Es herrscht eine fast ehrfürchtige Beklommenheit. "Mit all dem wollte ich mich auseinandersetzen", sagt Schmidt. "Wie das ist, wenn Wirklichkeit zum Museum wird". Der 49-Jährige ist Maler, Musiker und Internet-Pionier. Ein Künstler also, der als Erster sechs Zellen des ehemaligen Verhörtraktes für eine Kunstinstallation nutzen darf - trotz grundsätzlicher Skepsis der Verantwortlichen. "Die Zellenwände, in denen noch die Verzweiflung der Inhaftierten steckt, eignen sich nicht als Träger für beliebige Kunstwerke", betont Gedenkstättenleiter Dr. Hubertus Knabe. "Die tristen Gefängnisflure, durch die Häftlinge zum Verhör getrieben wurden, sind echt - und kein besonders originelles Galerieambiente."
Arthur Schmidt vereinigt diese Widersprüche in seiner Biografie, sie sind die Summe seines Lebens.
Das ist bis in die frühen Sechzigerjahre das recht normale Leben eines Kindes im Ruhrgebiet. Bis der kleine Junge mit seinen Eltern von West nach Ost zieht, von Essen-Borbeck an die Prenzlauer Allee, in eine Drei-Raum-Wohnung 250 Meter entfernt vom Wasserturm. "Mein Vater arbeitete damals als Fahrer in einer Fabrik. Ein stinknormaler Malocher, der trotz des Mauerbaus davon überzeugt war, dass es einer Familie im Osten besser geht", erzählt Arthur Schmidt. "So komisch sich das heute anhört, aber er glaubte fest an Solidarität und Sicherheit jenseits des Kapitalismus." Der damals knapp Vierjährige ist zu jung, um diesen Bruch der Lebensverhältnisse erfassen zu können. Doch spätestens mit seiner Einschulung ist er nur noch "der aus dem Westen".
"Bei uns herrschten seltsame Vorstellungen über die Zukunft", sagt Schmidt. "Das ging soweit, dass meine Eltern anfangs davon ausgegangen sind, dass unser West-Ost-Wechsel nicht endgültig wäre. Als könnten wir Pendler sein zwischen den Welten. Was natürlich Blödsinn war. Mit den Kiez-Kumpels von der Marienburger Straße findet er in den normalen Ost-Berliner Alltag. Bald entdeckt der hoch aufgeschossene Junge sein Faible für das Schwimmen und treibt beim TSC in Friedrichshain Leistungssport. Bis er 15 wird, passiert er alle medizinischen Untersuchungen und Sichtungswettkämpfe. "Aber Trainer und Funktionäre haben sich schließlich gefragt, ob es gut oder schlecht ist, wenn da jemand aus dem Kohlenpott, Geburtsort Essen, auf einem DDR-Siegerpodest steht. Normalerweise hätten meine Leistungen zum Wechsel auf eine Sportschule geführt. Dort wurde ich aber nie aufgenommen - als wäre ich ein kraulendes Restrisiko" Schmidt trainiert noch eine Weile als Externer bei den Sportschülern mit und gibt schließlich auf. "Wenn man Schwimmen als Leistungssport betreibt, kommt man ab einem gewissen Punkt nicht weiter. Irgendwann wurde die Schinderei für mich unsinnig."
Eine Tonne Blei
Arthur Schmidt geht rein in "seine" Verhörräume, in denen er einen irrwitzigen Aufwand getrieben hat, nur um nach dem 3. Oktober alles wieder in den Originalzustand zu versetzen. Mit 1,2 Tonnen Blei, fein säuberlich geschnitten in schlanken Bahnen, hat er den historischen Grund versiegelt. Drei Wochen Präzisionsarbeit. In die Metallstruktur ritzte er "Kommen se" und andere Parolen von damals. "Irgendwann hatte ich auch die Referenten, die ja hier einsaßen, durch meinen Eifer überzeugt, dass mir die Sache wirklich am Herzen liegt", sagt Schmidt. Er hat seine Vergangenheit regelrecht abgearbeitet.
Der zweite Bruch in Arthur Schmidts Leben ist das Aus als DDR-Schwimmtalent. Er ist jetzt ein Teenager, er trägt die Haare länger als andere und unterbricht den Direktor, der eine Ansprache auf dem Schulhof hält. Als der seine "lieben, jungen Freunde" begrüßt, ruft Arthur Schmidt aus der letzten Reihe: "Ick bin aber nich' Ihr Freund!" In seinem Zeugnis steht später: "Schmidt sollte seine teilweise oppositionelle Haltung einstellen". Genau das Gegenteil passiert.
Außerhalb der Schule bildet sich ein über die Stadt versprengter Freundeskreis. Musikfans, die in den Siebzigern Pink Floyd, Udo Lindenberg und Synthesizer-Bands aus Ungarn hören. "Das war jedenfalls keine klassische Künstler-Bohème vom Prenzlauer Berg. Dafür waren wir zu jung. Es ging sehr Hippie-mäßig zu. Lange Haare, Jeans, Jesus-Latschen und einen speckigen, olivgrünen Nato-Parker. Deutlicher konnte man kaum sagen: Ich will nicht dazu gehören!"
Eine höhere Ausbildung ist für Schmidt nicht mehr vorgesehen. Er beendet "halbwegs ordnungsgemäß" die zehnte Klasse und tritt im Herbst 1977 eine Lehrstelle als Auto-Elektriker in Weißensee an. "Für mich eine interessante Alternative, auch wenn der Job auf wenige Automarken beschränkt war", lacht er heute. Doch die Wirklichkeit fängt ihn ein - tranig schleppen sich die Arbeitstage dahin, geprägt von Misswirtschaft und Schlendrian. Als sich die Dienstzeit bei der Nationalen Volksarmee ankündigt, steht Schmidt vor einer Entscheidung. "Ich wusste nur, dass ich hier nicht mit der Knarre durch den Schlamm robben werde."
Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin reist er in die Donauregion des slowakischen Teils der CSSR. "Ich bildete mir ein, über diesen breiten Strom schwimmen zu können. Für mich als Leistungssportler wäre das vielleicht machbar gewesen. Reinspringen und rüber, dachte ich. Meine Freundin wäre allerdings keine zehn Meter weit gekommen. Und während wir noch verzweifelt auf das Wasser starrten, knackte es im Unterholz. Die regionalen Grenzer nahmen uns kurzerhand fest. "
Aus dem örtlichen Provinzgefängnis überstellt man die jungen Flüchtlinge nach Prag. "Irgendwann kamen zwei Herren in grauen Mänteln und per Interflug ging es zurück nach Ost-Berlin. Meine Freundin habe ich erst Monate später bei unserer Verurteilung wiedergesehen. Direkt vom Flughafen kam ich in die Keibelstraße. Vom Dach konnte man auf den Fernsehturm sehen. Bei mir herrschte pure Verzweiflung. Ein Knast, der kaum zwei Kilometer von der Wohnung entfernt ist. Ich wollte raus, die wollten Gründe und Hintermänner. Doch es gab keine ideologische Haltung oder geheimnisvolle Drahtzieher. Schmidt ist unzufrieden mit den Verhältnissen, das habe ich viel später in meiner Vernehmungsakte gelesen."
Über das Verteilergefängnis Rummelsburg landet er schließlich in Bautzen. Schulungs-Offiziere arbeiten sich in routinierten Dauerverhören an ihm ab. Stumpfer, grauer Knastalltag. "Später erfuhr ich aus meiner Stasi-Akte, dass Schmidt nicht als IM geeignet ist. Immerhin." Über die Familie werden Kontakte zum Ost-Berliner "Rauskäufer-Anwalt" Wolfgang Vogel geknüpft. Und schließlich, nach eineinhalb Jahren Bautzen steht ein Wärter in Schmidts Zelle und herrscht ihn an: "Packen Sie Ihre Sachen!"
Nach dem Übergangslager verschlägt es Schmidt zur Großmutter nach West-Berlin. Wochenlang macht Arthur Schmidt ziellose Spaziergänge durch die Stadt. Schließlich versucht er sich in seinem Ex-Beruf als Auto-Elektriker. Vergeblich. Nach sechs Wochen steht er wieder auf der Straße. Was bleibt, ist der alte Traum von der Kunst. Als "talentierter Nicht-Abiturient" wird er 1982 an der Hochschule der Künste angenommen. Arthur Schmidt stürzt sich in Bilderwelten - Mauerfall und Wiedervereinigung rauschen ohne große Anteilnahme an ihm vorbei. "Ich war wohl noch nicht soweit, mich damit auseinander zu setzen." Anfang der Neunzigerjahre widmet sich der studierte Maler längst Computertechnologien und virtuellen Spielereien. Er geht nach Hamburg und gehört bald zur Gründergeneration der deutschen Internet-Bewegung. "Ich habe mich da reingefuchst. Es gab ja keine Ausbildung dafür. Doch schon bald konnte man mit CD-ROMs und ersten Websites viel Geld verdienen. So habe ich meine Kunstprojekte durch Jobs bei der Industrie finanziert."
Gemeinsam mit Holger Czukay, einem Mitglied der legendären deutschen Krautrockband Can, erforscht Arthur Schmidt experimentelle Soundwelten. Unter seinem Künstlernamen GVOON nutzt er Hochleistungscomputer, um mit Musikern, Informatikern und Tänzern virtuelle Bühnen-Inszenierungen ins Internet zu stellen. Komplexe elektronische Projekte, die wie eine Flucht in eine andere Realität wirken. Erst 2007 findet er wieder zur Malerei. In den Straßen von New York, Berlin, Hamburg und Köln setzt er 700 Gemälde aus, die sich Passanten einfach mitnehmen können. Seine Kunst zu verkaufen - damit hat sich Schmidt bislang nicht beschäftigt.
So baumeln in Hohenschönhausen nun 2000 "inhaftierte Zeichnungen" von den Decken der Verhörzellen. Schmidt hat sie von der Epicentro-Galerie in der Karl-Marx-Allee hierhin überstellt. Per Lkw in einer furiosen Performance-Aktion mit Sound und Krach. Nun sieht es in den düsteren Räumen aus wie in einem Mystery-Thriller mit hingetupften, fleckigen Mini-Gemälden. Besucher können die Seidenpapier-Skizzen von den Wäscheklammern lösen und gegen Hinterlassung ihres Namens einfach mitnehmen. Eine symbolische Befreiung. Ein Referent aus dem Gedenkstätten-Team hat im Austausch mit der Kunst eine Kopie aus Schmidts Stasi-Akte aufgehängt. Sie zeigt eine amtliche Skizze seines Fluchtversuches aus der CSSR. Darauf dokumentiert eine gepunktete Linie den versuchten Absprung von zwei Strichmännchen in die Freiheit. Für Arthur Schmidt ist dieser erst dreißig Jahre später gelungen.
GVOON - 2000 inhaftierte Zeichnungen Gedenkstätte Hohenschönhausen, Genslerstraße 66, bis 4. Oktober 2010, täglich geöffnet von 9 - 18 Uhr
Später erfuhr ich aus meiner Stasi-Akte, dass Schmidt nicht als IM geeignet ist
Arthur Schmidt, Künstler

