Um 16.30 Uhr schlagen die ersten Flammen aus dem Müggelturm. Ohne zu zögern, fressen sie sich von der Aussichtsplattform durch die trockene Holzverkleidung nach oben zur Turmspitze und mit der gleichen Intensität nach unten. Dort ruhen sich an diesem Montag, dem 19. Mai 1958, einige Ausflügler aus, die die Müggelberge hinaufgestiegen sind. Sie trinken etwas zur Erfrischung in der HO-Gaststätte oder genießen den Blick in die Landschaft. Vom Unheil über ihren Köpfen bekommen sie zunächst nichts mit. Bis ein Besucher nach oben schaut und Alarm schlägt.

"Der Müggelturm brennt", schreit auch der Kapitän eines Dampfers, der etwa zur gleichen Zeit südlich des Höhenzugs auf der Dahme von Schmetterlingshorst nach Grünau unterwegs ist. Die Passagiere stürzen zur Reling. Eine schwarze Rauchwolke hüllt nun den Turm ein. Langsam breitet sie sich über dem Kleinen Müggelberg aus und zieht weiter. Auf den Rauch wird auch Gerd Richter aufmerksam gemacht. Der 18-jährige Handwerker hat bis 18.30 Uhr auf einer Baustelle in Friedrichshagen gearbeitet und ist mit seinem Fahrrad auf dem Weg zum Spreetunnel, der am Ausgang des Müggelsees unter dem Fluss hindurchführt zum Köpenicker Forst. Vor dem Tunnel fallen ihm Passanten auf, die über den See auf die Müggelberge deuten. Als er näher kommt, hört er aufgeregte Rufe: "Der Müggelturm brennt." Und dann sieht er es.

An der Holzkonstruktion, die an eine Pagode erinnert, ist inzwischen die Köpenicker Feuerwehr mit fünf Löschzügen eingetroffen. Keine 15 Minuten sind seit dem Anruf durch den Leiter der Turmgaststätte vergangen - doch das war genügend Zeit für das Feuer, um sich weiter auszubreiten. Als die Feuerwehrleute die ersten Schläuche startklar machen, stürzt die brennende Turmspitze zu Boden. Kurt Kühnert, Diensthabender der Wache, lässt schnell eine Leitung den gesamten Berg hinunter zur Dahme legen. Ihm ist klar, dass der Turm nicht mehr zu retten ist. Längst brennen auch die kleineren Türmchen am Sockel. Doch Kühnert will wenigstens Gaststätte und Wald vor einem Übergreifen des Feuers schützen. Das gelingt.

Vom Turm ist schließlich nicht mehr übrig als verkohlte Balken und ein Stahlgerüst. Das ragt, von der Hitze verbogen, in die Landschaft. Während einige Feuerwehrleute noch immer Wasser auf Balken und Gerüst spritzen, kommt Karl-Heinz Drowski auf seiner roten Jawa angefahren. Bis in den Morgen hinein hatte der freischaffende Fotograf mit einigen Kollegen aus der Fotoredaktion der "Berliner Zeitung" Skat gespielt und kräftig gebechert. Daher ist er wenig erbaut, als die Redaktion am frühen Abend sich bei ihm zu Hause in der Pappelallee in Prenzlauer Berg meldet und ihn nach Köpenick schicken will. "Der Müggelturm brennt, schwing dich auf dein Krad", fordert ihn der Redakteur auf. "Was brennt? Ihr wollt mich wohl verkohlen", fragt Drowski ungläubig zurück und muss über den unfreiwilligen Witz lachen. Er kennt von gelegentlichen Ausflügen die Müggelberge, über die Theodor Fontane in seinen "Wanderungen" schwärmte: "Sie liegen da wie der Rumpf eines fabelhaften Wassertieres." Doch der Redakteur macht offensichtlich keinen Spaß. In den Müggelbergen angekommen, fotografiert der 27-jährige Drowski die gespenstige Szenerie am Turm.

Erste Gerüchte über Brandursache

Am nächsten Morgen, dem 20. Mai, sind seine Aufnahmen in Ost-Berliner Tageszeitungen zu sehen. Die "Berliner Morgenpost" im Westteil der Stadt zeigt dagegen ein leicht unscharfes Foto, das einer der Passagiere auf dem Ausflugsdampfer geschossen hat. Übereinstimmend bedauern die Zeitungen den Verlust des traditionsreichen und beliebten Ausflugsziels im Südosten Berlins, das über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. In Baedekers Reisehandbuch "Berlin und Umgebung" ist der Müggelturm mit einem Sternchen bedacht: dem Zeichen für besonders schöne Aussicht und Bewirtung. Zur Ursache des Brandes erteilen die Zeitungen unterschiedliche Auskünfte. Während "Morgenpost" und "Neues Deutschland" sie als "völlig ungeklärt" bezeichnen, gibt die "Berliner Zeitung" die Aussagen des Köpenicker Stadtbezirksbürgermeisters und des Leiters der HO-Gaststätten Köpenicks wider, Schweißarbeiten am Turm hätten den Brand ausgelöst. Woher diese schnelle Erkenntnis stammt, bleibt unklar. Nach dem Lagebericht, den das Präsidium der Volkspolizei an diesem 20. Mai 1958 über den Brand anfertigt, haben Polizeiinspektoren und die Feuerwehr die Untersuchung erst aufgenommen. Einen Tag später, am 21. Mai, verweist jedoch auch die "Morgenpost" auf die Schweißarbeiten.

Viel Zeit haben sich die Experten mit der Untersuchung offensichtlich nicht genommen. Schon drei Tage nach dem Brand ist das Stahlgerüst beseitigt, und Volkspolizisten haben die verkohlten Überreste des Turms auf zwei Lastkraftwagen geladen und im nahe gelegenen Müggelheim an Rentner verteilt. Angesichts dieser Blitzaktionen kommt das Gerücht auf, irgendetwas stimme mit dem Brand nicht. Er sei möglicherweise vorsätzlich gelegt worden. Der junge Gerd Richter will die Gerüchte nicht glauben. Doch er will es genau wissen. Er ist gut bekannt mit der Familie von Feuerwehreinsatzleiter Kühnert aus der Nachbarschaft. Von ihm erfährt Richter, dass die Feuerwehr von Unachtsamkeit bei Schweißarbeiten ausgeht. Zum Zeitpunkt des Brandes war der Müggelturm bereits seit mehr als einem Jahr baupolizeilich gesperrt, nur die Gaststätte blieb offen. Wind und Wetter hatten den fast 70 Jahre alten Turm mürbe gemacht. Aussichtsplattform, Treppe, Sockel und die Terrassenmauern mussten dringend erneuert werden. Zudem war die Holzverkleidung voller Schädlinge. Um den Turm zu retten, hatte der Magistrat von Groß-Berlin angewiesen, ihn durch ein neues Stahlbetonfundament und ein Stahlfachwerkgerüst zu sichern. Die Handelsorganisation (HO) als Betreiber sollte dafür 600 000 DM zur Verfügung stellen.

Spezialisten hatten bereits Wochen mit dem Einbau des Stahlgerüsts in den Holzturm zugebracht und bei den Schweißarbeiten das Holz mit Wasser berieselt. Kühnert hält es bei kontinuierlicher Berieselung für unwahrscheinlich, dass Schweißfunken zum Brand führten, aber das sei eben nicht auszuschließen. Möglicherweise waren die Arbeiter an jenem Tag unaufmerksam und in Eile wegen des nahenden Pfingstwochenendes, an dem sich der Müggelturm im neuen Gewand zeigen und endlich wieder zugänglich sein sollte. Sicher ist, dass der Brand ausbrach, nachdem die Arbeiter ihre Schweißarbeiten beendet und Feierabend gemacht hatten. Gesamtschaden: 75 000 Mark. An einen "warmen Abriss", um die teuren Sanierungskosten zu sparen, glaubt der Brandexperte nicht. Dazu ist bereits schon zu viel investiert worden. Auch die Kriminalpolizei kommt bei ihrer Untersuchung zu diesem Ergebnis. "Ein Vorsatz konnte nicht nachgewiesen werden", schreibt sie in ihren Bericht.

Die Berliner wollen helfen

Die Brandkatastrophe ist Gesprächsstoff in Berlin - und die Betroffenheit vor allem im Ostteil groß. Bei der "Berliner Zeitung", die am Tag nach dem Brand klagt, das beliebte Ausflugsziel sei unersetzbar, stehen die Telefone nicht still. Wie es nun weitergehen soll, wird gefragt. Ob man je wieder einen Turm bauen wird. Und ob man helfen kann. Das Nationale Aufbauwerk (NAW) und die SED reagieren prompt auf das öffentliche Interesse. Am 21. Mai meldet die "Berliner Zeitung": "Der Müggelturm wird wieder aufgebaut." Im Text ist bereits von "unserem Turm" die Rede, geradezu pathetisch stellt die Zeitung fest: "Die Glut in den Überresten unseres durch Feuer vernichtetes Wahrzeichen schwelte noch, da leiteten die Berliner bereits den Neubau ein." Niemand fordere Vater Staat, der Aufbau sei Sache der Berliner.

Das ist ganz im Sinne des Aufbauwerkes, das die Federführung der Initiative übernimmt. Das NAW ist eine "Masseninitiative" zur freiwilligen, gemeinnützigen und unentgeltlichen Arbeit. Vordergründig geht es darum, den DDR-Bürgern zu suggerieren, sie könnten an der Lösung staatlicher Aufgaben mitwirken. Dabei wird ausgenutzt, dass es eine große Bereitschaft der Bevölkerung zur kollektiven Tat in ihrer Stadt gibt. Zugleich ist das NAW für den Apparat ein Instrument, um auf materielle und finanzielle Engpässe reagieren zu können. Die erste Aktion des Aufbauwerkes 1952 hatte der Beseitigung von Trümmern an der künftigen Stalinallee gegolten. In diesem Mai 1958 soll nun der Wiederaufbau des Müggelturms zum Symbol gemeinschaftlichen Interesses werden. Erste Vorschläge und Spenden seien bereits eingegangen, berichtet die "Berliner Zeitung" am 21. Mai und jubelt: "Das ist das Berliner Tempo." Einige Leser hätten vorgeschlagen, den Neubau am 1. Mai des Folgejahres zu eröffnen.

Einen Tag später hat das Aufbauwerk das Spendenkonto 1/8000, Kennwort: "Für unseren neuen Müggelturm", beim Berliner Stadtkontor eingerichtet. Die Zeitung ruft im Namen des NAW zu einem Ideenwettbewerb auf, die Leser sollen als Preisrichter agieren. Für das Einreichen der Entwürfe für den neuen Turm wird eine Frist von lediglich vier Wochen gesetzt.

Das ist dem Magistrat von Groß-Berlin dann doch zu eilig. Er beauftragt Stadtbaudirektor Erhardt Gißke, Vorschläge für die Neugestaltung des beliebten Ausflugziels zu unterbreiten. Der Stadtbezirk Köpenick wird angehalten, formell einen Architekturwettbewerb für den neuen Müggelturm auszuschreiben. Dieser soll am Montag des 16. Juni 1958 beginnen und am Montag des 28. Juli 1958 enden. Eine Jury aus Fachleuten und staatlichen Vertretern wird berufen.

Das Engagement der Berliner Bürger für einen neuen Müggelturm bleibt davon unberührt. Und sie spenden: ein Pankower 25 Mark, die Friedrichshagener Fleischfabrik 200 Mark, das Glaslampenwerk 350 Mark aus einer Aktion des Betriebsfunk, der für Geld Wunschlieder spielt. Andere Betriebe bieten Arbeitsleistung und Material an. Es wird sogar ein Müggelturm-Schlager komponiert: ein Marsch-Fox, den die Kapelle Heinz Igel auf der Veranstaltung "Conferenciers lassen bitten" vorträgt. Daneben äußern viele Berliner ihre Vorstellungen zum Aussehen des neuen Turms und überraschen mit eigenen Entwürfen - von der einfachen Skizze bis zur filigranen Bauzeichnung. Nahezu alle bevorzugen moderne Varianten, nur wenige sehnen sich nach dem Holzturm zurück. Ein Arbeiter schreibt, er stehe auf dem Standpunkt, der Arbeiter-und-Bauern-Staat müsse etwas Wuchtiges hinsetzen. Auf seiner Zeichnung prangt auf dem Turm eine überdimensionale rote Neonbeleuchtung in Form von Hammer und Sichel - als Wahrzeichen für den Staat und als Warnzeichen für den Flugzeugverkehr zum nahen Flughafen Schönefeld. Ein 13-jähriger Schüler schlägt vor, auf dem Turm eine "Fernsehausstrahlantenne" anzubringen.

Jörg Streitparth hat die Meldungen über den Brand des Müggelturms nur am Rande wahrgenommen. Brände gibt es in Berlin immer wieder. Erst Anfang Mai waren in Tempelhof durch den Funkenflug einer Lokomotive in einem Vorratslager des Senats 16 000 Zentner Kohle in Flammen aufgegangen. Einen Tag später brannte das "Wirtshaus zur Pfaueninsel", auch ein beliebtes Ausflugsziel, ab. Zudem kennt Streitparth, der aus Weimar stammt, den Müggelturm nicht.

Vier Studenten werden neugierig

Ein Ausflug ins Umland interessiert den Architekturstudenten an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Weißensee auch wenig. Dafür hat Berlin zu viel zu bieten: Theater mit verbilligten Tickets für Studenten, Jazzkeller im Westteil der Stadt wie die berühmte "Badewanne" in der Nürnberger Straße. Gerade in den vergangenen Tagen hat es tolle Konzerte mit Benny Goodman und Chris Barber gegeben. So oft es geht, verlässt der 27-Jährige sein Lehrzimmer, das er in Pankow bei einer Familie gemietet hat. Seinem Studienkollegen Klaus Weißhaupt, einem echten Dresdner, geht es ähnlich. In letzter Zeit haben beide jedoch wenig Freizeit, denn sie befinden sich mitten im Diplomarbeitsstress. Streitparth will eine Konzerthalle mit einer modernen Schalenkonstruktion entwerfen und sich im Theorieteil kritisch mit den Planungen zur Bebauung am Bahnhof Zoo auseinandersetzen. Das hat den Vorteil, dass er offiziell nach West-Berlin reisen kann, um mit den dortigen Planungsbüros zu sprechen.

Doch als die "Berliner Zeitung" über den Architekturwettbewerb für den neuen Müggelturm berichtet, werden die Studenten neugierig. Ein Turm dürfte doch nicht schwierig sein, sagen sie sich. Sechs Wochen dauert der Wettbewerb? Das ist doch genügend Zeit, um Skizzen zu machen und ein Modell anzufertigen. Als auch Siegfried Wagner und Lothar Neumann aus ihrer Gruppe mitmachen wollen, beschließen sie: "Kommt, lasst die Diplomarbeit etwas liegen, wir entwerfen den neuen Müggelturm." Die angehenden Architekten begutachten die Landschaft, studieren die Baugeschichte des alten Turms und stoßen auf Fontanes Schilderungen, der 1856 über die Müggelberge an seine Frau schreibt: "Der Montblanc ist nicht absolut schöner als die Müggelberge, er ist nur imposanter und dadurch schöner."

Nach diesen Vorarbeiten beraten die vier Studenten. An den alten Turm soll der neue auf keinen Fall erinnern. "Lasst uns etwas Ausgefallenes machen", sagt Klaus Weißhaupt. Tatsächlich fällt ihr Entwurf auf. Der Turm aus Stahlbeton ist oval und in seiner Längsachse zum Müggelsee sowie zur Grünauer Regattastrecke ausgerichtet. Zusammen mit den acht offenen Balkonen auf jeder Seite ergibt das einen plastischen Eindruck. Der Turm erhebt sich über einem von Terrassen umgebenen, atriumförmigen Restaurant. Da er frei in der Landschaft steht, ist er trotz seiner schlanken Silhouette weithin sichtbar. Die Balkonseiten sind naturfarbig gehalten, die geschlossenen Seiten nach Ost und West in Rotbraun. Der Gaststättenbetrieb soll auf drei Ebenen stattfinden und rund 700 Gästen Platz bieten. Pünktlich zum Ende des Wettbewerbs reichen die Studenten ihren Entwurf ein. Er erhält die Kennziffer 161.

Ihr Modell ist wirklich gewagt. Wie andere Architekten auch sind die vier aus Weißensee beeinflusst von Neuer Sachlichkeit und Bauhaus-Stil, befördert von ihrem Hochschullehrer Selman Selmanagic, einem Mies-van-der-Rohe-Schüler. Und wie er verfolgen sie seit geraumer Zeit die Debatte über die offizielle Architektursprache in der DDR. Distanziert.

Das Architekturdogma der SED

Dass der junge Staat Anfang der 50er-Jahre das Motto ausgibt, "Weg mit den Trümmern und etwas Neues hingebaut!", können sie verstehen. Ebenso, dass die SED eine kulturelle Abgrenzung vom Kapitalismus anstrebt und glaubt, mithilfe der Architektur und des Städtebaus Zeichen setzen zu müssen. Aber das, was die Parteiführung um Walter Ulbricht als neue deutsche Architektur postuliert, ist nicht gerade das, was sie sich für ihre Zukunft vorstellen: eine Rückbesinnung auf nationale Traditionen, die verbunden mit sowjetischen Einflüssen in einen sozialistischen Klassizismus münden, wie ihnen mit der Stalinallee vorgeführt wird. Ein derartiges Architekturdogma, das zudem mit einem Aufbaugesetz und "16 Grundsätzen des Städtebaus" zementiert ist, schließt Traditionen der modernen Architektur und internationalen Stil radikal aus. Die Studenten haben erlebt, wie Architekten, die sich dem Diktat nicht beugen wollten, angeprangert wurden.

Doch es gibt in diesem Frühsommer 1958 auch Hoffnung. Noch kündet das Bauen an der Stalinallee von der alten Zeit, doch die DDR probiert eine Kehrtwende. Trotz aller Versuche der Rationalisierung ist die "neue deutsche Architektur" ineffizient geblieben, teuer und untauglich, das Defizit an Wohn- und Arbeitsraum in vorgesehenen Planzeiträumen zu beseitigen. Dies soll nun durch eine forcierte Industrialisierung im Bauen erreicht werden, vor allem im Wohnungsbau. Für repräsentative Vorhaben soll aber weiterhin das Motto "schön und zweckmäßig" gelten und in Sachen Architekturstil wieder einiges möglich sein. Die Hinwendung zur Moderne ist noch nicht in fertigen Bauten sichtbar. Doch Architekten erkundigten sich ganz offen in internationalen Fachzeitschriften nach den neuesten Trends, in der Hoffnung auf einen Auftrag für einen solitären Bau - und freie Hand bei der Umsetzung.

Am 11. August 1958 tagt das Preisgericht ab 8.30 Uhr unter Leitung von Professor Hanns Hopp, Präsident des Bundes Deutscher Architekten. 33 Entwürfe sind zu beurteilen. Nach achtstündiger Diskussion stehen die drei besten Arbeiten fest. Sieger ist der Entwurf mit der Kennziffer 161 - der Entwurf der vier Studenten. Zur Begründung heißt es: "Der Turm zeigt eine charakteristische, eigenwillige Form, die sich leicht dem Gedächtnis einprägt." Es könne zwar nicht verschwiegen werden, "dass durch diese eigenwillige Form ein ausgesprochen technischer Eindruck erweckt wird". Auch sei die vorgeschriebene ovale Form nicht ohne erheblichen Stahlaufwand möglich. Aber: "Das Preisgericht beurteilt den Entwurf im Ganzen als gut."

Die Sieger stehen fest

Jörg Streitparth erfährt am nächsten Tag in der Straßenbahn aus der Zeitung von ihrem Sieg. Ein Honorar gibt es nicht, denn der Wettbewerb ist ja eine Initiative des Aufbauwerkes. Wenigstens winkt eine Reise nach Prag als Anerkennung. Aber das ist Streitparth nicht wichtig. Dass gleich ihr erstes Projekt Wirklichkeit werden soll, bedeutet ihm viel mehr.

Am 14. August wird ihr Modell im Köpenicker Rathaus ausgestellt und 14 Tage später in einem Pavillon des Berliner Verlages am Bahnhof Friedrichstraße. Es sind Bücher ausgelegt, die Berliner sollen darin ihre Meinung äußern. Manche schreiben Leserbriefe. Die Urteile fallen überwiegend positiv aus, auch die Zahl der Spender steigt noch einmal an. "Wenn nun schon mal ein neuer Turm gebaut werden muss, dann gleich so, wie er in unsere Zeit passt und den Aufbau des Sozialismus symbolisiert", schreibt einer. Ein anderer meint: "Endlich etwas, das in unser Zeitalter der Atomenergie und Sputniks passt und Weltstadtniveau hat!" Ein dritter stellt fest: "Dieser Turm muss zu einem neuen Wahrzeichen unserer Hauptstadt werden." Es gibt auch kritische Stimmen, denen der Entwurf viel zu modern ist. Andere vermissen einen Fahrstuhl. Jemand findet, der Turm sehe wie ein "abgebrochener Korkenzieher" aus. Ein Urberliner mault: "Sooo soll der neue Turm aussehen? Nee Max, sieht ja aus wie ein Tellerfahrstuhl im Automat."

Nun müssen die jungen Architekten nur noch den Stadtbezirk Köpenick überzeugen, der für die Umsetzung und den Großteil der Finanzierung des Projekts zuständig ist. Am 19. September findet im großen Rathaussaal eine lebhafte Aussprache mit dem Bauamt, Bezirksverordneten dem HO-Gaststätten-Kreisbetrieb statt. Jörg Streitparth umgarnt die Anwesenden: "Auf dem Müggelsee blähen sich weiße Segel im Wind; Ruder- und Paddelboote kreuzen. Ein schöner Sport wird hier getrieben. In seiner unmittelbaren Nähe befindet sich die Einflugschneise für Schönefeld. In nicht allzu ferner Zukunft werden modernste Düsenpassagiermaschinen dort zur Landung ansetzen. So konnte unserer Meinung nach nur ein moderner, seiner Umgebung gut angepasster Turm auf den Müggelbergen entstehen." Das überzeugt die Stadtbezirksvertreter. Wenn auch sie einen Fahrstuhl vermissen und die offenen Balkons sowie die Treppenführung kritisieren. Das Forum beschließt, dem Rat des Stadtbezirks den ersten Preis zur Umsetzung zu empfehlen. Das geschieht in der Ratssitzung am 1. Oktober 1958. Aus Kostengründen wird auf einige Änderungswünsche verzichtet. Zum Beispiel auf den Fahrstuhl. Die offizielle Begründung des Stadtbezirks verblüfft: Die Mehrheit der Ausflügler fasse die Besteigung des Müggelturms als Sport auf. Damit scheint jedes Hindernis aus dem Weg geräumt.

Ärger mit dem Entwurf

Ein Jahr ist ins Land gegangen. Es ist Oktober 1959. Aus den studierenden Architekten sind inzwischen Mitarbeiter des Stadtbauamtes beim Magistrat geworden. Der Gewinn des Müggelturm-Wettbewerbs hat sich als gute Visitenkarte erwiesen. Es gibt für sie im Amt viel zu tun, die Jungarchitekten sind zum Beispiel in die Planungen für das neue Haus des Lehrers am Alexanderplatz eingebunden. Auch ihre Planungen am Müggelturm gehen weiter. Der Magistrat hat sie per Beschluss beauftragt, alle bautechnischen und technologischen Voraussetzungen für den Wiederaufbau zu treffen. Die Berufseinsteiger haben damit die gesamte Verantwortung für den Bau. Erfahrungen haben sie darin nicht, doch Ost-Berlins Stadtbaudirektor Erhardt Gißke lässt sie machen.

Allerdings kam nach dem Magistratsbeschluss das böse Erwachen. Mit dem Beschluss wurde die Weisung erteilt, die Architektur des Turmes zu ändern. Die ovale Form käme zu kostspielig. Außerdem sollten die offenen, balkonartigen Treppenpodeste geschlossen werden. Sie seien sonst zu sehr der Witterung ausgesetzt und würden die Sicherheit der Besucher gefährden. Jörg Streitparth und die anderen sind überrascht: Die Fachgremien des Bundes Deutscher Architekten und der Bauexperten beim Stadtbezirk Köpenick hatten keine derartigen Bedenken geäußert. Sie gehen zu Stadtbaudirektor Gißke, doch der ist schonungslos: "Ich bekomme euren Entwurf nicht durch. Entweder ihr ändert ihn, oder es macht ein anderer. Ihr seid noch zu jung, um euch aufs hohe Ross zu setzen."

Die jungen Architekten überlegen kurz, ob sie sich weigern sollen. Doch sie stehen am Beginn ihrer Karriere und wollen sich diese nicht gleich verbauen. Außerdem: Ihr Turm wäre das erste Beispiel moderner Architektur des bis dahin vom Stil des sozialistischen Klassizismus geprägten Städtebaus in der DDR.

Nach der Überarbeitung, bei der sie gleich funktionelle Mängel ihres Entwurfes beseitigen, erinnert lediglich die schlanke Silhouette des Müggelturms noch an das ursprünglich prämierte Modell. Der Turm ist nun freigestellt und aus der Achse gerückt, unter anderem, um den Verkehr zum Turm nicht durch die Gaststätte leiten zu müssen. Das Restaurant ist als winkelförmiger Baukörper auf die alte Terrasse gesetzt. So entsteht eine offene Plattform, die die ganze Anlage stärker der Natur öffnet. Auch ist der Turm jetzt rechteckig. Die Architekten haben sich dafür entschieden, um den Bau zu vereinfachen, aber auch, weil sie sich für die geschlossenen Fronten etwas Besonderes haben einfallen lassen. Um diesen ästhetischen Wert zu verleihen, sollen Betonplatten mit einer reliefartigen Struktur rhythmisch versetzt angebracht werden. Die Entwürfe dazu stammen vom Bildhauer Harry Möller, einem Studienkollegen von der Kunsthochschule. Der Müggelturm erhält eine Höhe von 29,61 Metern, seine Aussichtsplattform ist über eine Treppe mit 126 Stufen zu erreichen.

Am 6. Oktober 1959, dem Tag vor dem zehnten Jahrestag der DDR, erfolgt schließlich die Grundsteinlegung. Ein Symbol braucht einen symbolischen Anlass. 500 Tage sind seit dem Brand des alten Müggelturms vergangen, und genau um 16.30 Uhr, dem Zeitpunkt des Brandausbruchs, wird der Grundstein gelegt. Zuvor war der Naturstein - natürlich in freiwilliger Arbeit angefertigt - auf einem festlich geschmückten Wagen der "Berliner Zeitung" durch die Stadt gefahren worden. Karl-Heinz Drowski ist wieder mit dabei, er fotografiert die Fahrt. Am Zielort wird der künftige Müggelturm erneut als Ausdruck sozialistischer Gemeinschaftsarbeit gelobt.

Mit dem Stein wird eine Kassette übergeben, in der sich die Gründungsurkunde, eine Mappe mit Fotos, ein Beutel mit Münzen, der Stadtbezirksplan von 1959 und ein Satz Zeitungen vom Tag befinden. Auf der Urkunde ist zu lesen: "Möge der Turm als ein Wahrzeichen Berlins allen Bürgern für alle Zeiten ein Ausblick auf Frieden, Glück und Wohlstand sein." Im Textentwurf hatte noch das Wort "Freiheit" gestanden, es war durchgestrichen und für die Endfassung durch "Glück" ersetzt worden. "Freiheit" gehört offenbar nicht zu den erstrebenswerten Symbolen in der DDR. Ein Redner wünscht sich, dass der Aufbau nicht wie die Grundsteinlegung noch einmal 500 Tage dauern wird. Es bleibt ein Wunsch. Denn mehr als zwei Jahre soll es noch dauern, bis der neue Müggelturm am 30. Dezember 1961 offiziell eingeweiht wird.

Haben die jungen Architekten gedacht, mit den Änderungen am Modell wären die Probleme ausgestanden, werden sie nun eines Besseren belehrt. Sie lernen die ganze Tragik einer Plan- und Mangelwirtschaft kennen. Das beginnt damit, dass für das nicht langfristig genug eingeplante Projekt weder ausreichend Baukapazitäten noch Material zur Verfügung stehen. Es geht weiter mit der besonders komplizierten Lage der Baustelle auf dem Berg und setzt sich damit fort, dass neben den Architekten auch die Bauleute und die HO als Auftraggeber keine Erfahrung mit einem derartigen Neubau haben. Immer wieder sind Jörg Streitparth und Klaus Weißhaupt verwundert über die mangelnde Aktivität des Auftraggebers und die fehlenden Vorstellungen über einen funktionellen Ablauf und exakten Raumbedarf des Objektes - was die Planung zusätzlich erschwert. Aus Kostengründen werden sie gedrängt, möglichst viel der alten Substanz zu nutzen, was sich als unpraktikabel erweißt. Denn für viele Elemente des Turms und des Gaststättenkomplexes sind Sonderanfertigungen notwendig. Zum Beispiel für die Turmfenster, die Theke des neuartigen Selbstbedienungsrestaurants oder die kunstvoll gestalteten Fassaden. Viele der beteiligten Betriebe sind mit den Vorstellungen der Architekten überfordert und weigern sich mitunter, die Arbeiten durchzuführen. Andere haben durch die erhebliche Fluktuation ihrer Mitarbeiter in den Westen Probleme, die Verträge termingerecht zu erfüllen. So müssen immer wieder Arbeiten unterbrochen und nach Alternativen gesucht werden. Das verzögert und verteuert den Bau zusätzlich.

Schließlich klappt es doch. Knapp zwei Millionen Mark kostet der Wiederaufbau einschließlich der neuen Zufahrtsstraße, einen Großteil muss der Stadtbezirk übernehmen. Die Bevölkerung hat am Ende insgesamt 130 000 Mark gespendet und 3700 freiwillige Aufbaustunden geleistet, Betriebe Technik und Material spendiert und Fach- und Handwerksarbeiten unentgeltlich ausgeführt.

Pompöse Eröffnung im Schnee

Am 30. Dezember 1961 liegt Schnee auf den bewaldeten Müggelbergen. Bauarbeiter sind zur Eröffnung gekommen, die vier Architekten und Politprominenz: die Kandidatin des Politbüros der SED, Edith Baumann, Stadtbaudirektor Gißke und der Erste Sekretär der Kreisleitung der SED, Hans Modrow. Sie alle bejubeln den neuen Müggelturm. Berlin teilt inzwischen Stacheldraht und eine Mauer; der Wunsch auf der Gründungsurkunde, allen Bürgern möge der Turm ein Wahrzeichen Berlins sein, ist erst einmal Makulatur. Auch der alte Theodor Fontane, der am 30. Dezember 1819 geboren wurde, wird an seinem und dem Geburtstag des neuen Müggelturms nicht erwähnt. Er passt nicht in diese Zeit. Fontane hatte die schier endlose Landschaft aus Wasser und Wald an den Müggelbergen ausdrücklich dafür gelobt, dass in ihr nichts "an die Hand der Kultur erinnerte".