Der Fall "Fiffi" Kronsbein

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Volkmar Schneider ist Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité und Autor zahlreicher Publikationen. Die Berliner Morgenpost berichtet in loser Folge über seine spannendsten Fälle.

Die Frage ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Herr Kronsbein, titelte im März 1983 die Illustrierte Quick: "Haben Sie ihre Frau ermordet?" Helmut Kronsbein, ehemaliger Trainer des Fußballklubs Hertha BSC, bis ans Lebensende immer auch "Fiffi" genannt, schien zu diesem Zeitpunkt in der Öffentlichkeit schon so gut wie verurteilt. Und erst ein Gutachten des damals erst 42 Jahre alten Professor Volkmar Schneider sollte ihn rehabilitieren und vor einer Verurteilung retten.

Begonnen hatte die Geschichte am 1. Juli 1979 in einem Reihenhaus in Arnum bei Hannover. Kronsbein suchte nach dem Aufwachen nach seiner Ehefrau. Die Badezimmertür war verschlossen. Als Gerda Kronsbein auf sein Klopfen nicht reagierte, brach er die Tür auf. Nach Kronsbeins Beschreibungen lag die 58jährige tot in der mit Wasser gefüllten Badewanne, neben sich einen noch immer unter Strom stehenden Fön. In einem Abschiedsbrief heißt es: "Ich nehme mir das Leben. Ich möchte verbrannt werden - Gerda Kronsbein." "Vermutlich Tod durch Stromschlag" resümierte wenig später eine Ärztin auf dem Totenschein. Auch im Institut für Gerichtsmedizin in Hannover hielten Experten einen Stromtod für möglich. Drei Tage später wurde die Leiche eingeäschert.

Doch damit war die Geschichte für Helmut "Fiffi" Kronsbein noch lange nicht beendet. Ein Kriminaloberkommissar, der an Kronsbeins Schilderungen zweifelte, ermittelte verbissen weiter. Und er wurde fündig: Die mehr als 38 Jahre währende Ehe der Kronsbeins war zerrüttet. Der Trainer lebte nur für das runde Leder. Verloren Hertha BSC oder Hannover 96 - diese Mannschaft führt er 1954 zur Meisterschaft -, hatten auch Ehefrau Gerda und die beiden Kinder wenig zu lachen. Gerda Kronsbein soll immer öfter zu Tabletten und zur Flasche gegriffen haben. Zeugen berichteten, daß der erboste Kronsbein, der seinen Spielern strenge Abstinenz verordnete, seine betrunkene Frau ab und an sogar geschlagen habe. Die Eheprobleme kulminierten, als Kronsbein im Sommer 1979 unbedingt nach Berlin ziehen wollte. Nun nicht mehr als Fußballtrainer von Hertha, sondern um in der Kalckreuthstraße in Schöneberg das "Gästehaus Fiffi Kronsbein" zu betreiben. Ehefrau Gerda, heißt es, habe diesen Umzug um keinen Preis gewollt.

War das vielleicht der Ausgang für einen tödlich endenden Streit? Und es gab noch weitere Fragen: War der an der linken Hand gelähmte, 65 Jahre alte Ex-Trainer wirklich in der Lage, seine leblose Frau aus der Badewanne zu ziehen? Und woher stammten die Verletzungen an der Leiche? Die offene Wunde am Hinterkopf ließ sich vielleicht tatsächlich damit erklären, daß Kronsbein ins Taumeln gekommen und ihm die Tote aus den Händen geglitten war. Aber was war die Ursache für die massiven Hämatome an ihrem Nacken? Sehr umstritten war auch Kronsbeins Aussage, seine Frau habe um sechs Uhr noch gelebt. Schon die Hausärztin hatte sich gegen 7.30 Uhr beim Untersuchen der Leiche über die schon eingesetzte Totenstarre gewundert und in Gegenwart von Sanitätern gesagt, Frau Kronsbein sei schon mehrere Stunden tot. Ein Gutachter des Rechtsmedizinischen Institutes in Hamburg beschäftigte ebenfalls mit dem Todeszeitpunkt und folgerte, daß Gerda Kronsbein mit hoher Wahrscheinlichkeit schon kurz nach Mitternacht gestorben sei. Er ging aber noch einen Schritt weiter und stellte die These auf, Gerda Kronsbein sei nicht durch einen Stromschlag, sondern vermutlich an der Folge heftiger Schläge mit einem stumpfen Gegenstand verstorben.

Im März 1984 wurde Kronsbein von der Staatsanwaltschaft Hannover wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Am 31. Juli 1984 begann vor dem Landgericht Hannover der Prozeß. 42 Zeugen und sechs Gutachter wurden aufgeboten. Der Tenor in den Gerichtsreportagen ging nach den ersten Verhandlungstagen unisono in Richtung Schuldspruch. Doch am 24. September kam die Wende: "Berliner Professor entlastet Fiffi Kronsbein", titelte die Bild. Gemeint war Volkmar Schneider, der sich schon seit Jahren mit dem Stromtod wissenschaftlich beschäftigte. Vor Gericht erklärte er, daß Kronsbeins Angaben über den Todeszeitpunkt der Ehefrau durchaus richtig sein können. Er berichtete von zwei in seinem Institut obduzierten Leichen, bei denen der Tod durch Stromschläge verursacht worden sei und eine beschleunigte Totenstarre eingesetzt habe. Auch die Verletzungen ließen sich erklären. Schneider: "Durch den Stromstoß verkrampfte sich die Nackenmuskulatur; dadurch zerriß das Muskelgewebe."

Der Staatsanwalt beantragte nach diesem Gutachten einen Freispruch. Auch das Gericht folgte Schneider. "Wir haben keinen Zweifel am Stromtod von Frau Kronsbein", sagte der Vorsitzende und bezog dabei sich ausdrücklich auf den Vortrag des Berliner Gerichtsmediziners.

Helmut "Fiffi" Kronsbein verstarb am 27. März 1991.

Nächster Teil: Am 16. Dezember 1989 kommt es im Hotel Central am Kurfürstendamm zu einem Brand. Acht Menschen sterben. Aber nur sieben können zunächst identifiziert werden: ein Fall für Volkmar Schneider.