Gedenkveranstaltung

"Wir Migranten sind nicht alle blöd oder kriminell"

Eigentlich dürfte es so etwas schon gar nicht mehr geben, derart spontane Gefühlsausbrüche auf einer Podiumsdiskussion. Und doch: Nachdem sechs Männer und Frauen im gut besuchten Heimathafen Neukölln über Integration und den Problemkiez Neukölln geredet haben, bricht es aus dem 19-jährigen Hüseyin Ekici heraus.

Er meldet sich artig und als er von Moderatorin Tissy Bruns aufgerufen wird, sagt er zum Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky: "Ganz ehrlich, ich liebe diesen Mann." Und als ob das noch nicht genug wäre schiebt der Schauspieler ("Arabboy") hinterher: "Sie bekommen später noch einen Döner von mir oder so."

Die Stimmung bei der Buchvorstellung von "Das Ende der Geduld" war also zwischendurch immer wieder auch ganz aufgelockert und gar nicht so angespannt, wie der Untertitel der Veranstaltung "zum Gedenken an die Jugendrichterin Kirsten Heisig" vermuten ließe. Die streitbare Autorin des vorgestellten Buches wurde zu Beginn der Veranstaltung in einer kurzen, frei gehaltenen Rede von Bürgermeister Buschkowsky als "nette, lebenslustige, sympathische und unbequeme Kollegin mit Ecken und Kanten" porträtiert. Sie habe immer versucht, mit Weitblick daran zu arbeiten, denen mit harter Hand zu helfen, die "dabei sind, ihr Leben zu verpfuschen". Um der hohen Kriminalitätsrate in dem ihrem Zuständigkeitsbereich, dem Neuköllner Rollbergviertel, zu begegnen, initiierte sie das "Neuköllner Modell", das die Verfahren von Jugendlichen auf wenige Tage verkürzt. Am 3. Juli dieses Jahres hatte sie sich das Leben genommen.

Nach seiner Rede kamen die anderen fünf Diskussionsteilnehmer auf die Bühne - neben Bruns und Ekici waren noch die Schriftstellerin Monika Maron, der Leitende Oberstaatsanwalt Andreas Behm sowie der Jugendrichter Günter Räcke geladen. Gerade dieser Richter-Kollege von Kirsten Heisig konnte viel von ihrer gemeinsamen Arbeitszeit erzählen. "Vor vier Jahren haben wir in einem Interview von einer Lawine gesprochen", sagte Räcke, "die da auf uns zurollt." Dieser Zustand habe sich im Grund noch immer nicht geändert. "Beim Thema Integration braue sich noch immer etwas zusammen, das noch bald zu einem großen Problem für die ganze Gesellschaft werden kann."

Die Rede ist bei ihm wie auch in Heisigs Buch "Das Ende der Geduld" von arabischen Großfamilien, die in Berlin Neukölln nicht integriert sind, deren Kinder nicht oder selten eine deutsche Schule besuchen, schon im Kindesalter erste Verbrechen oder Gewalttaten begehen und sobald sie 14 Jahre alt - und somit strafmündig sind - das erste Mal ins Gefängnis geschickt werden. Räcke wie Heisig erlebten über Jahre immer wieder derartige Fälle und Heisig hat sie jetzt in einem Buch zusammengestellt, aber auch Lösungsvorschläge angeboten. Besonders einer wurde von allen Podiumsteilnehmern eingefordert, nämlich eine bessere Vernetzung von Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendamt, Schulen, Behörden, Institutionen und Eltern funktionieren sollte.

Besonders Heinz Buschkowsky war aufgebracht darüber, dass der Datenschutz in solchen Situationen mehr gelte, als das Recht des Staates, mehr Einblick in kriminelle Milieus zu bekommen. "In anderen Ländern wie den Niederlanden können die Behörden bei kleinen Auffälligkeiten viel schneller reagieren", sagte er. "Es ist Kirsten Heisigs Verdienst, diese Dinge immer angesprochen zu haben."

"Schöne Grüße an Ihre Mutter"

Doch einer in der Runde, der inzwischen erfolgreiche Schauspieler Hüseyin Ekici, hatte die Richterin vor fünf Jahren von der anderen Seite kennen gelernt. Er hatte eine Straftat begangen - und landete als Angeklagter in ihrem Gerichtssaal. "Meine Mutter sagte mir noch, Du musst dazu stehen wie ein Mann"; sagte er. "Doch ich konnte ihr damals nicht einmal in die Augen sehen." Was genau er getan hatte und welche Strafe er erhielt, blieb offen. Doch Ekici erzählte noch, dass seine Mutter ihm kurz darauf eröffnete, dass er ausziehen müsse, sobald er Hartz IV beantragt. "Du musst arbeiten", habe sie zu ihm gesagt - weshalb Bezirksbürgermeister Buschkowsky seiner Mutter "die besten Grüße" ausrichten ließ.

Überhaupt war es der Schlagabtausch zwischen dem jungen Migrantensohn und dem Bezirksbürgermeister, der den meisten Applaus an diesem Abend garantierte. Während Hüseyin Ekici forderte, dass die Pauschalurteile gegenüber den Migrantenkindern nicht immer gerechtfertigt seien ("Wir Migranten sind nicht alle blöd oder kriminell!"), wies Heinz Buschkowsky darauf hin, dass es in dieser Gesellschaft rigide Regeln für den Straßenverkehr geben würde, aber dass "Kindergeld auch die bekommen, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken". Bei dieser so emotional vorgetragenen Faktenlage, fiel den meisten Zuhörern erst beim anschließenden Kaltgetränk auf, dass hier im Heimathafen Neukölln das Thema "Integration" besprochen wurde, ohne den Namen des Ex-Finanzsenators Thilo Sarrazin auch nur zu erwähnen. Beruhigend irgendwie.