Diese Unterhaltungen sollen den Journalisten dazu dienen, sich ein Bild von bestimmten Zusammenhängen und Hintergründen zu machen, sie dürfen nicht zitiert werden. Die Gespräche sind vertraulich, die Umgebung muss es auch sein. Im Oktober 2003 eröffnete an der Reinhardtstraße in Mitte ein Restaurant, das Räume für genau solche Gesprächsrunden bietet. Das "Kanzler Eck" stellt Politikern und Journalisten zwei separate Zimmer zur Verfügung. Abgeschirmt von den anderen Gästen des Restaurants kann im Souterrain ungestört diskutiert werden.
Und das "Kanzler Eck", so etwas wie ein Wohnzimmer des Regierungsviertels, heißt nicht umsonst so: Die "Kanzlerkarte" verspricht Gerichte, für die die Kanzler der Bundesrepublik Pate standen - Ochsenbrust "à la Ludwig Erhard", Schollenfilet "à la Willy Brandt" oder Rinderroulade "à la Angela Merkel". Doch das gehört der Vergangenheit an. Denn auch nach Ende der Parlamentsferien bleibt das beliebte Restaurant geschlossen.
Umbruch im "Kanzler Eck"
Die derzeitigen Pächter, die Familie Schmaler, wollen sich von dem Betrieb trennen. Die Familie betreibt neben dem "Kanzler Eck" auch die Cateringfirma "Schmaler & Söhne - Finest Food Berlin" und die Gastronomie im "Pavillon am Reichstag". "Das Arbeitsaufkommen ist einfach zu groß geworden, deshalb müssen wir uns vom ,Kanzler Eck' trennen", sagte Adelheid Schmaler. Gestern sprach sie bereits mit potenziellen neuen Eigentümern. Zum Ergebnis der Verhandlungen konnte sie aber noch nichts Konkretes sagen.
Auf jeden Fall, so Adelheid Schmaler, solle im "Kanzler Eck" alles beim Alten bleiben. Man wolle den Restaurantbetrieb wie gehabt erhalten. Sie hofft, dass die Räume den Journalisten-Kreisen "Gelbe Karte" oder "Das Ohr" auch weiterhin zur Verfügung stünden. Wann das sein wird, ist jedoch noch ungewiss. Denn bis auf Weiteres bleibt das "Kanzler Eck" geschlossen. Nächste Woche stehen weitere Gespräche an. Derzeit geht man noch davon aus, dass das Lokal am 1. Oktober wieder eröffnet werden kann.
Viele Stammkunden finden es besonders schade, dass mit der Schließung des "Kanzler Ecks" auch die bisherige Restaurantleiterin Angelika Meixner gekündigt wurde. Sie fand am 7. August die fristlose Kündigung im Briefkasten. "Ich kam gerade von einer Kur zurück und war wie vor den Kopf gestoßen", sagt die 49-Jährige.
Mit dem Weggang der beliebten Restaurantleiterin geht auch ein Stück "Kanzler Eck"-Geschichte zu Ende. Angelika Meixner hat in den fünf Jahren als Restaurantleiterin einiges investiert. Viele Dekorationen hat sie von zu Hause mit ins "Kanzler Eck" gebracht und dem Restaurant so eine persönliche, anheimelnde Note verliehen.
Gern denkt sie an ihre Zeit im "Kanzler Eck" zurück: "Nach fünf Jahren kannte ich die Gewohnheiten meiner Gäste. Ich habe viele Menschen bewirtet, ob nun Anne Will oder Musiker wie Campino von den Toten Hosen und Bob Geldof."
Nun beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Vielleicht wird sie wieder Restaurantleiterin, in einem anderen Restaurant. Vielleicht macht sie auch etwas ganz anderes, nur einen Weg zurück ins "Kanzler Eck" wird es für Angelika Meixner wohl nicht geben. Für die Journalisten wahrscheinlich doch - immerhin verspricht der politische Herbst spannend zu werden.

