Und Tausende Berliner ließen sich von den Sportveranstaltungen, Shows und Konzerten in der Deutschlandhalle verzaubern. Damit ist es vorbei: Tankstelle, Schule und Deutschlandhalle sind längst geschlossen. Jetzt droht der letzte Akt: der Abriss. So wie von diesen drei Gebäuden werden wir in den kommenden Monaten noch von weiteren Häusern Abschied nehmen müssen - es sei denn, der Protest dagegen hat doch noch Erfolg. Oft jedoch weint niemand den zum Abbruch freigegebenen Bauten eine Träne nach. Doch egal, ob schmuckloser Zweckbau aus den 70er-Jahren oder dreckschleudernder Fabrikschlot aus der Gründerzeit: Wenn Gebäude aus dem Stadtbild verschwinden, geht damit auch jedes Mal ein Stück Geschichte verloren. Die Berliner Morgenpost hat sich auf die Suche gemacht und ganz unterschiedliche Häuser aufgespürt, die zum Abriss freigegeben sind. Dass dabei einige Bezirke wie etwa Reinickendorf, Neukölln und Spandau gar nicht aufgeführt sind, liegt daran, dass den dortigen Ämtern keine Abbruchpläne bekannt sind. Diese müssen nämlich nur noch angezeigt werden, wenn es sich um größere Vorhaben oder um denkmalgeschützte Gebäude handelt.

Älteste Tankstelle

Berlins älteste Tankstelle stand bislang an der Stargarder Straße 34-36 (Prenzlauer Berg) und muss nun einem Wohnbauvorhaben Platz machen. Der Betrieb ist bereits seit Anfang dieses Monats eingestellt. 1910 machten hier noch die Kutscher Rast und "tankten" Wasser für ihre Pferde. Kurz darauf wurde auf dem Gelände an der Stargarder Straße die erste Zapfsäule der Stadt eröffnet. "Zumindest ist uns keine einzige Tankstellte in der Stadt bekannt, die älter ist", so der ehemalige Pächter der "Freien Tankstelle", Andreas Henning. In diesem Monat sollen die Bagger anrücken und die Kiez-Tankstelle mit ihren vier Zapfsäulen, 33 Garagen, einer Waschanlage und zwei Werkstätten abreißen. Der Eigentümer plant ein Wohnhaus mit Eigentumswohnungen. "Anwohner und Kunden haben 6000 Protest-Unterschriften geleistet", so der gelernte Kfz-Mechaniker, der seine vier Mitarbeiter entlassen musste. Doch der Grundstückseigentümer habe sich leider nicht umstimmen lassen. Der 46-Jährige arbeitet nun woanders - als Angestellter einer Kfz-Werkstatt.

Schankhalle

Keinen Protest gibt es gegen den Abriss der denkmalgeschützten Reste einer alten Schankhalle an der Schönhauser Allee 175 in Prenzlauer Berg. "Für die Ruine gibt es einen Abrissantrag", so Stadtrat, Michail Nelken (Die Linke). Der Verein für integrative Angebote (VIA) möchte an dieser Stelle ein Theater errichten. Weil der Baustadtrat zugleich auch für die Kultur zuständig und eine Wiederherstellung der Schankhalle zudem unrealistisch ist, steht Nelken dem Vorhaben positiv gegenüber.

Polizeirevier

Ohne Proteste verlief auch die Räumung des Hauses an der Jägerstraße 48 (Mitte). In feinster Innenstadtlage war in einem typischen DDR-Plattenbau aus den 80er-Jahren ein Polizeirevier untergebracht. Hier fanden neben den Anwohnern vor allem Touristen vom nahen Gendarmenmarkt eine erste Anlaufstelle, wenn ihnen Handtaschen geklaut wurden und Ausweisdokumente verschwunden waren. Der "Abschnitt 32" ist bereits Anfang 2008 ausgezogen. Das neue Revier befindet sich seitdem in der Keibelstraße 35, gleich hinter dem Alexanderplatz. Die Polizeibeamten weinen ihrer alten Dienststelle jedoch keine Träne nach. "Wir haben in unserem neuen Revier zwar Fotos vom Umzug und dem alten Gebäude aufgehängt", sagt ein diensthabender Beamter. Jedoch nicht aus Nostalgie, wie er versichert: "Sondern um uns mit Schaudern daran zu erinnern, wie furchtbar es dort immer gestunken hat, weil die Toilettenanlagen so marode waren." Die ausrangierte Polizeiwache hat vor wenigen Wochen einen neuen Besitzer gefunden. Der Berliner Projektentwickler Klaus Groth hat das Haus kürzlich erworben. Der Immobilienentwickler will das Gebäude in bester Lage zwischen Gendarmen- und Hausvogteiplatz abreißen und dort hochwertige Wohnungen bauen.

Seifenfabrik

Der Abriss der historischen Seifenfabrik an der Köpenicker Straße 50-52 in Mitte scheint besiegelt. Ein privater Investor aus der Region Berlin-Brandenburg ersteigerte bei einer Grundstücksauktion im Juni das Areal an der Spree für 2,6 Millionen Euro. Noch reckt sich der markante Schornstein aus rotem Backstein 60 Meter hoch. Daneben stehen die Ruinen der ehemaligen Seifenfabrik. Sämtliche Fenster des maroden Gebäudes sind herausgeschlagen, die Mauern über und über mit Graffiti beschmiert. Verkauft hat die 1905 erbaute Fabrik mitsamt dem 4600 Quadratmeter großen Areal in bester Spreelage der Bund. Der Verkauf des Fabrikgeländes ist heftig umstritten. Denn es liegt im Bereich des Entwicklungsprojekts Mediaspree zwischen Jannowitzbrücke in Mitte und Elsenbrücke in Treptow, um das seit Jahren erbittert gestritten wird. Der Abriss der Seifenfabrik gilt als sicher, zumal das Ensemble nicht unter Denkmalschutz steht.

Seniorenwohnhäuser

Die Häuser Lehrter Straße 67 /Seydlitzstraße 21/22 in Tiergarten werden derzeit entmietet. Anfang des Jahres hatte die Berliner Stadtmission den Mietern der Seniorenwohnhäuser an der Lehrter Ecke Seydlitzstraße mitgeteilt, dass sie bis Ende 2010 ausziehen müssen. Die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) will die Häuser sowie auch ihr eigenes Gebäude abreißen. Geplant ist der Neubau des "Zentrums am Hauptbahnhof". Bis 2013 sollen auf dem 27 000 Quadratmeter großen Areal zwischen Knast und Kanzleramt ein neues Bürogebäude mit Tagungszentrum und Hotel sowie eine Kirche mit einem 24 Meter hohen Glockenturm gebaut werden. Auf dem Areal sollen neben der Stadtmission auch das Diakonische Werk und der Evangelische Entwicklungsdienst angesiedelt werden.

Deutschlandhalle

Den vielfältigen Protesten und dem Widerstand des Bauamtes von Charlottenburg-Wilmersdorf ist es zu verdanken, dass die Deutschlandhalle am Messedamm 26 in Charlottenburg noch nicht längst Geschichte ist. Bereits am 27. Mai 2008 hatte der Berliner Senat den Abriss beschlossen. Da die 1935 errichtete und nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute Deutschlandhalle unter Denkmalschutz steht, weigerte sich Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) bislang erfolgreich, die Abrissgenehmigung zu erteilen. Nun droht die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zwar, das Verfahren an sich zu ziehen, doch je näher die Wahlen im September 2011 rücken, um so weniger werden es sich die Politiker leisten können, den unpopulären Abriss auch durchzusetzen. Denn mit der Halle verbinden sich für viele Menschen wunderbare Erinnerungen an Konzerte, Zirkus-Shows und Sportveranstaltungen. Weltstars wie Abba, die Rolling Stones, AC/DC, Queen und Jimi Hendrix standen auf der Bühne. Zwischenzeitlich stand die Deutschlandhalle immer mal wieder leer, ohne Wartung, Sanierung oder Renovierung. Seit April 2009 ist sie nunmehr dauerhaft außer Betrieb.

Wohnhäuser

Vom Abriss bedroht sind die zum Teil aufwendig sanierten Wohnhäuser an der Beermannstraße 16-22 in Treptow, die wegen der Verlängerung der A 100 vom Dreieck Neukölln zum Treptower Park weichen sollen. Keines der Häuser ist bereits gänzlich leer gezogen. Allerdings dürfen in die leer stehenden Wohnungen des Hauses 22 keine neuen Mieter mehr einziehen. Alle anderen Hauseigentümer vermieten auch weiterhin - in der festen Hoffung, dass das selbst innerhalb der rot-roten Koalition heftig umstrittene Bauvorhaben nicht wie angekündigt 2011 beginnt. Anfang Juli hatte sich die SPD zwar auf ihrem Parteitag mit knapper Mehrheit zum Weiterbau bekannt. Der Koalitionspartner die Linke lehnt das Projekt jedoch ab.

Parkdeck statt Wohnhaus

Am S-Bahnhof Köpenick soll direkt am Elcknerplatz/Ecke Bahnhofstraße in Köpenick ein Wohnhaus abgerissen werden. Auf knapp 10 000 Quadratmeter Fläche zwischen Elcknerplatz, Borgmann- und Bahnhofstraße soll ein Einkaufsquartier entstehen mit einem Dutzend Läden entstehen. Auf dem Dach des vier Stockwerke hohen Neubaus aus Glas und Naturstein plant der Bauherr ein Parkdeck für bis zu 500 Autos.

Erste Ganztagsschule

Still ist es geworden an der Monumentenstraße 13a in Schöneberg. Vor zwei Jahren wurde die erste Ganztagsschule (West-) Berlins für immer geschlossen. Der zweigeschossige Flachbau aus den 70er-Jahren erwies sich als asbestverseucht. Da der Bezirk kein Geld hatte, um das Kinderzentrum, zu dem auch noch eine Kita gehörte, zu sanieren, wurde die Schule samt eines 22 000 Quadratmeter großen idyllischen Parkgrundstücks verkauft. Neuer Besitzer ist die Treberhilfe. Die schloss im April zwar die Asbestsanierung ab, die Abrissbagger könnten jetzt eigentlich anrücken: Doch das Projekt der Treberhilfe, die dort neben einer neuen Zentrale ein Jugendhilfezentrum, ein Familienzentrum und ein Obdachlosenheim bauen wollte, ist durch die sogenannte Maserati-Affäre des Gründers und ehemaligen Chefs der gemeinnützigen GmbH, Harald Ehlert, ins Stocken geraten. Das Bauprojekt auf dem Gelände der Schwielowsee-Grundschule soll laut Treberhilfe jedoch weitergehen. "Derzeit holen wir Angebote von Abbruchfirmen ein", so eine Sprecherin.

Schwesternwohnheim

Als Symbol für die "Gentrifizierung", die Verdrängung einkommensschwacher Mieter aus dem Bayerischen Viertel in Schöneberg, gilt nicht nur den Mitgliedern der "Bürgerinitiative Barbarossastraße 59" der drohende Abriss des Wohnhauses am Barbarossaplatz in Schöneberg. In dem ehemaligen Schwesternwohnheim aus den 60er-Jahren mit seinen 106 kleinen preiswerten Appartements wohnen Rentner und Studenten vergleichsweise günstig. Eigentümer des Hauses ist der Hochtief-Konzern, der dort hochwertige Wohnungen bauen möchte. Der Fachbereichsleiter im Stadtplanungsamt von Tempelhof-Schöneberg, Andreas Baldow, sieht jedoch keine Chancen, dass sich der Abriss auf dem Genehmigungsweg noch verhindern lässt.

Dahlemer Villa

Die Podbielskiallee in Dahlem gehört zu den feinsten Adressen, die Berlin zu bieten hat. Mitten im historischen Villenviertel mit seinen vielen Botschaftsgebäuden besitzt auch das Unionhilfswerk Eigentum. "Beim Haus an der Podbielskiallee 14-18 handelt es sich um eine stadtbildprägende, gut erhaltene repräsentative Villa", sagt Uwe Stäglin. Der SPD-Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf will den geplanten Abriss des 1918 erbauten Hauses mit einer "Veränderungssperre" verhindern. "Ein anderes Mittel bleibt mir nicht, das Haus steht nicht unter Denkmalschutz", so der Baustadtrat. Ob sein Kampf um das Haus, das lange als Behindertenwohnheim genutzt wurde, Erfolg haben wird, ist offen. Der Eigentümer hat Klage gegen die Sperre erhoben.

"Anwohner und Kunden haben 6000 Unterschriften geleistet"

Andreas Henning, ehemaliger Tankstellenpächter