Berlin hat jetzt auch eine Spanische Treppe

Ein wenig gewagt ist er ja schon dieser Vergleich. Die "Spanische Treppe" von Berlin wurde die Freitreppe am nördlichen Spreeufer vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus schnell getauft. Schon bevor Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gestern vormittag die neue Spreeufer-Promenade am Schiffbauerdamm, die auch zum Spreeplatz mit der neuen Attraktion führt, freigaben.

Die Spanische Treppe in Rom, das sind 136 Stufen italienische Lebensfreude pur. Ein Treffpunkt für Einheimische und Touristen, an dem jeder einmal vorbeikommt, der der Ewigen Stadt einen Besuch abstattet. Gestern war das Wetter in der deutschen Hauptstadt nicht besonders italienisch. Es regnete, meist sogar Bindfäden, und auf den 60 Betonstufen ließ sich kaum jemand nieder. Mehr als ein kurzes "Probesitzen" war nicht drin, es war einfach zu kalt und ungemütlich. Trotzdem konnte man sie finden. Menschen die gekommen waren, um die neue Treppe einmal zu erklimmen. Absolut begeistert zeigte sich das Ehepaar Knöfel. "Hier hat man Luft und Freiheit", schwärmte Marlies Knöfel. "In Rom haben wir einmal im Hotel Hassler direkt oben an der Spanischen Treppe gewohnt. Die ist ja doch sehr beengt und eingemauert." Die Knöflers wohnen in der Invalidenstraße, gehen jeden Tag an der Spree spazieren. "Bislang konnte man das ja leider nur auf der anderen Seite", sagte Ludwig Knöfler. "Jetzt freuen wir uns schon darauf, daß auch das letzte Stück der Spreeufer-Promenade fertig wird." Vor einem Jahr verkaufte das Ehepaar sein Lübecker Haus und zog nach Berlin. Wegen des kulturellen Angebots - und eben auch wegen der Architektur. "Gerade hier in Mitte ist es besonders spannend. Alles ist großzügig und modern. Auch am Kudamm ist es im Gegensatz dazu beengt, dort ist kein Raum mehr für Veränderung."

Der Architekt Stephan Braunfels, laut eigener Aussage ein großer "Treppenfan", hat bei der Planung der Treppe gar nicht die in Rom als Vorbild gehabt. "Mein Urvorbild ist eine Treppe im Park von Versailles. Außerdem hatte ich noch die Treppe der Brühlschen Terrasse in Dresden im Kopf, die ja auch als ,Balkon Europas' bezeichnet wird. Warum also nicht hier der ,Balkon Berlins'?" Die neue Freitreppe, 9,60 Meter hoch und bis zu 25 Meter breit, führt also auch zu einer großen Terrasse, von der man einen wunderbaren Blick auf die Sehenswürdigkeiten von Berlin hat. Einen Zugang zur Bundestags-Bibliothek im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus gibt es hier entgegen ursprünglicher Planungen nicht. Aus Sicherheitsgründen. Dafür hat man aber keineswegs nur die laut Braunfels "attraktivste Aussicht auf den Reichstag". Zwischen Reichstag und Paul-Löbe-Haus sieht man einen Ausschnitt vom Tiergarten, ein Stück der "Schwangeren Auster", und die Siegessäule lugt genauso hervor die die Spitze des Funkturms in ganz weiter Ferne. Ein formidabler Foto-Stopp also für alle Berlin-Entdecker. Zu denen zählte gestern auch der 22jährige Gero Gerhards aus Köln, der zum letzten Mal vor drei Jahren im Regierungsviertel war. "Eigentlich bin ich kein Freund moderner Architektur, aber an dieser Stelle finde ich sie sehr gelungen, denn mit den Brücken und dem Wasser ist sie wunderbar eingebettet." Tatsächlich besteht ja der Spreeplatz kurioserweise hauptsächlich aus der Spree selbst - und den Platzrändern vor Löbe- und Lüders-Haus. Die Treppe ist nur ein Teil des Gesamtkunstwerks, das so laut Architekt einzigartig auf der Welt ist. Eines fehlt nach Meinung des Kölner Studenten aber: "Attraktiver wäre der Platz noch, wenn es hier ein Café gäbe." Diese Ansicht teilt auch Braunfels. "Als die Planung vor fast zehn Jahren begann, war man dagegen. Aber ich habe vorgesorgt. Man könnte ein Café nachrüsten." Andere haben sogar noch weitreichendere Ideen. Warum nicht diese einzigartige Kulisse für Freilichtveranstaltungen nutzen? "Das ist doch eine traumhafte Theaterarena", sagte gestern Arvid Boellert aus Charlottenburg. "Hoffentlich erkennt der neue Bundestag das Potential."

Die Atmosphäre im Regierungsviertel, nein, sie hatte gestern so gar keine Ähnlichkeit mit der im römischen Zentrum. Und doch - die Menschen, die mit Regenschirm in der Hand an der Treppe vorbeihuschten, warfen einen Blick hinauf. In vielen Augen meinte man die Vorfreude darauf zu erkennen, sich beim nächsten Sonnenstrahl einmal hier niederzulassen.