Späth'sche Baumschulen - von der ersten Ausgabe an dabei

Foto: J. Schulz

Würdige 254 Jahre alt ist die Königliche Porzellanmanufaktur KPM - und dennoch 31 Jahre zu jung, um als ältester bestehender Gewerbebetrieb Berlins firmieren zu können. Sie ist nur die Nummer zwei. Spitzenreiter sind und bleiben - Zeit ihres Lebens - die Späth'schen Baumschulen.

1720 zogen die Firmengründer vor dem Halleschen Tor die ersten Schößlinge für Berlins Grünanlagen und Gärten. Heute ist der Firmensitz längst in Treptow, der Stadtplan führt von ganz allein zu ihr: Über den Baumschulenweg mit gleichnamiger S-Bahnstation und die Späthstraße aufs Gelände gleich neben Späthfelde.

Die Zeit Mitte der Zwanziger Jahre, als die Familie der Pflanzenzüchter, Samenhändler, Landschaftsarchitekten und Gartenbedarfshändler gleich in mehreren Sparten im ersten amtlichen Branchentelefonbuch verzeichnet war, gehört sicher zu den besten ihrer Firmengeschichte. Nicht nur die allgemein prosperierende Wirtschaft, vor allem der Zeitgeist zahlte sich für sie in Reichsmark aus: Der Gedanke der Gartenstadt in der Stadtplanung sorgte dafür, daß auch der "Kleine Mann" sein Apfelbäumchen pflanzen konnte, Schrebergärten wucherten in und rund um Groß-Berlin. Nicht zuletzt die Blockade im ersten Weltkrieg hatte allen gezeigt, wie wertvoll eigener Anbau sein kann.

Die Zeichen standen auf Expansion. Vor allen möglichen Bahnhöfen in der Stadt, an denen die Angestellten in die Vorortzüge stiegen, wo sie nur noch ein paar Meter zu Fuß zu bewältigen hatten, fand sich Platz für kleine Gartencenter, wurden den Heimfahrern Bäumchen und Stauden feilgeboten. Es war auch die Ära, in der Späth'sches Grün die Welt eroberte. Von den USA und Brasilien bis nach Australien und China reichte der Versand; der Negus von Abessinien bezog größere Posten, um damit den Stadtpark um das Mausoleum in Adis Abeba anzulegen. Späths Popularität im Land und auf der Welt nutzten - eigentlich schon seit dem Soldatenkönig 1720 - immer wieder auch die Herrschenden im Reich. Monarchen, Kanzler Bismarck, später aber auch die Größen der 20er und 30er-Jahre statteten den Anlagen in Treptow gern öffentlichkeitswirksame Besuche ab.

Doch das wirtschaftliche Hoch in der Weimarer Republik währte nicht lange. Die Weltwirtschaftskrise brachte das Haus an den Rand des Ruins. Insbesondere die leeren Kassen der Kommunen, die zu den Hauptkunden zählten, sorgten fast für Zahlungsunfähigkeit. Hellmut Späth konnte sie nur durch die großflächige Aufgabe von Ländereien - eben auch Späthfelde - mit Mühe vermeiden. Glücklicherweise hatte man sich längst mit großen und billigeren Liegenschaften bei Ketzin im Nordosten Berlins eingedeckt.

1933 trat Späth der NSDAP bei, zum Wohle seines Betriebes, der auch schon bald bei der Begrünung von Autobahnanlagen, beim Bau des Olympiastadions in Berlin und beim Flughafen in Tempelhof an lukrative staatliche Aufträge kam. Größen des Regimes gingen in Treptow ein und aus. All dies rief Neider auf den Plan, und Späth bot neben der ihm eigenen freimütigen Aussprache über die Zustände im Land noch weitere Angriffsflächen: Seine frühere Frau war Jüdin, was auch seine Tochter aus dieser Ehe betraf. Und er beschäftigte Juden in den Baumschulen.

So wurde Hellmut Späth aus nicht ganz geklärten Umständen 1943 festgenommen und enteignet. Eigentlich zu einem Jahr Haft verurteilt, wurde Späth ins KZ Sachsenhausen gebracht und dort im Februar 1945 ermordet.

Die Baumschulen überdauerten die DDR-Zeit als Volkseigener Betrieb. Der kleine Botanische Garten und die Zuchtforschung wurden an die Humboldt-Universität angegliedert, zu der sie auch heute noch gehören.

Anders die Baumschulen: Weil sie nicht unmittelbar nach, sondern noch vor 1945 ihrem rechtmäßigen Eigentümer genommen worden waren, mußten sie nach längerem Rechtsstreit 1997 schließlich an die Erbengemeinschaft zurückgegeben werden, die heute von Manfred Späth, dem Sohn des 1945 ermordeten Besitzers, geführt wird. Den Erben gehört ein Konglomerat von Späth'schen Firmen in Berlin und Ketzin, in die das Unternehmen mit insgesamt 35 Angestellten und 35 Hektar aus betriebswirtschaftlichen Gründen aufgeteilt wurde.

Wenn die Späth'schen Baumschulen auch dieses Jahr wieder im Branchenbuch werben, so fällt die Annonce auf Seite 360 nicht auf so fruchtbaren Boden wie in der Ausgabe von 1925, wo sich das bekante Unternehmen mit einfachen Erwähnungen ohne viel Reklame begnügen konnte. Die Zeiten sind alles andere als einfach, auch für Gartenbaubetriebe. Gerade erst mußte das Gartencenter auf dem Treptower Späth-Gelände Insolvenz anmelden, ein Betrieb, der allerdings nicht der Erbengemeinschaft gehört.