin Fiona Bennett über Berlin-Mitte und die wilde Nachwendezeit
Die große Serie zum Mauerfall im Internet: www.morgenpost.de/mauerfall
Ich würde gern einmal in Dresden singen, in Jena, Leipzig, Rostock und Schwerin, und hören, dass die Lieder hier wie drüben klingen, in einem wie im andern Frankfurt, im einen wie im anderen Berlin
Reinhard Mey, 1982

